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Kelek: “Islamdebatte am Scheideweg”

Die Soziologin Necla Kelek sieht die deutsche Debatte um den Islam an einem Scheideweg. In einem Interview wies sie auf die Diskrepanz zwischen dem mächtiger gewordenen traditionellen Islam und dem modernen Lebensmodell vieler junger Muslime hin.
Von PRO

Foto: pro

Es gebe immer mehr junge Muslime und Musliminnen, "die von Anfang an in diese Gesellschaft hineinwachsen, beruflich aufsteigen wollen und sich mit individualistischen Werten identifizieren", sagte Kelek der "Katholischen Nachrichtenagentur" (KNA) in einem Interview, das auf dem Online-Portal "domradio.de" veröffentlicht wurde. In vielen türkischen Familien sei die Geschlechtergerechtigkeit gewachsen. Dies führt die Soziologin auch auf die seit langem währende Debatte um den Islam in Deutschland zurück.

Andererseits sei der traditionelle Islam mächtiger geworden. "Eine starke Migrantengruppe in den Großstädten wehrt sich gegen jede Öffnung hin zur liberalen Weltordnung", beklagt  Kelek. Patrichariat, Machokultur, die Kontrolle über die Frauen werde hier mit aller Kraft verteidigt. Gleichzeitig diffamierten konservative Islamverbände wie "Ditib" oder der "Zentralrat der Muslime" jeden politischen Versuch, diese Milieus aufzubrechen, sofort als Islam- und fremdenfeindlich. Diese Verbände sähen sich als Wächter des wahren Islam, stellt Kelek fest und bedauert: "Leider haben sie sich in den vergangenen Jahren als zentrale Ansprechpartner für den Staat in den Vordergrund gespielt. Auch sie haben von der Islamdebatte profitiert."

Maulkörbe für Islamkritiker?

In dem Interview kritisiert die Soziologin, dass auch bei deutschen Politikern mit islamischem Hintergrund der Wille zur Kritik an patriarchalischen Migrantenmilieus nicht sehr ausgeprägt sei. "Es gibt beinahe einen parteiübergreifenden Konsens unter türkischstämmigen Politikern, schnell den Zeigefinger zu erheben und vor ‘Verallgemeinerung’ und ‘Klischees’ zu warnen, sobald es um Themen wie Zwangsehe oder Ehrenmorde geht. So sichert man sich zwar seine Wählerklientel, löst aber keine Probleme." Auch viele deutschstämmige Politiker wollten hier Maulkörbe verteilen. Leidtragende dieser falschen Toleranz seien besonders muslimische Frauen und Mädchen aus traditionellen Familien.

Große Hoffnungen setzt die Islamkritikerin auf die Einführung eines islamischen Religionsunterrichts an deutschen Schulen und auf die angelaufene islamische Theologenausbildung an mehreren Universitäten: "Das staatliche Ausbildungssystem muss den Islam kontrollieren", fordert sie. "Denn die Moscheegemeinden und Islamverbände haben überhaupt keine Konzepte für eine moderne Vermittlung des Glaubens entwickelt." Ihre Vertreter würden sicherlich über die Uni-Beiräte versuchen, personell und inhaltlich das konservative Lehrgebäude zu installieren. Das Ganze ergebe jedoch nur einen Sinn, wenn sich die Korandeutung auf historisch-kritische Methoden einlasse. (pro)

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