Gewalt an Schulen: "Zu lange weggeguckt"

Der Bundestag beschäftigte sich am gestrigen Mittwoch in der aktuellen Stunde mit den Vorfällen an der Rütlischule in Berlin. Dabei räumte Bildungssenator Klaus Böger (SPD) ein, dass der Senat Fehler gemacht habe. "Bildungspolitiker haben zu lange weggeguckt und gedacht, vieles regelt sich von alleine."

Zuvor hatte Friedbert Pflüger (CDU), Bewerber für das Amt des Regierenden Bürgermeisters von Berlin, Böger und dem Senat verfehlte Schulpolitik vorgeworfen. Böger hatte nach eigenen Angaben erst durch die Medien von dem Hilferuf der Lehrer der Rütlischule erfahren. Deren Brief war nicht an ihn weitergeleitet worden. Erst als die Situation an der Hauptschule eskalierte und die Medien ausführlich über die Probleme der Schule berichteten, leitete der Bildungssenator Maßnahmen ein. Außerdem sprach er mit Lehrern und Schülern der Schule.

Im Bundestag betonte Böger: "Wir müssen diese Kinder als unsere Kinder ansehen und nicht wegschicken." Zuvor hatte sich der Bildungssenator mit den Direktoren der 55 Berliner Hauptschulen getroffen, um über die aktuelle Lage an den Schulen zu sprechen. Böger sichert ihnen zu, dass die nötigen Sozialarbeiter und neuen Lehrer so bald wie möglich an die Schulen kommen sollen.

Gewalt an Schulen nicht mit Ausländerthematik verknüpfen

Pflüger warnte davor, das Thema Schule und Gewalt direkt mit dem Thema Ausländer in Deutschland zu verknüpfen. "Wir dürfen uns nicht in diese Frontlinie treiben lassen." Nach seiner Ansicht könne man die Probleme der Integration in Berlin nur lösen, wenn man die Eltern gewinnen könne.

In Berlin müssen Eltern, die ihre Zustimmung zu den für ihre Kinder notwendigen Deutschkursen verweigern, mit einem Zwangsgeld rechnen.

Polizeipräsident Glietsch bot den Schulen verstärkte Zusammenarbeit mit der Polizei und Durchführung von Gewaltpräventionsmaßnahmen an. Im vergangenen Jahr hatte die Polizei 2.139 Anti-Gewalttrainings an den Berliner Schulen durchgeführt.

Wie der "Spiegel" berichtete, flattern täglich Briefe von anderen Hauptschulen in das Lehrerzimmer der Rütli-Schule: Es sei lange überfällig gewesen, dass die aussichtslose Lage vieler Hauptschulen öffentlich bekannt wird. Viele berichten vom traurigen Alltag an ihren Schulen, von Schülern, die den Unterricht schwänzen und keinerlei Respekt zeigen, von Gewalt unter Schülern und Gewalt gegen Lehrer.

Laut Aida Lorenz, Leiterin des Schulpsychologischen Beratungszentrums Berlin-Mitte, steigt die Zahl der gemeldeten Gewalttaten an Berliner Schulen mit bisher ungeahnter Geschwindigkeit. "Die Meldezahlen im größten Problembezirk Mitte verdoppeln sich von Jahr zu Jahr", sagt sie gegenüber der Wochenzeitung "Die Zeit". Auch die Qualität der Gewalt habe sich verändert: "Da liegt jemand schon am Boden, und dann wird noch mal zugetreten." Viele Lehrer müssen erst wieder lernen, nichts durchgehen zu lassen, sagt die Psychologin.

Die Gewalt soll nicht die Oberhand behalten

Bildungssenator Böger setzt nach Ansicht von Beobachtern mit den nun eingeleiteten Maßnahmen ein Zeichen: Berlin wird sich nicht beugen vor der Gewalt. Hätte er die Schließung der Schule beschlossen, wie es einige Stimmen forderten, wäre dies einer Kapitulation vor der Gewalt gleich gekommen.

Trotzdem bleibt ein schlechter Nachgeschmack zurück: Offensichtlich reagierte der Bildungssenator erst, nachdem Zustände eskaliert sind, auf die das Kollegium der Schule bereits etliche Wochen zuvor hingewiesen hatte. Die Rektorin der Schule hatte schon im Jahr 2003 vor einer Eskalation gewarnt.

Die Politik hat sie mit den Sorgen und der Überforderung allein gelassen. Zuletzt hatte die Berliner Schulpolitik Schlagzeilen gemacht mit den ausführlichen Diskussionen über die Abschaffung des Pflichtfachs Religionsunterricht und die Einführung des Faches "Humanistische Lebenskunde". Die Zunahme von Gewalt und die Integration von ausländischen Kindern waren kein Thema.

Von: Ellen Nieswiodek-Martin

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