Wieviel Vielfalt hält der Pluralismus aus?
Wieviel Vielfalt hält der Pluralismus aus?

Nagelprobe des Pluralismus

Eine pluralistische Gesellschaft muss die öffentliche Debatte aushalten. Auch, wenn es um Homosexualität geht. Ein Plädoyer für mehr Empathie von Norbert Schäfer

Eine pluralistische Gesellschaft akzeptiert per Definition eine Vielzahl grundlegender Meinungen, verschiedener Lebensstile und Lebensziele nebeneinander. LSBTTI-Menschen (lesbische, schwule, bisexuelle, transsexuelle, transgender und intersexuelle Menschen) drängen auf gesellschaftliche Akzeptanz ihrer Lebensentwürfe und die rechtliche Gleichstellung ihrer jeweiligen Lebensform. In unserer Gesellschaft, die den Anspruch erhebt, pluralistisch zu sein, müssen aber auch die Menschen einen Platz haben und ihre Meinung vertreten dürfen, die im Rahmen der Religionsfreiheit glauben und verlauten lassen, dass „der christliche Gott etwas gegen gleichgeschlechtliche Beziehungen haben könnte“, wie Michael Diener, Vorsitzender der Deutschen Evangelischen Allianz, formuliert hat. Akzeptiert die Gesellschaft auch diese (zugegeben unpopuläre) Sicht?

Die öffentlich geführte und emotional geladene Debatte um den „Bildungsplan 2015“ in Baden-Württemberg erweckt beim Beobachter viel eher den Eindruck eines Gesinnungskrieges. Dabei stehen sich die auf gesellschaftliche Veränderung drängenden Kräfte einerseits und die die Gesellschaft bewahrenden Kräfte andererseits geradezu als Kombattanten gegenüber. Es ist die Nagelprobe: Können derart verschiedene Meinungen koexistieren, funktioniert das pluralistische Modell der Gesellschaft noch?

Im Vordergrund steht leider nicht mehr der Diskurs, sondern der Kampf. Die abweichende Meinung wird sanktioniert, wer sie vertritt, soll zum Schweigen gebracht werden. In den beiden Debatten um den „Bildungsplan 2015“ und das „EKD-Familienpapier“ geht es letztlich um dasselbe. Beide sehen das klassische Familienbild von „Vater, Mutter, Kind“ als überholt und renovierungsbedürftig, als nicht mehr maßgebliche Lebensweise. So verwundert es nicht, dass Kritiker beider Papiere besonders häufig unter konservativ gesinnten Christen zu finden sind, die in der Familie keine verstaubte Norm, sondern die tragende Stütze der Gesellschaft sehen. Finden diese Menschen im pluralistischen Modell auch ihren angemessenen Platz und dürfen sie sagen, was sie denken?

In dem diskutierten „Arbeitspapier für die Hand der Bildungsplankommissionen als Grundlage und Orientierung zur Verankerung der Leitprinzipien“ steht: „Die Kinder und Jugendlichen müssen in der Lage sein, ihre eigenen Wertvorstellungen und Haltungen zu reflektieren und weiter zu entwickeln, Probleme und Konflikte friedlich zu lösen bzw. auszuhalten, aber auch Empathie für andere entwickeln zu können und sich selbst bezüglich des eigenen Denkens und Fühlens zu artikulieren und – wenn nötig – auch zu relativieren.“ Diese Maxime sollten sich alle an der Diskussion Beteiligten ins Brevier schreiben. (pro)

Von: Norbert Schäfer

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