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Klaus Fitschen: „Pastors Kinder“

Bundeskanzlerin Angela Merkel, Komponist Georg Philipp Telemann und SA-Sturmführer Horst Wessels haben eines gemeinsam: Sie sind in einem Pfarrhaus aufgewachsen. Ob sich das auf ihre Karrieren auswirkte und wie sich das Pfarrhaus vom  umfunktionierten Klostergebäude hin zum Verwirklichungsort verschiedenster Lebensformen entwickelte, beschreibt Kirchenhistoriker Klaus Fitschen in seinem Buch „Pastors Kinder – Wie Pfarrhäuser die Gesellschaft prägen.“ Eine Rezension von Swanhild Zacharias
Von PRO

Foto: SCM Hänssler

Fitschen teilt die historische Entwicklung des Pfarrhauses in fünf Zeiträume ein und beginnt mit dem 16. und 17. Jahrhundert, als der Begriff „Pfarrhaus“ mit der „Priesterehe“ reformatorischer Geistlicher erstmals aufkam. Als Urbild des Pfarrhauses identifiziert der Autor das Augustinerkloster, das dem Reformator Martin Luther als Wohnhaus überlassen wurde. Der Kirchenhistoriker analysiert, wie Haus und  Pfarrfamilie sich in der Gesellschaft etabliert haben, das Bildungsgefälle zwischen Land- und Stadtpfarrern und die sich langsam entwickelnde Rolle der Pfarrersfrau. Als bekannten Pfarrerssohn porträtiert der Autor unter anderem den Komponisten Georg Philipp Telemann.

Im Kapitel„Aufklärung und Pietismus“ beschreibt Fitschen den Einfluss der Aufklärung auf Pfarrer, die sich als „Vertreter eines neuen zeitgemäßen Christentums“ sahen und den Einsatz der Landpfarrer für eine Verbesserung der Lebensumstände der Landbevölkerung. Bekannter Pfarrerssohn aus dieser Epoche ist der Schriftsteller Gotthold Ephraim Lessing.

Der Abschnitt „Das Pfarrhaus im 19. Jahrhundert“ behandelt unter anderem die Loslösung der Kirche vom Staat. Die Theologen seien außerdem in Arbeit und Studium „professioneller“ geworden, die Seelsorge entwickelte sich zu einem wichtigen Arbeitsbereich und die Pfarrersfamilie wurde zum Vorbild bürgerlicher Häuslichkeit. Bekannte Pfarrerskinder des 19. Jahrhunderts sind unter anderem der Zoologe Alfred Brehm und der Philosoph Friedrich Nietzsche.

Pastors Kinder: Gudrun Ensslin und Angela Merkel


In den Jahren 1918 bis 1989 zeichnet Fitschen zunächst das Bild einer geteilten Kirche, in der die den Nationalsozialisten nahe stehenden  „Deutschen Christen“ der „Bekennende Kirche“ gegenüber stehen. In den 60er Jahren habe dann die Frauenordination die patriarchalische Stellung des Pfarrers beendet. Die sexuelle Revolution bewirkte einen Wandel der Geschlechterrollen. Außerdem beschreibt Fitschen die Schwierigkeiten des Lebens als Pfarrer in der DDR, in der die Kirche als solche in Frage gestellt wurde und aus der Öffentlichkeit verdrängt werden sollte. Kurzporträts widmet Fitschen hier dem SA-Sturmführer Horst Wessel und der RAF-Terroristin Gudrun Ensslin.

In der heutigen Zeit seien Pfarrhäuser vor allem durch die Vielfalt der Lebensformen und Möglichkeiten geprägt. Der Einfluss auf die persönliche Lebensgestaltung der Kirchenmitglieder und der Vorbildcharakter hätten stark abgenommen. „Das Pfarrhaus“ gibt es nicht mehr, erklärt der Autor. Stattdessen gehe es um die „Verwirklichung dessen, was evangelisch ist: Glaube und Wissen, Erziehung und Kultur, Offenheit für andere Menschen.“ Als Pfarrerskinder, die in dieser Epoche an Bekanntheit gewannen, nennt stellt Fitschen Bundeskanzlerin Angela Merkel und den ehemaligen Bundespräsident Johannes Rau.

Kein „Promifaktor“


Fitschen gibt mit seinem Buch, das von Format und Aufmachung eher einem Bildband ähnelt, einen guten Überblick über die Entstehung und Entwicklung des Pfarrhauses und dessen Bewohner im Laufe der Jahrhunderte. Es ist damit jedem zu empfehlen, der sich über die Geschichte des Pfarrhauses informieren möchte. In jedem Kapitel wird außerdem deutlich, wie politische Gegebenheiten und gesellschaftliche Umstände mit der Rolle des Pfarrhauses und seiner Bewohner in Verbindung stehen. Teilweise doppelseitige Fotos, Stiche und die Porträts bekannter Persönlichkeiten und Prominenter lockern das Buch auf und lassen es weniger wie ein historisches Werk erscheinen. Dabei überrascht, wer sich Pfarrerskind nennen kann.

Trotzdem ist das Buch nichts für einen entspannten Leseabend. Die vielen historischen Fakten und anspruchsvolle Formulierungen fordern die volle Aufmerksamkeit des Lesers. Der Titel „Pastors Kinder“ suggeriert außerdem, dass der Schwerpunkt auf bekannten Pfarrfamilien und deren Sprösslingen liegt. Im Fließtext geht es jedoch hauptsächlich um Historie und die Bedeutung des Pfarrhauses für Wissenschaft, Kunst, Kultur und Gesellschaft. (pro)

Klaus Fitschen: „Pastors Kinder – Wie Pfarrhäuser die Gesellschaft prägen“, SCM-Verlag, 208 Seiten, 29,95 Euro, ISBN 978-3-7751-5464-2

http://einestages.spiegel.de/static/entry/die_beruehmtesten_pfarrerskinder_der_welt/111035/gudrun_ensslin.html
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