Bundespräsident Joachim Gauck wird für seine Äußerungen vom türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisiert
Bundespräsident Joachim Gauck wird für seine Äußerungen vom türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan kritisiert

Der Pastor, das unbekannte Wesen

Recep Tayyip Erdogan findet es hässlich, dass Joachim Gauck sich wie ein Pastor verhält. Dabei tut er das gar nicht. Und selbst wenn, würden zumindest die Deutschen ihn dafür wohl eher schätzen als verachten. | Ein Kommentar von Anna Lutz

Gauck hat in Ankara getan, was er angekündigt hat und die meisten Deutschen wohl von ihm erwartet haben: Er hat die Türken am Montag dazu aufgerufen, Justiz- und Medienfreiheit zu schützen. „Wir erleben, dass der Zugang zu Internet und sozialen Netzwerken beschnitten, dass kritische Journalisten entlassen, auch verurteilt, Zeitungen mit Veröffentlichungsverboten belegt und Herausgeber juristisch unter Druck gesetzt werden“, zitiert die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihn. Gauck sprach diese Worte nicht nur als Bundespräsident, sondern auch als ehemaliger DDR-Bürgerrechtler aus, der seinerzeit genau beobachten konnte, was die Beschneidung von Grundrechten aus einem Staat macht.

Erdogans Retourkutsche

Die Retourkutsche des türkischen Ministerpräsidenten Recep Tayyip Erdogan folgte am Dienstag. In einer Fraktionssitzung seiner Partei AKP, die öffentlich im Fernsehen übertragen wurde, warf er dem Präsidenten vor, sich in innerstaatliche Angelegenheiten einzumischen. „Der deutsche Staatspräsident denkt wohl, er sei immer noch ein Pastor“, erklärte Erdogan, und weiter: „Aus diesem Verständnis heraus schaut er auf die Dinge. Das geht nicht. Das ist hässlich.“

Dieser öffentliche Ausfall zeugt nicht nur von mangelnder Souveränität des Staatsmannes. Erdogan präsentiert den Pastor als Feindbild und macht damit Fronten auf, die einem Land, das in die EU möchte, nicht würdig sind. Man stelle sich einmal vor, die Kanzlerin würfe dem Ministerpräsidenten öffentlich seine Nähe zu islamistischen Kreisen vor und stelle damit sein Wirken in Frage. Nein, so etwas tut man, wenn überhaupt, unter vier, nicht aber vor aller Welt Augen.

Und überhaupt: Welche Gruppe seiner Zuhörer wollte Erdogan mit seinem Vorwurf nun eigentlich beeindrucken? Die Säkularen, die auf einen Rückkehr zum Laizismus eines Kemal Atatürk hoffen und eine Vermischung von Religion und Staat kritisch sehen? Oder eher sein eigentliches Klientel, die Muslimisch-Konservativen, die die Bedrohung im Christentum an sich suchen könnten? Da er seine Rede vor der eigenen Partei hielt, kommt wohl letzteres am ehesten in Frage – dies wiederum dürfte gerade die Säkularen erneut beunruhigen. Ein Islam-gegen-Christentum-Dualismus ist kaum im Sinne nichtreligiöser Bürger. Erdogan hat sich mit seinen Worten also selbst keinen Gefallen getan. Es wird sich zeigen, ob seine Entgleisung die ohnehin schon aufgebrachten Türken, die seit Monaten gegen diverse Aktionen der Erdogan-Regierung protestieren, erneut anfeuert.

Nicht jeder freut sich darüber

Und was das Verhältnis zu Deutschland angeht: Gauck nimmt die Kritik, wie es scheint, gelassen. Als sich eine türkische Frauenrechtlerin für seine kritischen Anmerkungen zum Zustand der Türkei bedankte, sagte er lächelnd: „Nicht jeder im Land freut sich darüber“, berichtete der Spiegel am Dienstag. Diese Entspannung mag, ganz im Gegensatz zu seiner Türkei-Kritik, tatsächlich ein Überbleibsel aus Gaucks Pastorenzeit sein. Wer in der DDR als Geistlicher tätig und zudem für missionarische Arbeit zuständig war wie der jetzige Bundespräsident, und wer dafür von der Stasi beobachtet wurde, der kann einen einzelnen Querschießer wie Erdogan gut wegstecken – und sich freuen, dass er in eine vereinigte Bundesrepublik zurückkehren kann, in der Pastoren und Pfarrer laut Erhebungen des Instituts Allensbach zu den fünf angesehensten Berufsgruppen gehören. (pro)

Von: al

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