Christ in Pakistan: Protestanten und Katholiken wollen mit ihrer neuen Erhebung vor allem ein Gegengewicht zu Open Doors setzen

Interessengeleitet gegen Interessen

Der ökumenische Bericht zur Religionsfreiheit weltweit ist vor allem der Versuch der Kirchen, den oft kritisierten Zahlen von Open Doors eine valide Alternative entgegenzusetzen. Doch die neue Studie ist inhaltlich schwach und wirkt interessengeleitet.

Zunächst die erfreuliche Nachricht: Auch nach der Veröffentlichung der Orientierungshilfe zum Thema Familie ist es evangelischer und katholischer Kirche offensichtlich möglich, gemeinsam an einem Tisch zu sitzen. Ganz so groß sind die Verwerfungen aufgrund unterschiedlicher Ansichten zu dem, was eine Ehe ist und was nicht, wohl doch nicht. Und selbst wenn: Sobald es um verfolgte Geschwister geht, steht man dann eben doch zusammen. Nur nicht mit allen: Die Hilfsorganisation für verfolgte Christen, Open Doors, genießt in landeskirchlichen Kreisen einen schlechten Ruf. Das hat damit zu tun, dass Open Doors nicht verrät, woher es seine Zahl von 100 Millionen verfolgten Christen weltweit nimmt. Als Begründung führt die NGO den Quellenschutz an. Sie arbeitet mit Informanten in den entsprechenden Ländern zusammen und will diese nicht unnötig gefährden, so das Argument.

Es kann nur als Affront gegen Open Doors gewertet werden, dass Auslandsbischof Martin Schindehütte bei der Vorstellung des ökumenischen Berichts in Berlin immer und immer wieder darauf hinwies, man habe nun seriöse Daten erarbeitet. Wer die Zahl Verfolgter möglichst hoch ansetze und instrumentalisiere, arbeite hingegen unseriös. Wer sich nur um die eigenen verfolgten Glaubensgeschwister kümmere, mache sich erst recht unglaubwürdig. Irreführend sei es zudem, wenn man die Information verbreite, Christen würden besonders in islamisch geprägten Ländern verfolgt. Nicht der Islam sei das Problem, die autoritären Regime in den jeweiligen Staaten seien Wurzel allen Übels.

Gegenstück zum Weltverfolgungsindex

All diese Vorwürfe richteten die Kirchen am Montag freilich nicht konkret an Open Doors. Zusammengenommen zeichneten sie aber eine Blaupause der Hilfsorganisation: Sie steht in der Kritik, die Zahl verfolgter Christen zu hoch anzusetzen. Sie nutzt sie, um für den Einsatz gegen Christenverfolgung zu werben. Sie legt ihr Augenmerk ausschließlich auf verfolgte Christen, nicht auf unterdrückte Anhänger anderer Religionen. Und sie geht davon aus, dass Christen in islamischen Ländern am häufigsten verfolgt werden. So gesehen ist der ökumenische Bericht das perfekte Gegenstück zum Weltverfolgungsindex von Open Doors. Achja, in einem sind sich beide dann aber doch einig: Christenverfolgung ist ein massives und drängendes Problem. Gläubige auf der ganzen Welt leiden.

Man darf sich an dieser Stelle fragen, ob Konkurrenzdenken und Verwerfungen unter Christen zielführend sind, um Verfolgung künftig zu verhindern. Vor allem muss man sich aber darüber wundern, dass die Kirchen sich – wenn sie es schon besser machen wollen als andere – nicht etwas mehr Mühe gegeben haben. So weist der Bericht das Land Nordkorea in einer Landkarte zur weltweiten Situation zum Beispiel als Staat mit geringer Einschränkung von Christen aus. Zur Erinnerung: Pjöngjang gilt als einer der größten Unterdrücker von Menschenrechten weltweit. Auf Nachfrage erfuhren Journalisten bei der Vorstellung des Berichts in Berlin, warum die Erhebung so ausfiel. Es fehlten schlicht die Daten. Anstatt die Lage in Nordkorea aber aufgrund dessen als ungewiss auszuweisen, zeigen die Kirchen es in einer Grafik als menschenrechtlich gleichwertig mit etwa Kanada.

Schlampig und interessengeleitet

Das ist nicht die einzige Verirrung. Mal sprechen die Macher der Erhebung von 111 Ländern, in denen Christen bedrängt werden, mal von 130. Den Grund erfahren Interessierte auf Nachfrage: Die Zahlen stammen aus unterschiedlichen Jahren. Dennoch finden sich beide in der aktuellen Pressemappe. Konkrete Zahlen finden sich ansonsten eher wenige im Bericht. Zahlen sind Schall und Rauch, lautet im übertragenen Sinne die Erklärung der Verantwortlichen dafür. Man wolle eben nicht instrumentalisieren. Das, was die Erhebung dann als harte Fakten präsentiert, sind übrigens Zweitverwertungen, hauptsächlich vom amerikanischen PEW Institut.

Auf die Frage, ob Christen denn besonders in islamischen Ländern verfolgt würden, erklärten die Macher der Studie, diese Annahme sei irreführend und bereite Polarisierungen den Weg. Dabei zeigt die Erhebung genau das: Irak, Afghanistan, Ägypten, Jemen, Pakistan, Indonesien – überall dort geht es Christen schlecht und zwar aufgrund sozialer Anfeindungen oder staatlicher Restriktionen. Das gilt freilich auch für Staaten wie China oder Russland. Doch es auf den Punkt zu bringen und festzustellen: Wo der radikale Islam oder antireligiöse Regime regieren, haben es Christen schwer, vermeiden Protestanten und Katholiken. Warum? Vielleicht weil es gegenwärtig zur protestantischen Ethik gehört, religiöse Konfliktlagen und Zuspitzungen wo es geht zu vermeiden. Ob dieses Taktieren ethisch richtig oder falsch ist, sei dahingestellt. Doch es wirkt, als agierten die Kirchen mit ihrer Erhebung ebenso interessengeleitet wie sie es bei anderen vermuten. Das wird nicht dadurch besser, dass Katholiken und Protestanten es in Ökumene tun. (pro)

Von: Anna Lutz

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