Carsten Rentzing ist seit August vergangenen Jahres Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er ist verheiratet und hat vier Kinder mit seiner Frau. Durch einen katholischen Christen fand er als junger Erwachsener zum Glauben.
Carsten Rentzing ist seit August vergangenen Jahres Bischof der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens. Er ist verheiratet und hat vier Kinder mit seiner Frau. Durch einen katholischen Christen fand er als junger Erwachsener zum Glauben.

Landesbischof Rentzing: „Konservativ ist kein Makel“

Der sächsische evangelische Landesbischof Carsten Rentzing gilt als konservativer Theologe. Das wurde bei der Wahl zum Bischof im vergangenen Jahr vor allem an seiner Haltung zu Homosexualität festgemacht. Im Interview erklärt er, warum er sich als „frommer Lutheraner“ versteht und wie er Menschen mit dem Evangelium erreichen möchte.

pro: Anfang Juli haben Sie an einem Flüchtlingskongress teilgenommen. Nun ist das gerade in Sachsen kein konfliktfreies Thema. Manche Christen laufen aus Überzeugung bei Pegida mit. Wie nehmen Sie die Stimmung wahr?

Carsten Rentzing: Ich habe das vor Kurzem meine Superintendenten gefragt, weil sie noch dichter dran sind. Da wurde mir gespiegelt, im Augenblick sei etwas Ruhe eingekehrt. Das hat natürlich mit der Entspannung der Situation zu tun. Ich hoffe sehr darauf, dass wir uns mit unserer Predigt vom Geist der Barmherzigkeit durchsetzen, das ist mir ein Herzensanliegen.

Sie haben gesagt, Sie wünschen sich auch den Diskurs darüber, wie viele Migranten Deutschland verkraftet. Haben Sie den vermisst?

In der letzten Zeit habe ich ihn nicht vermisst, da ist die Frage nach den Zahlen eher zu sehr ins Zentrum gerückt. Aber wir hätten viel früher darüber nachdenken müssen, wie sich unsere Gesellschaften entwickeln können, was wir an Aufnahmefähigkeit bei uns sehen und was wir bereit sind, zu investieren. Es muss ein offener Diskurs darüber stattfinden, wie wir uns die Zukunft unserer Gesellschaft und den Umgang mit Fremden, Migranten, mit hilfsbedürftigen Menschen vorstellen. Da darf man seine Sorgen und Ängste anmelden, aber darf auch hören, welche Gegenargumente es gibt. Wenn wir diese Debatten rechtzeitig geführt hätten, wäre uns womöglich manches erspart geblieben – auch an vergifteter Diskussion.

In den vergangenen Jahren war auch das Thema Homosexualität eine große Streitfrage in der sächsischen Kirche. Wie haben Sie diese Debatte wahrgenommen?

In der Debatte gab und gibt es viele Verletzungen, gegenseitige Vorwürfe und Unterstellungen. Ich habe das immer zutiefst bedauert, dass es uns allen zusammen an dieser Stelle offenkundig sehr schwer fällt, eine theologische Debatte theologisch und geistlich zu führen und sie freizuhalten von Interessen und persönlichen Befindlichkeiten. Das hat dieses Gespräch sehr belastet. Ich versuche, so aufzutreten, dass ich die Gegenposition würdige, ohne meine eigene darüber zu verlieren oder zu verschweigen.

Sie halten gelebte Homosexualität für biblisch nicht begründbar. Im Zuge Ihrer Bischofswahl wurde in den Medien immer wieder Ihre Haltung thematisiert. Warum hat diese sexualethische Frage so ein großes Gewicht?

Ich sage schon immer, dass diese lebensethischen Fragen nicht der Kern unserer Verkündigung sind, jedenfalls nicht der einzige. Das Thema zieht aber im Augenblick in unseren westlichen Gesellschaften das Hauptinteresse auf sich. Vermutlich liegt das daran, dass man fürchtet, dass in das Leben der Einzelnen hineingesprochen wird. Das wäre ein Missverständnis, wenn man meine Position beispielsweise so verstehen würde. Mir geht es nicht darum, jemandem Vorschriften für sein Leben zu machen. Mir geht es um die Verantwortung, die wir vor Gott haben, vor seinem Wort, und darum, was das für unsere Verkündigung bedeutet. Ich kann dem Einzelnen bezogen auf sein eigenes Leben die Entscheidung nicht abnehmen, wie er leben möchte. Das ist urevangelisch-lutherisch und darum zu hundert Prozent meine Position. Aber ich muss ihm sagen können, was ich ihm aus meiner und aus Gottes Sicht zu sagen habe, damit er eine Entscheidung für sich treffen kann.

Sie gelten als konservativ. Würden Sie sich selber auch so bezeichnen?

Damit habe ich überhaupt kein Problem. Für mich ist konservativ auch kein Makel, sondern ein positiv besetzbarer Begriff. Man kann konservativ natürlich auch falsch verstehen. Wenn das heißt, da ist jemand verstockt, wendet sich nicht der Gegenwart oder Zukunft zu, sondern will einfach nur irgendwas festhalten, weil es schon immer so war – in diesem Sinne bin ich nicht konservativ. Konservativ heißt für mich eine gewisse Vorsicht, Dinge und Erkenntnisse über Bord zu werfen, die sich bewährt haben; das heißt für mich, an dem festzuhalten, was dauerhaft gilt, und das zu verändern, was verändert werden muss und kann.

Was möchten Sie bewahren?

Es gibt einige theologische Erkenntnisse zum Thema Ehe und Familie, die ich bewahren möchte.

Sie meinen das Familienbild von Vater, Mutter, Kind?

Selbstverständlich. Ich glaube, dass die Sehnsucht der Menschen daraufhin ausgerichtet ist – das zeigen alle Erhebungen, auch gerade in Zeiten, in denen wir davon ausgehen können, dass dieses Bild nicht das einzige wäre, wie man sein Leben führt oder wie Menschen heutzutage in verschiedenen Beziehungsformen zusammengewürfelt sind. Die übergroße Mehrheit auch der Jugendlichen wünscht sich genau dieses Bild. Das ist nicht in allen Punkten immer umsetzbar in unserem Leben, dazu leben wir in einer aus der Schöpfungsordnung Gottes herausgefallenen Welt. Aber es ist ein Leitbild, das bestehen bleibt.

Was möchten Sie verändern?

Veränderungen müssen in der Art und Weise liegen, wie wir das Evangelium verkündigen. Früher sind Wanderprediger durchs Land gezogen, dann gab es den Buchdruck, der entscheidend war für die Verkündigung des Evangeliums. Wir haben heute die neuen Medien, die wir nutzen müssen.

Wie würden Sie die neuen Medien für die Verkündigung einsetzen? Wollen Sie Seelsorge via Internet anbieten?

Wir sind als Kirche hier sehr träge, auch ich persönlich. Manche Landeskirchen sind da schon weiter. Das erste ist, dass wir unsere Kommunikation nach innen verbessern, die Kirchgemeinden besser vernetzen, damit Informationen tatsächlich dort landen, wo sie gebraucht werden. Der nächste Schritt ist, zu fragen: Was bedeutet es für die Kommunikation nach außen? Ob Seelsorge jenseits des Prinzips von Angesicht zu Angesicht real möglich ist, da bin ich im Augenblick eher noch skeptisch.

Es gab auch Streit darüber, ob es einen virtuellen Abendmahlsgottesdienst geben könne, wie er bei Bibel TV zu Ostern ausgestrahlt wurde.

Ja, bis hin zu der Frage, ob es virtuelle Gemeinden geben kann. Wir haben im Lutherischen Weltbund etwas ganz Großartiges erlebt: Weltweit haben sich Jugendgruppen parallel online zusammengeschaltet und ein Lied gesungen. Die Synode war dazugeschaltet und wir fingen an, dasselbe Lied zu singen. Und obwohl die anderen uns gar nicht gesehen haben, war die Synode plötzlich Teil der virtuellen Community, die dort entstanden ist. Das sind beeindruckende Möglichkeiten auch hinsichtlich der Weltgemeinschaft der Christenheit. Darin liegt sicherlich großes Potenzial.

Sie haben im vergangenen Jahr den Impuls zur Erneuerung der Kirche „Zeit zum Aufstehen“ mit unterzeichnet. Er richtet sich unter anderem gegen „Kräfte in der Kirche, die das Herzstück des Glaubens preisgeben“ und „die Bekenntnisfreiheit einschränken“. Was genau kritisieren Sie an der Kirche?

Es gibt in den Kirchen der westlichen Gesellschaften die Tendenz, kritische Aussagen zu unterlassen und nur das, was mit dem Mainstream verträglich ist, nach außen zu tragen. Wir können im Augenblick in einem breiten gesellschaftlichen Konsens über die Flüchtlingsthematik sprechen. Es gibt aber auch andere Fragen wie die angesprochene Homosexualität, wo es erheblich schwieriger ist, wo man sehr schnell sehr einsam wird und mit sehr viel Gegenwind rechnen muss. Auch der Glaube an den dreieinigen Gott, um mal ein hochtheologisches Thema zu nehmen. Der hat Implikationen, die nicht opportun sind in unserer Gesellschaft, auch im Umgang mit anderen Religionen nicht. Das sind für mich aber Grundlagen, die wir nicht preisgeben dürfen.

Evangelikalen sind die Landeskirchen oft zu liberal, jenen wiederum sind die Evangelikalen mitunter zu fromm. Sie scheinen den Evangelikalen von Ihrer Frömmigkeit her näherzustehen. Wie kommt das bei Ihren Kollegen an?

Ich spüre bezogen auf das wirklich keine Probleme mit meinen Kollegen. Man weiß das evangelikale, das fromme, pietistische Element durchaus zu schätzen. Weil man natürlich weiß, welches Potenzial in diesem ganzen Feld der evangelischen Welt in Deutschland liegt. Es sind die hochaktiven Gemeindeglieder, es sind die, die sich auch mit großer Opferbereitschaft einbringen, auch ihre materiellen Ressourcen zur Verfügung stellen in Ausmaßen, wie man es von anderen nicht gewohnt ist. Dass es dieses Elements bedarf in der evangelischen Welt, das ist völlig unbestritten. Ich persönlich würde mich auch nicht als evangelikal bezeichnen. Ich bin ein frommer Lutheraner.

Sie haben einmal gesagt, dass man die Menschen nur als Einzelne für die Kirche zurückgewinnen kann. Wie genau stellen Sie sich das vor?

Das sind die persönlichen Beziehungen, der echte Kontakt und das echte Interesse an meinem Gegenüber, die es mir ermöglichen, mit ihm in Glaubensgespräche zu kommen und ihm vielleicht auf dem Weg des Glaubens zu helfen. So habe ich das erlebt und nur so wird es auch in Zukunft funktionieren. Wir haben immerhin noch 25 Millionen evangelische Kirchenmitglieder in Deutschland. Wenn sich jeder Einzelne als ein Zeuge des Evangeliums von Jesus Christus verstehen würde, dann könnten wir sehr viele Einzelne erreichen.

Sie sind als junger Mann Christ geworden. Wie kam es dazu?

Mir sind einfach – katholische – Christen begegnet. Ich bin in Berlin in einem kirchenfernen Haushalt aufgewachsen ohne Gebete, ohne Gottesdienstbesuch, nicht einmal zu Weihnachten. Zwar war ich evangelisch getauft, aber es gab keinen Bezug zur Kirche. Kurz vor dem Abitur kam ich zu einem Gesprächskreis, wo Schüler und Studenten über philosophische Texte sprachen, einer davon war katholischer Christ. Als wir einmal in einem Lokal Kaffeetrinken waren, sprach er, bevor er zu einem Stück Kuchen griff, erst einmal ein Gebet. Da kamen wir dann ganz konkret über die Glaubensfragen ins Gespräch. Dass mir das so haften geblieben ist, signalisiert ja, welche unglaubliche Kraft davon ausgegangen ist. Er hat mich dann mit der richtigen Literatur versorgt, die „Bekenntnisse“ des Heiligen Augustinus zum Beispiel und die „Gedanken“ von Blaise Pascal – das waren die ersten christlich-philosophischen Schriften, die mich im Glauben vorangebracht haben. Das ist das, was ich vorhin meinte: Ich habe meinen Glauben dieser persönlichen Begegnung und diesem authentischen Christen zu verdanken.

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Jonathan Steinert. (pro)

Dieses Interview stammt aus der neuen Ausgabe 4/2016 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro kostenlos unter der Telefonnummer 06441/915151, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.

Von: jst

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