Die Stele vor der Michaeliskirche in Zeitz erinnert noch heute an die Tat von Oskar Brüsewitz vor 40 Jahren
Die Stele vor der Michaeliskirche in Zeitz erinnert noch heute an die Tat von Oskar Brüsewitz vor 40 Jahren

Als sich ein Pfarrer in der DDR verbrannte

Vor 40 Jahren hat sich der Pfarrer Oskar Brüsewitz öffentlich selbst verbrannt – er wollte aus Protest gegen das politische System der DDR ein Zeichen setzen. Die Tat sorgte weltweit für Entsetzen. Die DDR versuchte alles, um den Vorfall zu vertuschen.

Vor der Michaeliskirche in Zeitz übergoss sich der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz am 18. August 1976 mit Benzin. Inmitten der Passanten zündete er seinen Talar an und verbrannte sich. Vier Tage später erlag der Pfarrer seinen Verletzungen. Der Mut des Theologen galt lange als Sinnbild für den Widerstand gegen das DDR-Regime.

Brüsewitz hatte sein Vorhaben geplant. Er stellte auf dem Marktplatz zwei Plakate auf. Dort war zu lesen: „Funkspruch an alle... Funkspruch an alle. Die Kirche in der DDR klagt den Kommunismus an! Wegen Unterdrückung in Schulen an Kindern und Jugendlichen.“ Die Hilfe von Passanten soll der Staat verhindert haben, indem er Brüsewitz schnell wegbrachte.

„Streiter für Christus“

Auch danach tat das Regime alles dafür, um den Brüsewitz’ Aktion zu vertuschen. Er wurde als Irrer verunglimpft. DDR-Gegner lobten den Mut, in einem diktatorischem System unbequem und aufrührerisch zu sein. Er sei ein „Streiter für Christus, Kämpfer gegen Unrecht“ gewesen, der die „Menschen wachrütteln“ wollte, steht auf einem Schild der Kirche in seinem Wirkungsort Rippicha.

Brüsewitz hinterließ eine Frau und zwei Kinder. Seine damals 18-jährige Tochter Esther ist heute selbst Pfarrerin in Thüringen. Der langjährige Vorsitzende des Gemeindekirchenrates Horst Schmidt sagt der Deutschen Presseagentur in der Rückschau: „Er hat sich doch immer angelegt.“ Auf dem Turm der Kirche hatte er ein großes Kreuz aus Leuchtstoffröhren angebracht, was den SED-Oberen ein Dorn im Auge war. „Er wollte eine lebendige Kirchengemeinde aufbauen – und das auch nach außen hin zeigen“, verdeutlicht Schmidt.

Die DDR-Bürgerrechtlerin Freya Klier hat sogar ein Buch mit dem Titel „Oskar Brüsewitz: Leben und Tod eines mutigen DDR-Pfarrers“ über den Geistlichen geschrieben. Er wurde 1929 geboren. Seine kaufmännische Lehre musste er aufgrund der Kriegswirren abbrechen. Später erlernte er den Beruf des Schuhmachers und eröffnete in der Nähe von Osnabrück eine eigene Werkstatt. Seine erste Ehe wurde 1954 nach drei Jahren geschieden.

Bekehrung in Sachsen

Brüsewitz ging nach Weißenfels und bekehrte sich dort mit Hilfe seiner Gastfamilie zum Christentum. Er nahm als selbstständiger Schuhmacher aktiv am kirchlichen Gemeindeleben teil und engagierte sich in der Jugendarbeit. Von 1964 bis 1969 besuchte er die Predigerschule in Erfurt. Er wurde 1970 in Wernigerode ordiniert und evangelisch-lutherischer Pfarrer in Rippicha im Kreis Zeitz.

Seine Jugendarbeit und die Protestaktionen zogen sowohl positive Resonanz, als auch rigide staatliche Repression nach sich. Den SED-Spruch „Ohne Gott und Sonnenschein fahren wir die Ernte ein“ konterte der Pfarrer mit dem Plakat „Ohne Regen, ohne Gott, geht die ganze Welt bankrott“. Seine eher unkonventionellen Methoden machten ihn auch unter den Pfarrerkollegen umstritten. 1976 legte die Kirchenleitung ihm die Versetzung in eine andere Pfarrstelle oder die Übersiedlung in den Westen nahe.

In seinem Abschiedsbrief betonte er, nicht Selbstmord begangen, sondern als berufener Zeuge einen Sendungsauftrag erfüllt zu haben. Er klagte über den „scheinbaren tiefen Frieden, der auch in die Christenheit eingedrungen“ sei, während „zwischen Licht und Finsternis ein mächtiger Krieg“ tobe. Er betonte auch, dass seine „Vergangenheit des Ruhmes nicht wert“ sei. Dies war vermutlich eine Anspielung auf seine Scheidung und seinen fluchtartigen Wegzug.

Kritische Auseinandersetzung vermeiden

Die Trauerfeier am 26. August 1976 in Rippicha fand unter scharfer Beobachtung der Stasi statt. Die DDR wollte eine kritische Auslandsberichterstattung vermeiden. Neben Pressevertretern aus dem Westen waren hochrangige Theologen wie Manfred Stolpe anwesend. Die DDR stellte das Vorgehen Brüsewitz‘ als Tat eines Psychopathen dar. Die Kirchenleitung distanzierte sich in einem „Wort an die Gemeinden“ von diffamierenden Darstellungen in den DDR-Medien, jedoch auch von Versuchen, „das Geschehen in Zeitz zur Propaganda gegen die Deutsche Demokratische Republik zu benutzen“.

Um Repressionen in der DDR zu dokumentieren, wurde in Bad Oeynhausen ein Brüsewitz-Zentrum gegründet. Dieses befindet sich heute in Woltersdorf. In Zeitz wurde eine Gedenk-Stele für den Pfarrer errichtet. Brüsewitz’ Aktion diente noch zwei anderen Pfarrern als Vorbild. 1978 verbrannte sich der sächsische Pfarrer Rolf Günther aufgrund innerkirchliche Konflikte. 2006 begründete der Erfurter Pfarrer Roland Weißelberg seine Tat in einem Abschiedsbrief mit der „Sorge vor der Ausbreitung des Islam“. (pro/dpa)

Von: jw

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