Der Junge auf dem im Web viral gewordenen Foto (links) trauert nicht um seine Eltern
Der Junge auf dem im Web viral gewordenen Foto (links) trauert nicht um seine Eltern

Tausend Worte um ein Bild

Ein Missverständnis um ein Foto, das angeblich aus dem syrischen Bürgerkrieg stammt, zeigt: Nicht nur Journalisten, auch jeder Internetnutzer sollte gut überlegen, bei welchen Bildern er auf „Teilen“ klickt. Ein Kommentar von Stefanie Ramsperger

Dieser Tage macht ein Foto die Runde in den verschiedenen sozialen Netzwerken: Der Fotograf Abdel Aziz Al-Atibi hat das Bild eines schlafenden Jungen auf Instragram hochgeladen. Das Kind liegt im Sand zwischen zwei Gräbern. Solche Tragik berge der Bürgerkrieg in Syrien, lautete die Botschaft, die sich innerhalb weniger Stunden über Facebook, Twitter und Co. verbreitete.

Was viele nicht wissen: Das Foto ist Teil eines Kunstprojekts, es wurde in Saudi-Arabien aufgenommen, das Kind ist der Neffe des Fotografen und mit Syrien hat das Bild überhaupt nichts zu tun. Das Gerücht soll durch den syrischen Oppositionsführer Ahmad Jarba in die Welt gesetzt worden sein. Egal, wie und warum, Fakt ist, dass sich Millionen Menschen manipulieren ließen: Wer hat schon nachgeprüft, in welchem Kontext das Bild aufgenommen wurde und wie nah es daran ist, die Realität abzubilden? Ein Bild sagt sprichwörtlich mehr als tausend Worte – dem glaubt man eben. Fotos als vermeintlich besonders glaubwürdiger Quelle zu vertrauen, das haben wir gelernt, selbst in Zeiten digitaler Bildbearbeitung.

Im vergangenen Jahr zeichneten die Verantwortlichen des Pulitzer Prize Boards und von World Press Photo ein Bild des Fotografen Javier Manzano aus. Der Kriegsfotograf wählte zwei syrische Rebellen als Motiv, verschanzt in einem dunklen Raum, aus einem Loch in der Hauswand blickend, das Sturmgewehr im Anschlag. Das Bild ist umstritten. Kritiker bemängeln, dass die Waffenhaltung der Rebellen unglaubwürdig sei. Eine Gefechtssituation könne nicht abgebildet sein, die Waffen seien nicht einmal entsichert. Posieren die Rebellen fürs „authentische“ Kriegsfoto? Manzano bestreitet dies. Wie glaubwürdig es ist, wenn er sagt, viele der Rebellen seien eben keine geschulten Militärs und handhabten ihre Waffen deshalb unprofessionell, sei dahingestellt.

Besondere Verantwortung für Bildjournalisten

Bei aller Unsicherheit: Fakt ist, dass kein Bild die Wirklichkeit abzubilden vermag. Wählt ein Fotojournalist einen Ausschnitt der Realität um ihn herum aus, beeinflusst er den Rezipienten bereits, weil dieser das Geschehen weiterdenkt – auf der Basis seines Vorwissens und seiner Annahmen. So zeigte der Fotograf Ruben Salvatori in einem Projekt, dass aus angespannten Sicherheitskräften, augenscheinlich im Konflikt mit Demonstranten, friedliche Polizisten auf einer leeren Straße werden – wenn der Fotograf den gewählten Bildausschnitt verändert.

Auf Bildjournalisten lastet eine besondere Verantwortung, schließlich neigen wir dazu, ihren Machwerken besonderen Glauben zu schenken. Das aktuelle Beispiel um den angeblichen Kriegswaisen zeigt aber noch etwas: Es sind nicht mehr nur die Medienprofis, die diese Verantwortung tragen, wenn sie ein Bild auswählen, in einen Kontext stellen und weitergeben. Verantwortlich ist jeder einzelne: Durch die neuen Medien lassen sich Inhalte innerhalb von Sekunden über Kontinente verbreiten. Der „Teilen“-Klick geht schnell – weniger schnell geht es, einen Irrtum wieder rückgängig zu machen. Das stellt dieser Tage der Fotograf Abdel Aziz Al-Atibi fest. Durch Fotos, die den vermeintlich trauernden syrischen Jungen in fröhlicher Pose mit Peace-Zeichen zeigen, versucht er, die Falschinformation aus der Welt zu räumen. Unwahrscheinlich, dass ihm dies gelingt, denn die Rezipienten teilen Spektakuläres, Dramatisches, Tragisches. Bei einer Flut von Bildern und Informationen wird es das Gewöhnliche wohl nicht um die Welt schaffen. Dennoch ist der Fall um das missverstandene Foto wichtig, als Appell an jeden einzelnen Nutzer, genau zu prüfen, was er weiterleitet, vor dem „Teilen“ einen Moment nachzudenken und sensibel für das zu bleiben, was der Wahrheit möglichst nahe kommt. (pro)

Von: StR

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