Alexander Kissler leitet das Kulturressort des Monatsmagazins Cicero. Er hat zahlreiche Bücher verfasst, zuletzt „Papst im Widerspruch. Benedikt XVI. und seine Kirche 2005 - 2013“ (Pattloch)

Kleine Lichter

Der Vergleich der evangelischen „Familienschrift“ mit der katholischen Enzyklika „Lumen fidei“ zeigt: Die EKD will nicht mehr Kirche sein. Ein Gastkommentar von Alexander Kissler

Im Jahre 1922 wagte der große englische Dichter Gilbert Keith Chesterton einen Schritt, der weithin als skandalös empfunden wurde. Er trat von der anglikanischen in die römisch-katholische Kirche über. Wenige Wochen später erläuterte er die Gründe: „Es gibt in der anglikanischen Kirche keine Einheit und Übereinstimmung der Handlung.“ Er persönlich könne mit einer Kirche nichts anfangen, „welche in den großen Fragen des Geisteskampfes und der Moral nicht wehrhaft ist, die Schlacht nicht leiten und die Regimenter nicht in ein und derselben Richtung führen kann.“ Die „Klarheit und Entschiedenheit gegenüber den wichtigsten Fragen des Lebens“ finde er nur in der katholischen Kirche.

Über 90 Jahre sind diese Sätze alt. Seitdem floss so viel Wasser in Elbe und Tiber, dass die schroffe Gegenüberstellung an Trennschärfe eingebüßt hat. Zumindest aber die Evangelische Kirche in Deutschland, wie sie sich in den Spitzen der EKD darstellt, lässt kaum etwas unversucht, den alten Gründen neues Gewicht zu verleihen. Die jüngste „Orientierungshilfe“ des Rates der EKD zur Familie ist eine weitere Etappe in einem spannenden Großversuch: Wird es der landeskirchlich verfassten evangelischen Kirche gelingen, bis zum Reformationsjubiläum anno 2017 keine Kirche mehr zu sein? Ganz offensichtlich sind die Spitzen der EKD von diesem Ehrgeiz getrieben: die eigene Kirchlichkeit abzustreifen.

Was nämlich ist Kirche? Schlagen wir nach bei zwei Zeugen, die sich wenige Tage nach der Veröffentlichung der evangelischen „Familienschrift“ zu Wort meldeten, bei Papst Franziskus und dessen Vorgänger Benedikt XVI. Diese haben gemeinsam eine Enzyklika vorlegen können, „Lumen fidei“, weil die theologischen Kontinuitäten jeden Personalwechsel überwiegen. Schon dieser Umstand wäre bei der EKD undenkbar; gewiss hätte Nikolaus Schneiders Amtsvorgänger Wolfgang Huber nicht seine Unterschrift unter das „Familienpapier“ gesetzt, diese arg untheologische Feier des Bestehenden, diese Verdoppelung der Welt.

Der Rat der EKD ließ aufschreiben, was der Fall ist: Viele Menschen leben aus verschiedenen Gründen verschieden lang zusammen, das ist alles wunderbar. Und wenn das Beieinandersein länger währt als die Haltbarkeit eines Fruchtjoghurts, darf das Lebensabschnittsmodell auf evangelischen Segen hoffen.

Die Enzyklika hingegen hat sich von der Gegenwart nicht die Überzeugung aufzwingen lassen, alles Normative sei des Teufels, Wahrheiten gebe es nicht, das große Teils-Teils herrsche unumschränkt. „Lumen fidei“ bekräftigt im vollen Bewusstsein, schrecklich unoriginell und gerade dadurch maximal unangepasst zu sein: Der Mensch von heute habe „auf die Suche nach einem großen Licht, nach einer großen Wahrheit verzichtet, um sich mit kleinen Lichtern zu begnügen, die den kurzen Augenblick erhellen, doch unfähig sind, den Weg zu eröffnen. Wenn das Licht fehlt, wird alles verworren, und es ist unmöglich, das Gute vom Bösen, den Weg, der zum Ziel führt, von dem zu unterscheiden, der uns richtungslos immer wieder im Kreis gehen lässt.“

Die „Familienschrift“ beschriebt einen solchen Kreis: Die Welt als Psychologie und Soziologie wird vorausgesetzt, weshalb die Bibel ins Gewitter der Kritik gerät, viele ihrer Bilder hätten sich überlebt, woraufhin die Welt als Psychologie und Soziologie desto strahlender triumphiert. Die Enzyklika hingegen lässt keinen Stolperstein aus, an dem das vom Rat der EKD inthronisierte kritische Bewusstsein straucheln muss: Die Gegenwart leide an einer „Wahrheitskrise“, die es erschwere, am „Bekenntnis von Jesus als einzigem Retter“ festzuhalten; der Glaube beginne mit der Taufe und müsse in der Familie genährt werden; diese beruhe auf der „dauerhaften Verbindung von Mann und Frau in der Ehe“ und damit auf der „Anerkennung und der Annahme des Gutes der geschlechtlichen Verschiedenheit“. Sodann stellt „Lumen fidei“ die heikelste Frage hinein ins Herz aller Christen: „Sind es vielleicht wir, die wir uns schämen, Gott unseren Gott zu nennen? Sind wir es, die ihn als solchen in unserem Leben in der Öffentlichkeit nicht bekennen?“

Die EKD treibt unterdessen ihre Verwandlung in eine rot-grüne Vorfeldorganisation voran. In der Familie sei „Beziehungsgerechtigkeit zu gestalten“ - Kinder in die Kita, Männer an den Herd, Frauen zur Arbeit! -, das „Scheidungsverbot Jesu“ sei ein faszinierender Appell von relativer Bindekraft, und Evangelischsein zeige sich an der "großen Freiheit im Umgang mit gesellschaftlichen Veränderungen."
In einem Theaterstück der 1980er Jahre lässt Botho Strauß eine lebenslustige Frau ihrer allerbesten Freundin verkünden: „Sagt das Köpfchen zu dem Bauch: Tu, was du willst, ich will es auch.“ Wer hätte gedacht, dass damit einmal der theologische Imperativ der EKD beschrieben wäre.

Von: Alexander Kissler

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