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Kirchen in Second Life: Virtuelle Außenstellen für den Glauben

Für viele Menschen ist Second Life (zu Deutsch etwa: „Zweites Leben“) die Zukunft des Internet - eine bunte, computergenerierte Welt, in der es so ziemlich alles gibt: Häuser, Badestrände, Läden für Designerklammotten und Discos. Firmen und Verlage bieten sogar spezielle Zeitungen und Fernsehsender, alles ist geschaffen für und von den Nutzern. Mittlerweile eröffnen auch immer mehr Kirchen eine virtuelle "Außenstelle" in der Computerwelt - und versuchen, den Glauben an die Avatare zu bringen.
Von PRO

Von Stefan Römermann

Second Life ist eine Welt, die Menschen erschaffen haben. Virtuelle Figuren, die so genannten Avatare, tummeln sich an allen möglichen Orten, kaufen Häuser und leben ihr zweites Leben. Beinahe acht Millionen Menschen haben sich dort mittlerweile ein zweites Leben erschaffen. Alles scheint möglich, der Phantasie sind kaum Grenzen gesetzt. Doch gerade die Phantasie der Nutzer ist auch ein Problem: Im April etwa machte Second Life wegen „virtueller“ Kinderpornografie Schlagzeilen. Und auch jenseits solcher Geschmacklosigkeiten ist „Cybersex“ der wohl populärste Zeitvertreib in der Online-Welt. Mitten in dieser computergenerierten Welt gibt es jedoch auch moralisch einwandfreien Zeitvertreib. Und so führen inzwischen auch Missionare und Gläubige jedweder Art ein digitales Doppelleben.

Es ist eine eigenartige Kirche, die sich da auf dem Computer-Bildschirm aufgebaut hat: Sie wirkt wie eine Mischung aus Computerspiel und Zeichentrickfilm. Mitten drin ich, oder besser: mein Avartar, meine Spielfigur, die ich mit Maus und Tastatur mühsam in die „Living Sounds“ Kirche gelotst habe. Die anderen Gottesdienstbesucher haben offenbar schon mehr Erfahrung: Manche lassen ihre kleinen Computerfiguren bei den Liedern tanzen oder zum Gebet niederknien. Fast vierzig Besucher sitzen an diesem Sonntag auf den virtuellen Kirchenbänken.

Ursprünglich sollte die Online-Kirche nur eine Diskussionsplattform der Potter’s-House-Gemeinde werden, einer evangelischen Freikirche im amerikanischen Harrisonburg, Virginia. Doch dann kamen immer mehr andere Besucher, und so entstand nach und nach eine ansehnliche Internet-Gemeinde, regelmäßige Gottesdienste und Bibelgruppen inklusive.

Diskussionen über Gott und Glaube

Auf einer Wiese vor der Kirche startet ein paar Minuten später eine heiße Glaubensdiskussion. Hope, eine junge Frau mit kleinen Engelsflügeln auf dem Rücken, fragt mich in einer Textnachricht, ob ich glaube, dass es Sünde gibt. Ich frage vorsichtshalber erst einmal, was sie denn darunter versteht. „Sünde ist all das, was uns von Gott trennt!“, erklärt Hope. Dryke, ein anderer Gottesdienstbesucher kommt ihr zur Hilfe und bringt ein Beispiel: „Die Zehn Gebote zum Beispiel. Hast Du Dich immer an alle der Zehn Gebote gehalten?“ Schließlich mischt sich noch Marten in das Gespräch ein. Er mag nicht an einen „guten Gott“ glauben. Die Sintflut – das sei schließlich Völkermord gewesen. Nun geht die Debatte erst richtig los: Von allen Seiten blinken Textnachrichten auf dem Bildschirm auf. Gleich drei Benutzer versuchen gleichzeitig zu erklären, warum Gott ihrer Meinung nach die Flut geschickt hat, und warum das gut und gerecht war.

Wie Hope und Dryke sind viele der Gottesdienstbesucher auch in der wirklichen Welt bibeltreue Christen. Die meisten stammen aus Freikirchen in Nordamerika oder England. Andere hatten mit Kirche bisher nichts zu tun, erzählt der Pfarrer der Internet-Gemeinde, Benjamin Faust: „Viele Leute haben mir gesagt, dass sie sich in der wirklichen Welt bisher nie vorstellen konnten, einen Gottesdienst zu besuchen.“ Die Anonymität macht hier offenbar vieles einfacher als im „RL“, dem wahren Leben („real life“) der Second-Life-Bewohner.

Das zeigt sich vor allem in den Gesprächen. Immer wieder sprechen Gottesdienstbesucher den Pfarrer nach dem Gottesdienst an und möchten einfach nur reden. „Über Glaubensfragen, oder Dinge, die sie niemals jemandem ins Gesicht sagen würden, sexuelle Probleme zum Beispiel“, erzählt Pfarrer Faust.

In einer Synagoge, ein paar Mausklicks entfernt, treffe ich eine junge Frau aus England. Sie erzählt mir von den dunklen Seiten der virtuellen Welt. Offenbar gibt es auch bei Second Life Antisemiten. Die Spielfigur eines Bekannten sei vor ein paar Tagen sehr unangenehm belästigt worden. Ihren Namen solle ich deshalb besser nicht sagen.

In die Synagoge komme sie trotzdem immer wieder gern. Mindestens zwei, drei Mal die Woche: „Es ist einfach schön, Leute aus der ganzen Welt zu treffen.“ Freitagabend bei Dämmerung beginnen dann die Feiern zum Sabbat: Zwei Kerzen werden angezündet, und die Besucher sprechen gemeinsam auf Hebräisch ihre Gebete. Insgesamt viermal zu unterschiedlichen Zeiten, für die Besucher aus verschiedenen Zeitzonen.

Tummelplatz der Religionen

Doch nicht nur die großen Weltreligionen haben ihren Platz in Second Life gefunden. Auch für Unitarier, Mormonen, Satanisten und Hare Krischnas ist gesorgt. Selbst Anhänger der Jedi-Religion aus den “Star Wars”-Filmen, und die Jünger des „Fliegenden Spaghettimonsters” haben inzwischen Filialen in der virtuellen Welt gegründet.

Das mag wie ein schlechter Witz klingen – doch für viele Second Life-Bewohner ist die Religion eine durchaus ernste Angelegenheit. Janine aus Stuttgart hat ihre Spielfigur sogar taufen lassen. Schließlich sei sie auch in der virtuellen Welt „Christ“, erzählt sie stolz. Manche Kirchen bieten sogar Second-Life-Hochzeiten an – allerdings nur für Leute, die auch im wahren Leben verheiratet sind.

Für Brandon Donaldson von der Evangelikalen „Lifechurch“ gehen Taufen und Hochzeiten allerdings eindeutig zu weit. Seine Kirche hat seit Ostern eine “Außenstelle” in Second Life eröffnet. Per Video werden dort „echte“ Gottesdienste in die virtuelle Kirche übertragen. Für Donaldson ist das Internet dabei einfach eine weitere Möglichkeit, Menschen zu erreichen: „Wir wollen ja hier keine Second-Life-Figuren retten. Uns geht es ja um die Person hinter der Spielfigur.“

Fast 7.000 Euro hat die Programmierung der Internetkirche gekostet. Eine Menge Geld, doch Donaldson ist sich sicher, dass es gut angelegt ist: Schließlich sind inzwischen über sechs Millionen Nutzer bei Second Life angemeldet.

Links:
Living Sounds Kirche
lifechurch.tv

Der Autor, Stefan Römermann (30), studierte in Leipzig Theaterwissenschaften und Anglistik und arbeitet als freier Journalist für den Deutschlandfunk und das Kulturradio MDR Figaro. Schwerpunkte seiner Arbeit sind Wissenschafts- und Hochschulthemen sowie Neue Medien.

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