Die Fragen von Claus Kleber brachen "wie ein Strafgericht" über Joe Kaeser herein, heißt es in einem Artikel der FAZ
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Zarin Katharina die Große gründete Sewastopol. Die Stadt hat historische Bedeutung für Russland
Zarin Katharina die Große gründete Sewastopol. Die Stadt hat historische Bedeutung für Russland

Russland in den Medien: Übertrieben negativ?

Die deutschen Medien vergaloppieren sich in ihrer Dämonisierung Russlands, findet pro-Redakteur Moritz Breckner. pro-Redakteurin Swanhild Zacharias widerspricht: Viele Medien beleuchten im Krim-Konflikt auch die historischen Gründe für Putins handeln.

High Noon mit Claus Kleber

Von Moritz Breckner

Wer am Mittwochabend das heute-journal einschaltete, wurde Zeuge eines ungewöhnlichen Vorgangs: Wie ein Schwerverbrecher wurde Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser ins Kreuzverhör genommen, weil er es gewagt hatte, trotz der Krim-Krise mit einer Wirtschaftsdelegation nach Moskau zu reisen und – im Interesse deutscher Arbeitsplätze und Exporte – das Gespräch mit Wladimir Putin zu suchen. „Wir setzen auf Dialog und Verständigung“, erklärte Kaeser. Moderator Claus Kleber war das zuviel. Mehrfach fragt er nicht nur kritisch nach, sondern klagte Kaeser regelrecht an, weil dieser die Bemühungen von Kanzlerin Merkel, US-Präsident Obama und der EU „konterkariere“, Russland zu isolieren. Alle Bemühungen Kaesers, bei Kleber für Dialog und langfristige gemeinsame Problemlösungen zu werben, blieben ohne Erfolg. Frank Schirrmacher bezeichnete das Interview in einem FAZ-Artikel als bedrohliches High Noon: „Die Deutschen sollten nicht erfahren, was Joe Kaeser in Moskau tat, sondern, wie Claus Kleber darüber denkt.“

„Die West-Medien scheinen in ihrer Herablassung Russland gegenüber und der Schuldverteilung – guter Westen, böser Osten – quasi gleichgeschaltet.“ Diese These stammt nicht etwa aus dem Kreml, sondern selbstkritisch aus der deutschen Publizistik, nämlich von der Frauenrechtlerin Alice Schwarzer. Die Journalistin hat mit ihrer Beobachtung recht: In Zeitungen und Talkshows wird der russische Präsident Wladimir Putin dämonisiert, während den teils zer- und umstrittenen politischen Kräften in der Ukraine wenig Schuld an der Krim-Krise angelastet wird. Selten sind sich die Medien so einig gewesen, und selten fielen sie so eindeutig in den Tonfall europäischer Regierungen und der USA mit ein. Selbst die am Dienstag durch einen Telefonmitschnitt publik gewordene Ankündigung der ukrainischen Aktivistin Julia Timoschenko, die „russischen Hunde“ gerne eigenhändig erschießen zu wollen, hat daran nur wenig geändert.

Dass eine Dämonisierung Russlands in dieser Quantität und Qualität unbegründet und kontraproduktiv ist, erklärten diese Woche sowohl der ehemalige US-Außenminister Henry Kissinger als auch der frühere Bundeskanzler Helmut Schmidt. Das Vorgehen von Putin auf der Krim sei „durchaus verständlich“, erklärte Schmidt in der Wochenzeitung Die Zeit, die Sanktionen gegen Russland seien „dummes Zeug“. Die Deutschen geben Schmidt teilweise recht: 55 Prozent haben laut einer repräsentativen Umfrage im Auftrag des Spiegel „viel oder etwas“ Verständnis dafür, dass Putin die Krim als Teil der russischen Einflusszone betrachtet. 54 Prozent meinen, der Westen solle den Anschluss der Krim an Russland akzeptieren, obgleich 60 Prozent die Reaktionen des Westens für angemessen halten.

Während sich die Regierungen im Westen also einig sind, sieht die Bevölkerung die Sachlage durchaus differenziert. Die westlichen Medien täten gut daran, ausgewogener zu berichten sich nicht zum Sprachrohr der Regierungen zu machen – ein Vorgehen, das man den russischen Staatsmedien vorwirft.

Die Russlandversteher

Von Swanhild Zacharias

Auf den ersten Blick scheinen sich die westlichen Medien einig zu sein über den russischen Staatschef Wladimir Putin: Schuld an der Krim-Krise ist der Kreml. Putin wird regelrecht dämonisiert, Begriffe wie „Kalter Krieg“ erwachen zu neuem Leben. Auf den zweiten Blick wird aber klar: Ganz so einig sind sich die Medienvertreter doch nicht. Hier und da tauchen Gegenstimmen auf, die Partei für Russland ergreifen. Denn die mutmaßlichen Gründe für Putins Verhalten reichen tief bis in die gemeinsame Geschichte seines Landes und der Ukraine zurück.

In einem Hintergrundartikel beleuchtet die Zeitung Die Zeit den Abzug der Sowjets nach dem Jahr 1990 aus Ostdeutschland. Michail Gorbatschow, damaliger Staatspräsident der Sowjetunion, habe besonderen Wert auf eines gelegt: Keine Alliierten Truppen sollten in Zukunft in Berlin und auf dem Gebiet der einstigen DDR stationiert werden. Dieses politische Versprechen gab man ihm. „Dass sich sie Nato später in ganz Osteuropa und bis in die baltischen Staaten, an die Grenze zu Russland, ausbreiten würde, konnte niemand vorhersehen“, heißt es im Artikel. Die ablehnende und „trotzige“ Haltung Putins gegenüber dem Westen habe mit diesen Erfahrungen zu tun.

Schlüsselereignis Krim-Krieg

Der Abzug der Sowjets aus dem Osten Deutschlands sei zudem eine einzige Demütigung gewesen: Der damalige Kanzler Helmut Kohl verweigerte ihnen eine gemeinsame Verabschiedung mit den westlichen Alliierten. Das habe sich in Moskau wie eine erneute Niederlage angefühlt. „Ein Abzug in Würde wäre den Russen wichtig gewesen“, heißt es.

Auch der Fernsehsender 3Sat widmete sich der gemeinsamen Vergangenheit beider Länder und versucht damit, Verständnis für Putins Reaktionen zu schaffen. „Die Krim-Krise“ erklärt die Bedeutung der Halbinsel für Russland zur Zarenzeit bis heute: Wladimir der Große wurde 988 wurde auf Krim getauft. Nach der Heirat mit einer Prinzessin aus Byzanz wurde das mittelalterliche Reich „Kiewer Rus“ christlich und zur Keimzelle des Zarenreichs. Zarin Katharina die Große ließ die Krim im Jahr 1783 von muslimischen Tataren zurückerobern und gründete Sewastopol. Die Halbinsel war für Russland immer strategisch wichtig. Der verlorene Krim-Krieg im Jahr 1855 sei ein Schlüsselereignis, das bis heute das Misstrauen gegenüber dem Westen erkläre, heißt es im Beitrag.

„Der Gründungsmythos beginn in Kiew. Und das soll jetzt einfach verschwinden und an die EU fallen? Ich weiß nicht, wie dumm man im Westen sein muss, das nicht gesehen zu haben“, sagt der Osteuropa-Historiker Jörg Baberowski. Seine nationale Identität beziehe Russland aus der Gesamtheit aller Russen, egal wo sie sich aufhielten. Im Westen werde das nicht verstanden. Die Macher der Sendung folgern: Die erneute Aneignung der Krim zeige Putins Sorge um den Schutz seiner Landsleute außerhalb der russischen Grenzen.

Mangelnde Kommunikation mit Moskau

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) kam Armin Laschet, stellvertretender Bundesvorsitzende der CDU, zu Wort. Er sprach von einem „marktgängigen Anti-Putin-Populismus“. Der Westen sei außerdem zu sehr auf sich selbst fixiert: Man müsse sich in den Gesprächspartner hineinversetzen, wenn man außenpolitische Beziehungen pflege.

Der Westen habe zudem versäumt, rechtzeitig mit Russland zu sprechen, meint der ehemalige Kommissar der europäischen Union, Günter Verheugen, in einem Beitrag des Senders Deutsche Welle. Immer öfter tauchen neben der Putin Kritik ähnliche Stimmen in den Medien auf, die dem Westen mangelnde Kommunikation vorwerfen.

So auch in einem Beitrag des Magazins Stern. Bei den Assozisierungsabkommen mit der EU mit der Ukraine hätte man Putin nicht ausschließen dürfen. Diese ungenügende Kommunikation hätte die Krise erst ausgelöst, schreibt Hans-Ulrich Jörges, Mitglied der Stern-Chefredaktion. Die Dämonisierung Russlands habe zudem eine „Maß- und Bedenklosigkeit erreicht“, kritisiert er. Davon müsse man sich frei machen, denn Russland werde noch als Partner gebraucht – zum Beispiel gegenüber Syrien und dem Iran, gibt er zu Bedenken.

„Nato-Osterweiterung hat Russland betrogen“

Auch das Ergebnis der Volksabstimmung auf der Krim dürfe nicht außer Acht gelassen werden. Die Bürger hätten klar für eine Zugehörigkeit zu Russland gestimmt, schreibt Jörges und verweist damit auf das Selbstbestimmungsrecht der Völker.

In der Talkshow Anne Will trafen sich Anfang der Woche Russlandversteher und Vertreter der harten Linie der Bundesregierung. Neben dem Vorsitzenden des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag, Norbert Röttgen, der darauf beharrte, Putin müsse abgestraft werden, kam auch die Ehrenpräsidentin der deutsch-russischen Außenhandelskammer, Andrea von Knoop, zu Wort. Durch die Nato-Osterweiterung habe der Westen Russland betrogen, sagte sie. Damit spielte sie, ähnlich wie Die Zeit, auf die politischen Versprechen an die Sowjets in den 90er Jahren an.

Mit der Annexion der Krim hat Putin völkerrechtswidrig gehandelt. Damit haben seine medialen Gegner Recht. Dafür muss der russische Staatschef zur Verantwortung gezogen werden. Die alleinige Schuld am Debakel in der Ukraine kann Putin aber nicht zugeschrieben werden. Nicht alle – aber einige Medien schaffen hier einen Ausgleich, indem sie auch die Hintergründe der gemeinsamen Geschichte Russlands und der Ukraine beleuchten. Dann liegt das Verständnis, das diese Medien für das Handeln des russischen Staatschefs entgegenbringen, gar nicht so fern. (pro)

Von: mb/sz

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