In Ägypten finden grundlegende Veränderungen statt. Was bedeutet das für die dort lebenden Christen?

Ägypten: Der Letzte macht das Licht aus

Ausgerechnet die Nachrichtenagentur des Vatikans, Agenzia Fides, hat das wohl grausigste aller Videos überhaupt ins Internet gestellt. Zu sehen sind aufgebrachte Islamisten, einige mit großen Bärten, die in Gassanieh im Norden Syriens in gebrochenem Arabisch herumschreien und dann gefesselte, auf dem Boden sitzende Männer mit Messern abschlachten. Inzwischen sind Zweifel an der Echtheit des Films aufgekommen.

Eines der Opfer soll der syrische Metropolit (Bischof) François Murad, 48, Patron des Sumaan al-Amoudi Klosters sein. Sein abgeschnittener Kopf wird erst herumgezeigt und dann auf seinen leblosen Leichnam gelegt, ehe der nächste ermordet wird. Das Geschehen wurde angeblich am Sonntag vor anderthalb Wochen (23. Juni) von den Teilnehmern gefilmt, teilweise in unerträglichen Nahaufnahmen.

Bei der amerikanischen Menschenrechtsorganisation Human Rights Watch (HRW) kamen trotz der Bestätigung des Vatikans Zweifel an der Echtheit des Films auf. Eine Analyse habe ergeben, dass die Landschaft im Hintergrund keinesfalls zu der Gegend von Ghassaniyah passe, wo nach Angaben des Vatikans Kämpfer der radikalen Jubhat al-Nusra Front am 23. Juni ein Kloster attackiert und geplündert hätten. Nach Angaben von HRW entsprächen die Topografie und die im Film sichtbaren Gebäude eher dem Dorf Maschdad Ruhin, 120km von Ghassaniyah entfernt. Weiter bemerkten die Forscher von HRW, dass die Männer dicke Jacken trügen und dass die Vegetation grün sei. Das passe nicht zu den sommerlichen Temperaturen Ende Juni, sondern deute eher auf den Frühling. Obgleich das Video erst jetzt veröffentlicht worden ist, zeige es wohl eher die Hinrichtung von Waffenschmugglern.

Doch diese öffentliche Hinrichtung in Syrien bietet einen Höhepunkt, weil sie gefilmt und vom Vatikan veröffentlicht worden ist. Doch Grausamkeiten an Christen gehören in der ganzen Welt des Islam längst zum Alltag, so auch in Ägypten. Die Kopten betrachten sich nicht nur als die wahren Nachfolger der Pharaonen, sondern auch als eine der ältesten Christengemeinden der Welt. Die übrigen Ägypter wurden erst mit der arabischen Eroberung im 7. Jahrhundert zu arabisch-sprechenden „Semiten“ und Moslems.

Die Feindseligkeit der Islamisten in Ägypten gegen Fremde, Nicht-Moslems und sogar gegen die eigene Vergangenheit, hat in dem Jahr unter der Herrschaft des demokratisch gewählten Präsidenten Muhammad Mursi seltsame Blüten getrieben. Mit einem Hinweis auf die Pyramiden von Gizeh bei Kairo und auf die Sphynx forderte Sheich Murgan Salem al-Gohary in einem Interview im ägyptischen Fernsehen deren Zerstörung: „Alle Muslime sind durch die Lehren des Islam aufgefordert, derartige Idole zu entfernen, so wie wir in Afghanistan die Buddha-Figuren zerstört haben.“

Vertreibung von Christen aus ihren Dörfern

Diese Hetze wird gegen die christlichen Kopten überall im Lande längst praktiziert. Schlagzeilen machte die Explosion von Autobomben vor einer christlichen Kirche in Alexandrien an Heilig Abend und das Niederwalzen von Kopten bei einem Protestzug durch Polizeipanzer während der ersten Revolution gegen Husni Mubarak. Doch längst häufen sich, weitgehend von der Welt unbeachtet, die Pogrome gegen Kopten in ganz Ägypten.

Im April berichtete der Spiegel: „Manchmal reicht auch ein Gerücht aus, um die Spannungen zum Eskalieren zu bringen. Radikalislamistische Prediger und Hetzer scheinen seit dem Sturz Husni Mubaraks ihren Einfluss ungehindert auszuweiten, da die regierenden Islamisten davor zurückschrecken, sich mit ihnen anzulegen.“ In dem Artikel wird erwähnt, wie Streit zwischen einer christlichen und muslimischen Familie eskaliert, zu abgefackelten Kirchen und der Vertreibung aller Christen aus ihren Dörfern führt. Dabei kommt es zu Toten und Verletzten. Anhand der Berichte ist leicht zu erkennen, dass überwiegend Christen die Opfer des muslimischen Pöbels werden. Im Mai 2011 starb ein Dutzend Menschen, als im Kairoer Stadtteil Imbaba eine koptische Kirche in Brand gesteckt wurde. Auslöser war das Gerücht, dass in einer Kirche eine muslimische Frau festgehalten und gezwungen werde, zum Christentum zu konvertieren.

Msgr. Joachim Schroedel, Seelsorger für die deutschsprachigen Gemeinden im Nahen Osten, stand noch unter dem Eindruck der Zusammenstöße rund um die koptische Markuskathedrale in Kairo im April: „Die Situation war eskaliert, nachdem ein christlicher Demonstrationszug von den Dächern der umliegenden Häuser mit Steinen beworfen worden ist. Das Schlimme war, dass die Sicherheitskräfte nicht eingegriffen haben! Es ist ein junger Mann erschossen worden. Woher der Schuss kam, ist nicht bekannt.“

Weiter erzählt Schroedel: „Man kann unmöglich sagen, in welche Zukunft Ägypten geht. Die Menschen wissen, dass die Vorräte an Weizen vielleicht noch für 70 oder 80 Tage reichen, damit Brot gebacken werden kann. Dieses ist kaum noch zu bekommen. Es gibt ein Transportproblem. Die Banken haben zum Teil kein Geld mehr zum Auszahlen. Und in diese Situation hinein kommen dann Auseinandersetzungen, die vielleicht von Muslimbrüdern geschürt worden sind. Das kann ich aber nicht belegen.“ Im vergangenen April prophezeite Schroedel, was in den vergangenen Tagen tatsächlich eingetreten ist: „Die Christen sind zutiefst verunsichert und wollen das Land verlassen. Aber auch die muslimische Bevölkerung ist am Rande des Erträglichen angelangt. Es ist zu befürchten, dass in zwei oder drei Monaten hier der Letzte das Licht ausmacht.“ Er meinte zwar die zusammenbrechende Stromversorgung, aber im übertragenen Sinn hat er treffend vorhergesehen, was mit dem Sturz der Regierung Mursis und dem Militärputsch jetzt eingetreten ist.

Von: Ulrich W. Sahm

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