Das christliche Medienmagazin

Kinder sind mehr als nur “Humankapital”

In ihrem Buch "Charakter - worauf es bei Bildung wirklich ankommt" prangern die Autoren Petra Gerster und Christian Nürnberger das deutsche Schulsystem an. Im Interview für die aktuelle Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro erklärt Christian Nürnberger, warum Bildung mehr bedeutet als die Vermittlung von Fachwissen, warum die Lehrerausbildung nicht auf die Praxis vorbereitet und was Kinder wirklich in der Schule brauchen.

Von PRO

Foto: pro

pro: Herr Nürnberger, warum ist unser Bildungssystem eine Gefahr für unsere Kinder?

Christian Nürnberger: Weil diejenigen, die heute die Verantwortung für Bildung haben, unser Bildungssystem umfunktionieren zu einer Fabrik, in die man vorne ein Kind reinschiebt und hinten einen Ingenieur oder Betriebswirt herauszieht. Nichts gegen Ingenieure und Betriebswirte, aber sie sollten mehr beherrschen als nur ihr Fach. Wir brauchen keine angepassten Ja-Sager, sondern starke, kreative, kritische, widerstandsfähige Menschen mit eigenen Ansichten, Werten und Visionen. Bildung umfasst mehr als die Fähigkeit, sich ökonomisch gegen Inder und Chinesen zu behaupten.

Sie sagen, Bildung wird von Politikern missbraucht und instrumentalisiert – und Kinder zu Investitionsobjekten gemacht. Das sind harte Worte.

Bildung wird "ver-zweckt"- das merkt man bereits am Vokabular der Politiker: Wenn es um Bildung geht, wird von künftigen Rentenzahlern, von Wettbewerbs- oder Zukunftsfähigkeit der deutschen Wirtschaft gesprochen, von „Investitionen in Humankapital“ oder in die „Ressource Mensch“. Entsprechend geht es in Schulen nur noch um Noten, PISA-Punkte, Qualitätssicherung, Evaluation – nur um die kindliche Seele geht es nie. Je mehr wir uns aber um die Wirtschaft sorgen und die Kinder vernachlässigen, umso mehr Sorgenkinder werden wir bekommen.

Welche Chancen sehen Sie denn, das Bildungssystem zu verändern?

Geringe, so lange dieses System davon abhängt, dass sich 16 Kultusminister – von denen jeder zuerst an seine Karriere und die jeweils nächste Wahl denkt – auf etwas einigen müssen. Die Regel ist, dass ein neuer Minister zunächst immer sehr viel Staub aufwirbelt, und dann, wenn sich der Staub wieder gelegt hat, die ungelösten Probleme an seinen Nachfolger weiterreicht.

Sie sind wirklich richtig sauer über unsere Bildungspolitik.

Ach, sauer ist das falsche Wort, eher resigniert. Bildungspolitiker sind Teil eines größeren Problems, eines Problems unserer Demokratie: Immer muss irgendwann irgendwo gewählt werden, also endet der Blick jedes Politikers zuverlässig bei der jeweils nächsten Wahl. Dieses Kurzfrist-Denken haben wir genauso in der Wirtschaft. Jeder Konzernboss muss alle drei Monate seine Quartalszahlen vorlegen und darauf achten, dass diese von Mal zu Mal ein bisschen besser aussehen. Angesichts solcher Zusammenhänge und Sachzwänge bräuchten wir starke Charaktere, die um der langfristigen Zukunft willen auch mal auf den einen oder anderen Kurzfrist-Vorteil verzichten. Von solchen Charakteren gibt es zu wenig.

Wie stark können Erwachsene denn Einfluss auf den Charakter eines Kindes nehmen?

Sehr stark. Ein guter Charakter ist nicht das Ergebnis guter Gene, sondern einer guten Erziehung. Die Ursache eines freundlichen Wesens ist nicht ein Freundlichkeits-Gen, sondern eine freundliche Umwelt. Diese schaltet vorhandene Gene ein oder aus oder lässt sie verkümmern. Daher können wir vieles tun, um über die Charakterbildung jedes Einzelnen unser kollektives Schicksal günstig zu beeinflussen. Das geht im Elternhaus los. Die ersten Jahre sind extrem wichtig. Jeden Euro, den wir in dieser Phase sparen an den Kindern, werden wir später hundertfach zurückzahlen müssen.

Jetzt denken Sie auch schon in Euros!

Ich verwende lediglich die Sprache, die Politiker, Manager und Unternehmer verstehen.

Sie sprechen von Erziehung als einem "Menschwerdungs-Programm". Ist den Vätern und Müttern heute die intuitive Erziehung abhanden gekommen?

Ja, ich glaube, seit den 68ern ist uns die abhanden gekommen. Damals wurde zwar aufgeräumt mit der schwarzen Pädagogik, mit Prügelstrafen und preußischer Disziplin und autoritärer Erziehung, aber darauf folgte die Laissez-Faire-Pädagogik, die auch gescheitert ist.

Diese Zeiten haben wir aber schon lange hinter uns gelassen…

Ja, heute wird weitgehend gar nicht erzogen. Viele Eltern delegieren diese Aufgaben an den Kindergarten und die Schule, diese delegieren sie zurück an die Eltern. Das Ergebnis ist, dass es niemand mehr macht, zumal Erziehung in unserer heutigen multi-ethnisch-pluralistischen Individualistengesellschaft viel schwieriger geworden ist als früher.

Sie sehen das sehr negativ. Eltern bekommen für Aufgabe ja keine Ausbildung. Dafür machen es die meisten doch ganz gut, oder?

Naja, sagen wir besser: Die meisten Kinder gedeihen trotz schwacher Erziehungsleistungen, weil sie mit genügend innerer Kraft auf die Welt kommen. Wenn es von den Eltern geliebt wird, hält so ein Kind viele Erziehungsfehler aus. Aber eben nur innerhalb gewisser Grenzen. Wo die Liebe und Zuwendung ein gewisses Maß unterschreitet, wo Kinder keine Geschichten erzählt bekommen, wo nicht gesungen, musiziert und gemeinsam gespielt wird, niemand mit ihnen rausgeht in die Natur, in die Bibliothek, ins Konzert oder Theater, da sinken die Chancen der Kinder auf eine gute Entwicklung. Heute sind Eltern meistzu sehr mit ihren eigenen Problemen und Konflikten in Ehe oder Beruf beschäftigt.

Sie schreiben: Wenn die Erziehung der ersten 5-6 Jahre gelingt, ist das Gehirn auf lebenslanges Lernen vorbereitet, dann sollte Schule kein Problem sein. In der Realität sieht das anders aus.

Erzieherinnen im Kindergarten berichten, dass Kinder nicht zuhören, sich nicht konzentrieren können. Die Hauptursache dafür scheint mir der hohe Medienkonsum. Kinder sitzen zu lange regungslos vor dem Bildschirm. Meine Generation hatte eine Kindheit ohne Medien – das war unser Glück. Wenn wir uns langweilten, mussten wir uns etwas einfallen lassen oder die Langeweile aushalten. Heute drücken die Kinder auf einen Knopf, telefonieren, chatten, surfen, spielen Computerspiele, gucken Fernsehen. Da bleibt kein Raum mehr für eigene Kreativität, Phantasie, Konzentration, Versunkenheit ins Spiel. Das alles ist schlecht für den Leib, den Geist und die Seele.

Wer Kinder weg von den Medien bringen will, muss ihnen lohnendere Alternativen anbieten. Wie haben Sie das gelöst?

Meine Frau und ich haben dafür gesorgt, dass unsere Kinder rausgehen. Wenn sie es nicht von alleine getan haben, sind wir mit ihnen gegangen – in den Tiergarten, in die Bücherei, ins Kino. Wir schickten sie in den Sportverein, und wir bezahlten eine Klavierlehrerin. Aber wir sehen auch: Wir haben es leichter als viele andere. Schon dass wir zu zweit sind und nicht einer allein alles stemmen muss, hilft. Dass ich zu Hause arbeiten kann, ist einbesonderes Privileg. In München oder Mainz haben wir uns Wohnungen gesucht, die es möglich machten, dass meine Frau zum gemeinsamen Mittagessen nach Hause kommen konnte.

Bleiben wir bei der Schule: Sie haben geschrieben, dass Kinder vor allem aus Zuneigung zum Lehrer lernen.

Ich sehe das bei meinem Sohn. Seit er einen neuen Physiklehrer hat, ist er wie verwandelt, lernt nachmittags, geht gerne in den Unterricht- weil es ihm jetzt Spaß macht. Er hat einen engagierten Lehrer, für den er das gerne tut.

Wie schafft man es, ein guter Lehrer zu sein?

Ein Lehrer muss eine starke Persönlichkeit sein mit natürlicher Autorität. Ein gutes Selbstwertgefühl ist wichtig, aber auch Einfühlungsvermögen und soziale Intelligenz. Dazu muss dann noch eine hervorragende Ausbildung kommen.

Wie müsste diese denn aussehen?

Lehrer ist ein praktischer und sozialer Beruf, kein fachtheoretischer. Also müsste viel mehr Praxis eingeübt werden: Wie bringe ich unterschiedlichen Kindern dasselbe bei? Wie verschaffe ich mir Respekt, wie sorge ich für Disziplin, wie gehe ich mit Störern und Provozierern um? Wie fördere ich Schwache, wie fordere ich die Starken? Und es sollte selbstverständlich werden, dass ab und zu ein Kollege im Unterricht sitzt und hinterher mit dem Lehrer bespricht, was gut war und was besser werden könnte. Zugleich müsste in Schulen investiert werden, in Unterrichtsräume, Aula, die Turnhalle, das Chemielabor, den Musikraum, und auch eine Bühne fürs Theaterspiel und für Konzerte wäre schön. Davon sind viele Schulen weit entfernt, weil angeblich das Geld fehlt.

Nun reden wir wieder über Geld..

Nur im Zusammenhang mit Bildung: als uns die Banken an den Abgrund drängten, waren die Milliarden plötzlich da, weil Banken ja "systemrelevant" sind. Und was ist mit den Kindern? Sind die etwa nicht systemrelevant? Schulden zurückzahlen müssen unserer Kinder, wenn sie erwachsen sind, sowieso. Aber statt Schulden für ihre Bildung werden sie dann Schulden für die Banken zurückzuzahlen haben. Das ist bitter.

Wenn wir es irgendwann schaffen würden, als Gesellschaft nach christlichen Werten zu leben wäre ihr Buch überflüssig.

Das wäre mir sehr recht. Ich lebe wirklich in der Sorge, dass es meinen Kindern einmal schlechter gehen wird als es mir gegangen ist. Daher kämpfe ich für die dringend notwendigen Korrekturen . Manche meinen, da stehe man auf verlorenem Posten. Aber das stimmt nicht. Ich muss nicht hundert Prozent des deutschen Volkes überzeugen. Um etwas zu bewegen, genügt es, eine „kritische Masse“ zu haben.

Wie groß müsste die sein?

Schon fünf bis zehn Prozent könnten viel bewirken, wenn sie es nur wollten. Wahrscheinlich genügen sogar noch weniger. Ich denke da an die Geschichte von Sodom, als Abraham Gott auf "zehn Gerechte" herunter handelte. Hätte es die gegeben, wäre die Stadt nicht zerstört worden. Darin steckt eine tiefe Weisheit: Wenn die Zahl der Engagierten, Vernünftigen, Verantwortungsbewussten in einer Gesellschaft unter einen gewissen Prozentsatz fällt, dann geht es mit ihr bergab. Deshalb ist Werteerziehung auch dann nicht vergeblich, wenn sie scheinbar an den meisten spurlos vorübergeht.

Sie schreiben, dass der beste Religions- und Ethikunterricht nicht zur Wertebildung beiträgt, wenn es ansonsten ausschließlich um Wertpapiere geht.

Religions- und Ethikunterricht sind wichtig, auch Sozialkunde ist wichtig, aber das alles ist nur Theorie. Durch Unterricht wird einer nicht anständig, ehrlich, demokratisch, verantwortungsbewusst. Das wird er nur durch das gelebte Vorbild und durch eigenes Einüben in der alltäglichen Lebenspraxis. Wie Eltern und Lehrer mit anderen umgehen, das prägt die Kinder.

Sie schwärmen in ihrem Buch vom Bundestrainer Jogi Löw, den Sie als gutes Vorbild sehen. Was macht er besser als andere?

Zwischen Fußball und Leben gibt es viele Parallelen. Beispielsweise streitet niemand darüber, dass eine Mannschaft Führung braucht. Auch Kinder brauchen Führung. Man kann darüber diskutieren, wie diese aussehen soll, aber man kann nicht darauf verzichten. Jogi Löw hat gezeigt, wie sich Vertrauen auswirkt. Er hat seinen Spielern gesagt: Auf euch baue ich. Ich traue euch zu, dass ihr ganz vorne mitspielt. Und sie haben ganz vorne mitgespielt. Sie haben dem Trainer zurück gegeben, was sie zuvor von ihm bekommen hatten. Erziehung funktioniert ähnlich.

Sollten Lehrer also vom Fußballtrainer lernen?

Sport ist eine gute Grundlage zur Wertevermittlung: man muss pünktlich und fair sein, Regeln einhalten, aufeinander achten, sich in den anderen hineinversetzen. Viele Sachen lernt man nebenbei, auch in der Musik oder beim Theaterspielen. Da lernen Kinder, dass das Ganze mehr ist als die Summe seiner Teile. Sie lernen also soziale Intelligenz und Empathie, und sie lernen, dass man üben und sich plagen muss, aber dann belohnt wird durch ein Erfolgserlebnis.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte: Ellen Nieswiodek-Martin

Petra Gerster / Christian Nürnberger: Charakter. Worauf es bei Bildung wirklich ankommt, Rowohlt Berlin, 272 Seiten, ISBN: 978-3871346798

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