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Klassenzimmer sind digitales Entwicklungsland

Nicht selten verbannen Lehrer Smartphones aus ihrem Unterricht, weil diese stören oder die Schüler dadurch abgelenkt sind. Den umgekehrten Weg gehen zwei Schulen in Xanten und Moers. Hier lernen die Kinder mit Tablet und Smartphone.
Von PRO

Foto: flickr / flickingerbrad

An dem Pilotprojekt beteiligen sich darüber hinaus noch zwei niederländische Schulen. Alle vier sind Partner im europäischen Förderprojekt „School IT Rhein Waal“. „Die deutschen Schulen sind Entwicklungsland, was die technische Ausstattung angeht“, erklärt Richard Heinen der Westfälischen Allgemeinen Zeitung. Er ist Lehrstuhlinhaber für Mediendidaktik und Wissensmanagement an der Universität Duisburg-Essen, die das Projekt wissenschaftlich betreut. „Bring Your Own Device“ heißt das Motto des Projekts, bei dem die Schüler explizit dazu aufgefordert werden, ihre technischen Geräte mitzubringen.

Während 2012 nur 0,8 Prozent der deutschen Schüler digital unterrichtet wurden, waren es in den Niederlanden, den USA und Dänemark je über 20 Prozent. Laut der aktuellen JIM-Studie (Jugend, Information, Multimedia) besitzen 96 Prozent aller Jugendlichen im Alter von 12 bis 19 Jahren ein Handy. 47 Prozent von ihnen sind Smartphones, das heißt, die Jugendlichen können damit im Internet surfen. Obwohl 82 Prozent der Jugendlichen einen eigenen Computer und von zu Hause aus Zugang zum Internet (98 Prozent) haben, werde die Medienkompetenz der Schüler überschätzt.

Facebook-Aktivität top, Internetrecherche flop

Marc Lachmann, der das Projekt in Moers leitet, beobachtet zwar eine rege Tätigkeit der Schüler bei Facebook und beim Hochladen von Fotos, aber die Internetrecherche falle vielen Schülern schon schwer. Er erhofft sich durch das Projekt, das bis Ende 2014 läuft, dass die Schüler den „richtigen“ Umgang mit der Technik lernen. Die Moerser Schulleiterin Regina Schneider betont, dass nicht in jeder Einheit im Unterricht auf Biegen und Brechen Smartphones oder Tablets eingesetzt würden. Es gehe bei dem Projekt nicht um das digitale Gerät, sondern um den unverkrampften Umgang mit Medien. Der eine lerne Englisch-Vokabeln lieber analog, der andere, indem er sie auf sein Smartphone spreche. Um soziale Ungerechtigkeiten zu vermeiden, könnten die Schüler auch ein Leihgerät beantragen.

Ein Beispiel dafür, wie digitale Lernwerkzeuge für den Unterricht genutzt werden können, ist das Johann-Beckmann-Gymnasium im niedersächsischen Hoya. Statt Mäppchen und Ranzen holen die Schüler zu Unterrichtsbeginn ihre Notebooks heraus. 2006 startete die Schule das Projekt, heute ist das Notebook für alle Schüler zum selbstverständlichen Arbeitsmittel geworden.

Anschaulicher, flexibler und überraschender

Aus Sicht des dortigen Koordinators Michael Timm hat die Schulgemeinde von der Einführung der Notebooks profitiert: „Der Unterricht ist anschaulicher, flexibler und überraschender geworden“, sagt er gegenüber pro. Eine Zweiklassengesellschaft konnte vermieden werden: „Studien haben gezeigt, dass die Hauptschüler am meisten von der Arbeit mit den Notebooks profitieren können, weil der Mehrwert an Qualifikation für ihre berufliche Entwicklung am höchsten ist,“ sieht Timm einen Vorteil. Überall werde Medienkompetenz eingefordert, aber nirgends wirklich vermittelt.

Timm kennt auch das Spektrum der Kritikpunkte. Er ermutigt die Schulen, mit pädagogischer Konsequenz gegen die Probleme wie Computerspielsucht, das systematische Mobben von Mitschülern über den Computer („Cybermobbing“)
oder illegales Kopieren von Filmen über Tauschbörsen vorzugehen. Viele der Probleme gebe es auch in Schulen ohne Notebookklassen. „Unseren Pädagogen mussten wir klarmachen, dass dies keine exklusive Spielwiese für Technik-Freaks ist, sondern alle Beteiligten vom Einsatz der neuen Medien profitieren können.“

Handy-Missbrauch fast kein Thema mehr

In Moers und Xanten beteiligen sich zurzeit 220 Schüler an dem Projekt. Laut Richard Heinen lägen aber viele Anfragen vor, die das Projekt auch an ihrer  eigenen Schule umsetzen möchten. In Xanten fällt die Zwischenbilanz recht positiv aus: Auch wenn erst ein Bruchteil der Schüler durchgängig Handys im Unterricht einsetzten, habe der Wegfall des Handy-Verbots die Atmosphäre verändert. Man gehe entspannter miteinander um, sagt die Schulleitung. Und: Ärger um Handy-Missbrauch im Unterricht sei fast kein Thema mehr, heißt es in einem Beitrag der Süddeutschen Zeitung. (pro)

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