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Kermani: Fundamentalistischer Islam hat Pendant in der evangelikalen Bewegung

Der Schriftsteller Navid Kermani erkennt Parallelen zwischen einer Spielart des Islam und evangelikal gesinnten Kirchen. Die Gemeinschaften mit festen Wertesystemen kapselten sich von der Gesellschaft ab.
Von PRO
Navid Kermani hat den fundamentalistischen Islam mit der evangelikalen Bewegung verglichen

Foto: pro/Anna Lutz

Navid Kermani hat den fundamentalistischen Islam mit der evangelikalen Bewegung verglichen

Der Schriftsteller Navid Kermani stellt neben der gesellschaftlichen Öffnung des Islam auch eine Entwicklung zu einem „fundamentalistischen, unpolitischen Islam“ in Deutschland fest. In einem Interview mit dem katholischen Bonifatiuswerk am Rande des Europakongress in Paderborn erkennt Kermani in dieser Entwicklung ein „Gegenbild zu den christlichen evangelikalen Kirchen”.

Nicht die liberalen Strömungen von Religionen sind seiner Meinung nach solche, „die Masse machen”, sondern „die Pendants zu den evangelikalen Bewegungen”, die seiner Ansicht nach in allen Religionen zu finden sind. Der Einzelne erhalte darin „ein festes Wertesystem”, gleichzeitig kapselten sich derlei Gemeinschaften von anderen ab. „Das kommt modern und begleitet von den neuen sozialen Medien daher”, sagte Kermani, sei jedoch im Kern „fundamentalistisch”.

Kritiker mit festen Glaubensüberzeugungen

Für Reinhold Strähler, den Vorsitzenden des Arbeitskreises Islam der Deutschen Evangelischen Allianz (DEA), ist die Kritik Kermanis an der evangelikalen Bewegung teilweise nicht schlüssig. „Kermani fühlt sich auch frei, Themen nach seinem ganz eigenen Verständnis zu interpretieren und, wo es aus seiner Sicht notwendig erscheint, auch radikal abzulehnen”, erklärt Strähler auf Anfrage von pro.

So habe sich Kermani beispielsweise sehr deutlich gegen die Kreuzestheologie des christlichen Glaubens ausgesprochen. „Für ihn hat das mit Gotteslästerung zu tun. Kermani hat also selber auch feste Glaubensüberzeugungen.” Diese seien ihm natürlich zuzugestehen. „Aber im Gegenzug ist es dann verwunderlich, dass er bei manchen christlichen Gruppen kritisiert, dass sie klare Glaubensinhalte haben und sich aus diesen natürlich auch bestimmte Werte ergeben”, stellt Strähler fest.

Kermani sei einer der bekanntesten gegenwärtigen Autoren in Deutschland. Als Muslim beschäftigte er sich viel mit den Verbindungen, die es zwischen Judentum, Christentum, Islam und westlicher Philosophie gebe. „In seinen Veröffentlichungen greift er in beeindruckender Weise Gedanken aus der christlichen Theologie und Tradition auf und entwickelt Zugänge dazu”, sagt Strähler. Dies sei besonders deutlich in dem Buch „Ungläubiges Staunen über das Christentum“ zu sehen. Darin spreche Kermani auch Aspekte an, die für viele Menschen heute nicht mehr relevant zu sein schienen und bringe sie neu ins Gespräch. „Das ist sein großes Verdienst”, betont Strähler.

Eigener Verband für säkulare Muslime

Kermani begrüßt in dem Interview einen Verband für säkulare Muslime in Deutschland: „Es ist gut, wenn die Muslime eine Stimme erhalten, die sich nicht von den Verbänden vertreten fühlen.“ Von den bestehenden Verbänden könne man halten, was man wolle, jedoch sei es „ein Fakt, dass bislang nur eine Minderheit der Muslime von ihnen vertreten wird”. Die bestehenden Verbände vertreten nach Kermanis Auffassung in erster Linie die „Moscheegänger“, doch nur eine Minderheit der Muslime gehe freitags in eine Moschee.

Kermanis Meinung nach sei es wichtig, „dass sich andere muslimische Stimmen selbstbewusst zu Wort melden”. Religionen passten sich in einer säkular verfassten Welt an. Dies sei beispielsweise am „schwulen Islam” und dem „lesbischen Islam” erkennbar. In pluralen Gesellschaften würden religiöse Regeln von den Gläubigen so definiert, wie sie es für richtig hielten, erklärte Kermani in dem Gespräch mit Karl-Martin Flüter.

Der Europakongress hat vom 21. bis zum 23. November unter dem Titel „Wie prägt Religion Europa?” in Paderborn stattgefunden. Er war Bestandteil des Europäischen Kulturerbejahres 2018. Der Kongress war Teil des Projekts „Herkunft hat Zukunft“ und ist vom katholischen Bonifatiuswerk veranstaltet worden. Schirrmherrin war Staatsministerin Monika Grütters (CDU), die Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien. Auf dem Kongress hatten Vertreter der drei monotheistischen Religionen über die Bedeutung von Religion und die gemeinsamen christlichen Wurzeln in Europa diskutiert.

Von: Norbert Schäfer

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