Die Gesellschaft braucht Luther, findet Kommentator Gerrit Hohage. Ohne die Lehre des Reformators sähe es düster aus
Die Gesellschaft braucht Luther, findet Kommentator Gerrit Hohage. Ohne die Lehre des Reformators sähe es düster aus

„Wider Luther“: Differenzieren verboten

Die Welt am Sonntag hat „9,5 Thesen wider Luther“ abgedruckt, in denen Autor Alan Posener Martin Luther eine „finstere Lehre“ unterstellt. Was sich auf den ersten Blick wie unreflektierte Hetze gegen den Reformator liest, entpuppt sich auf den zweiten als Kritik am Protestantismus. Ein Gastkommentar von Gerrit Hohage

An sich wären die „9,5 Thesen wider Luther“ aus der Hand des britisch-deutschen Atheisten Alan Posener („Ohne Religion wäre die Welt besser dran“) ein Stück fürs Kuriositätenkabinett. Zu unseriös ist es aus der Warte des Historikers, Luther nicht aus dessen historischem Kontext heraus zu verstehen, sondern unsere postmoderne Wertehaltung zugrunde zu legen. Um zu behaupten, Luther habe mit Demokratie „nichts am Hut“, muss man vergessen, dass das britische Unterhaus erst zwei Jahrhunderte nach seiner Geburt gegründet wurde.

Dem Lutherforscher wiederum fällt ins Auge, dass Posener die Datierung und Bedeutung der „reformatorischen Wende“ offensichtlich nicht bekannt ist. Sonst wüsste er, dass die „tägliche Buße“ der 95 Thesen – ein typisches Motiv aus Luthers Frühschriften – keineswegs das Ziel der Spiritualität Luthers bildet, sondern lediglich eine Durchgangsstation auf dem Weg zur Glaubensgerechtigkeit allein aus Gnade darstellte. Das Studium der reformatorischen Grundschriften wiederum hätte ihm die Erkenntnis vermitteln können, dass die „Freiheit eines Christenmenschen“, die er vor Gott durch dessen Gnade hat, und der tätige Liebesdienst dem Nächsten gegenüber, der ihn „jedermann untertan“ macht, von Anfang an zusammengehören: Die Freiheit führt gerade nicht zur Bindungslosigkeit, sondern zur Liebe und so zur freiwilligen Bindung – weder an den Staat noch an die Kirche, sondern an Gott und den Nächsten. Was Posener also über Luthers Theologie behauptet, kann man getrost vergessen – trotz des aus dem Zusammenhang gerisssenen Halbsatzes von Richard Marius, der post mortem als Gewährsmann herhalten muss.

„Luther ganz oder gar nicht“

Aber um Luther selbst geht es Alan Posener ja auch gar nicht. Der eigentliche Gegenstand seiner Kritik ist der heutige Protestantismus, die Kirchen, die sich auf Luther berufen. Diese von ihrer Grundlage zu lösen ist sein Ziel. Wenn schon Kirche, dann bitte eine areligiöse, die Luther zur Not noch als historische Voraussetzung ihrer Existenz ansieht, aber doch bitte nicht mehr als Lehrer, Prediger und Vorbild heutigen Glaubens.

Allein dieses Interesse, das mit innerkirchlichen Bestrebungen derselben Zielsetzung korrespondiert, rechtfertigt überhaupt eine Replik. Denn die Argumente sind hier wie dort dieselben: Luther und die Juden, der Bauernkrieg, das „sola scriptura“ („allein die Schrift“). Luther, der Fundamentalist. Schon die Klischeehaftigkeit bringt die Absicht zum Vorschein. Als hätte der Protestantismus nicht längst zu einer Position jenseits von Hagiographie gefunden. Als wäre nicht bekannt, dass Luther in seinen fürchterlichen Äußerungen über die Juden den Boden der Bibel verlassen hat. Dass andere Protestanten zum Bauernkrieg andere Entscheidungen trafen und bis heute treffen. Nein, Luther entweder ganz oder gar nicht. Differenzieren verboten. Auf einen Verfemten, einen Aussätzigen beruft man sich nicht.

Unschwer erkennt man darin das Procedere der aktuellen politischen Debatten in unserem Land, die den Historiker notgedrungen an zwei Instrumente der mittelalterlichen Sozialität denken lassen, nämlich den Pranger und die Inquisition. Nachdem es der katholischen Kirche von damals nicht gelang, den Ketzer zum Schweigen zu bringen, versucht es die moderne Inquisition vom Schlage des „neuen Atheismus“ dieses Mal besser zu machen.

„Lebenswert geht anders“

Die Methode der Selektion von Äußerungen Luthers abseits von ihrem Zusammenhang haben beide schon mal gemeinsam. Ist das humanistische Gerechtigkeit, wenn man nicht den modernen Fundamentalismus von Luther aus beurteilt, sondern umgekehrt? Und wenn es aus dem Pool der Gründe, die Protestanten haben, um sich gegen diesen Neuaufguss des Ketzerprozesses zu verwahren, einen nichtreligiösen gibt, dann denjenigen, die von Luther initiierte Neuzeit („ich stehe hier und kann nicht anders, Gott helfe mir, Amen“) gegen das postmodern-mittelalterliche virtuelle Schafott zu verteidigen.

Ja, Menschen dürfen Fehler machen. Ja, Menschen brauchen Vergebung. Ja, man muss alles prüfen und das Gute behalten ohn’ Ansehen der Person. Ja, unsere Gesellschaft braucht einen Umgang, der den Nächsten mit seinen Schwachheiten annimmt und diese mit Liebe behutsam zudeckt, wie Luther es lehrte. Und nein, eine solche Gesellschaft, die übrig bleibt, wenn man dieses alles aus ihr herausschneidet, wäre nicht besser dran. Lebenswert geht anders: Im Empfangen und Geben von Barmherzigkeit und Gnade lebt sich’s besser. (pro)

Von: Gerrit Hohage

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