Türkei: Wenn Christen als Bedrohung gesehen werden

Die Ermordung von drei evangelischen Christen in der 400.000 Einwohner zählenden Stadt Malatya in der Türkei am Dienstag sorgt weltweit für Entsetzen. Doch die Tat macht erneut deutlich, unter welchen Spannungen die Türkei leidet und mit welchen Kräften und Ideologien sie sich auseinander setzen muss. Von Religionsfreiheit ist das Land noch weit entfernt.

Christine Schirrmacher

In der Türkei gibt es unterschiedliche gesellschaftliche Gruppierungen, die das Land in Spannung versetzen. Da ist die Europa zugewandte städtisch-aufgeklärte Bildungselite, in der Frauen viele Entscheidungs- und Bewegungsfreiheiten genießen, da ist das große Feld der Anhängerschaft eines traditionellen Islam mit konservativ verteilten Rollen zwischen Mann und Frau und da ist der radikale Nationalismus und religiöser Extremismus, der sich vehement und immer wieder gewalttätig gegen jeden westlichen „christlichen“ Einfluss in der Türkei wendet. Er erkennt in der Werbung für den christlichen Glauben, ja in der Existenz von Christen auf türkischem Boden eine unmittelbare Bedrohung und eine Unterminierung der Einheit der Nation und des Türkentums.

Türkei: Weit entfernt von Religionsfreiheit

Noch immer ist die Türkei weit entfernt von dem, was hier im Westen Religionsfreiheit genannt und selbstverständlich für alle religiösen Gruppierungen praktiziert wird. Christen werden bei der Ausübung ihres Glaubens trotz teilweise anderslautender Gesetzeslage, die sich im Zuge der EU-Beitrittshoffnungen grundsätzlich verbessert hat, auch heute viele Steine in den Weg gelegt – wie etwa beim Erwerb von Grund und Boden oder bei der Ausbildung ihrer Kinder. Christen werden widerrechtlich verhaftet, es kommt zu Einschüchterungen und Störungen von Gottesdiensten.

Aus berechtigten Gründen fragen sich Christen in der Türkei immer wieder, ob sie von den Sicherheitskräften angesichts häufig angedrohter Anschläge auf Gebäude und Menschenleben wirksam geschützt werden – bevor es eben zum Schlimmsten kommt.

Wo Moslems zum Christentum konvertieren

Aber wo Druck und Unfreiheit regieren, beginnen Menschen, Fragen zu stellen. Manche wenden sich trotz der gesellschaftlichen Nachteile und Drohungen vom Islam ab und konvertieren zum Christentum. Die evangelisch geprägten Freikirchen in der Türkei sind die einzigen Gemeinden, die nennenswert wachsen. Noch immer ist die Zahl dieser Christen mit insgesamt rund 4.000 Menschen überaus gering, aber dass sie überhaupt existieren, nährt die Gegenwehr und die Feindbilder radikaler Gruppen.

Beredtes Zeugnis dafür sind die Ermordung des katholischen Priesters Santoro in Trabzon im Jahr 2006 als vermeintliche Vergeltungstat für die „Beleidigung“ Muhammads durch einige Karikaturen in Dänemark, die bisher unaufgeklärte dramatische Ermordung des armenischen Publizisten Hrant Dink vor wenigen Monaten und jetzt die brutale Hinrichtung dreier evangelischer Christen, die nichts anderes taten, als Bibeln zum Verkauf anzubieten.

„Aggressive Mission“

Unterbleiben sollte in der Berichterstattung über die Tat jede klischeehafte Aussage. Eine überregionale Zeitung in Deutschland stellte etwa per Ferndiagnose sofort fest, dass die drei betroffenen Christen in der Türkei „aggressiv missioniert“ hätten. Will die Zeitung damit sagen, dass man die Attentäter doch irgendwie in ihrer Reaktion verstehen kann? „Aggressiv missionieren“ wird in einem islamischen Land niemand, es sei denn, er will auf der Stelle verhaftet oder ausgewiesen werden. Aber wenn Menschen Fragen stellen, über ihren eigenen und den christlichen Glauben sprechen und eine Bibel besitzen möchten, dann gehört es zu den grundlegenden Menschenrechten, ihnen das zu erlauben.

Die Islamwissenschaftlerin Prof. Dr. Christine Schirrmacher ist wissenschaftliche Leiterin des Islaminstituts in Bonn und Autorin zahlreicher Bücher zum Thema Islam. Zuletzt erschienen: "Islam und christlicher Glaube. Ein Vergleich" (Hänssler Verlag). Weitere Informationen: www.islaminstitut.de

Von: pro

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