In dieser Woche macht der Spiegel mit dem Bild eines toten Mädchens in Syrien auf. Das gehört sich nicht, findet unsere Kommentatorin

Tote Kinder gehören nicht auf den Titel

Zwei Drittel der Deutschen lehnen einen internationalen Militärschlag gegen Syrien ab. Das berichtete die Deutsche Presse-Agentur am Dienstag. Die meisten von diesen 69 Prozent haben wohl keinen Blick in die aktuelle Ausgabe des Magazins Spiegel geworfen. Ein Kommentar von Anna Lutz

In der Spiegel-Titelgeschichte schildern die Reporter, wie grausam der Machthaber mithilfe von Giftgas gegen die eigene Bevölkerung vorgehe. „Hat sich der Westen an die tägliche Gewalt so gewöhnt, dass Assad nun darauf bauen kann, dass westliche Politiker auch dann wegschauen, wenn sich kleine Kinder unter Muskelkrämpfen zu Tode zittern, ihnen die Tränen aus den Augen schießen und Schaum aus dem Mund?” An diesem Punkt hat der Leser schon verstanden: Krieg ist grausam, Kinder leiden, Zeit, dass was passiert in Syrien. Doch der Spiegel geht noch weiter. Insgesamt vier Großaufnahmen toter Kinder begleiten den Artikel. Aus nächster Nähe sieht der Leser, wie einem Mädchen Schaum aus der Nase läuft, er sieht in die Gesichter, offene Münder und geschlossene Augen, als würden die Kleinen nur schlafen. Sogar die Titelseite zeigt ein zwar verfremdetes aber immer noch deutlich erkennbares verstorbenes Mädchen.

Nun lebt der Journalismus vom Konflikt und auch von der Emotion. Auf Bilder toter Kinder sollte er dennoch verzichten. Warum, zeigt der Blick in eine andere Branche, die ebenfalls vom Leid lebt: die humanitäre Hilfe. „Wenn du kein verhungerndes Baby vorzeigen kannst, kriegst du kein Geld”, fasste die Journalistin Linda Polmann die dort inoffiziell oft geltende Regel in ihrem 2010 erschienenen Buch „Die Mitleidsindustrie” zusammen. So seien es oft die humanitären Organisationen selbst, die aus dem Leid der Ärmsten Gewinn zu schlagen versuchten. Polman beschreibt eine Situation in einem Flüchtlingslager in Sierra Leone, das von Rebellen verstümmelte Zivilisten beherbergte. Wann und wie sie wollten, hätten einige Hilfsorganisationen Journalistengruppen durch das Lager geschleust: „Das Glanzstück aller Führungen zwischen den Hütten war unweigerlich ein kleines Mädchen, das erst drei Monate alt war, als Rebellen ihr Ärmchen abhackten. Für jeden ausländischen Besucher rollte die Mutter den Ärmel ihrer Tochter hoch. Wie ein professioneller Kinderstar posierte die Kleine dann, den nackten kleinen Stumpf vorgestreckt, das Mündchen schmerzlich verzogen.“

Das Deutsche Zentralinstitut für soziale Fragen (DZI), das unter anderem das bekannte DZI-Spendensiegel vergibt, rät davon ab, Organisationen Geld zu geben, die offensiv mit dem Leid anderer werben. Dieser Gedanke lässt sich auf den Journalismus übertragen. Denn genau wie die schwarzen Schafe unter den Hilfsorganisationen missachten sie in einem solchen Fall die Rechte der Gezeigten. Sie instrumentalisieren jene, die keine Stimme mehr haben. Keines der toten Kinder hat sich bereit erklärt, in einem Magazin mit millionenfacher Leserzahl gezeigt zu werden. Ein solches Vorgehen verstößt zutiefst gegen die Menschenwürde. Der Anblick des kleinen durch Giftgas getöteten Mädchens sei so herzzerreißend gewesen, dass man es habe auf dem Titel zeigen müssen, rechtfertigt sich der Spiegel für die Herangehensweise. Doch von Müssen kann keine Rede sein. Informationen und Mehrwerte liefern ist die Aufgabe nachrichtlicher Medien. Alles andere dient vielleicht der Auflagensteigerung – nicht aber der Aufklärung, dem eigentlichen Steckenpferd der Branche. (pro)

Von: al

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