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“Keine Revolution ohne die Kirche”

"Gott hat mich nie allein gelassen." Das bekennt Rainer Eppelmann in einem Interview mit dem Magazin "Cicero". In der ehemaligen DDR war er Bausoldat und Pfarrer, vor allem aber Regime-Kritiker – weshalb ihn die Stasi sogar töten wollte.

Von PRO

Foto: Regani

Rainer Eppelmann hat viele Gefahren in seinem Leben gemeistert – meist ohne eigenes Zutun. Wie er im Interview mit "Cicero" berichtet, wurde er 1943, während des Zweiten Weltkrieges, als Frühchen in Berlin geboren: mitten im Bombenhagel. Als Kleinkind überstand er die Hungerjahre nach dem Krieg und wurde schließlich zu einem der größten Regimekritiker der DDR. Die Stasi versuchte ihn durch Manipulation seines Autos zu töten. Gelöste Radschrauben und ein lockeres Lenkrad sollten zu einem Unfall führen und ihn mitsamt seiner Familie umbringen. Weil er langsam im Wald unterwegs war, konnte er das Unglück verhindern. In "Cicero" sagt er: "Ich war unendlich dankbar, dass immer wieder schützende Hände über mich gelegt worden sind.(…) Gott hat mich nicht allein gelassen."

"Wenn Jesus nur lieb und leidend gewesen wäre…"

Den christlichen Glauben empfindet er als "revolutionär". Immer seien es die Geschichten des Neuen Testaments, in denen Jesus provozierte, gewesen, die ihn besonders gereizt hätten. "Wenn Jesus nur lieb und leidend gewesen wäre, wäre aus dem christlichen Glauben keine Weltreligion geworden. In einer diktatorischen, unmenschlichen oder ungerechten Gesellschaft können die Kirche oder der einzelne Christ nicht schweigen", ist er sicher und bezieht diesen Gedanken auch auf den Fall der Mauer. "Zwei Worte haben den Umbruch in der DDR geprägt: Keine Gewalt! Wir wussten, dass man mit Gewalt in diesem Land nichts verändern kann. Ohne die beiden großen Kirchen wäre diese Revolution nicht möglich gewesen."

Bei aller Freude am Glauben habe es ihn belastet, dass die Kirchenleitung dem Regime teilweise sehr nah gestanden habe. Er bezeichnet es als "Spannungsverhältnis, das mich manchmal fast zerrissen hat". Gerne erinnere er sich aber an den damaligen Konsistorialpräsidenten und heutigen SPD-Politiker Manfred Stolpe. Eppelmann habe in ihm einen Unterstützer gefunden: "Ich habe ihn als einen ungeheuer wichtigen Mann, fast als meinen geistig-strategischen Vater erlebt."

Indirekter Kontakt zu Merkel

Wenn auch nur indirekt hatte Eppelmann zu DDR-Zeiten auch Kontakt zu der heutigen Bundeskanzlerin Angela Merkel. So erinnert er sich an ein Gespräch mit dem damaligen Berliner Bischof Schönherr nach einer Bluesmesse. Der habe davon berichtet, dass er sich vor dem Staatssekretär für Kirchenfragen für eine Pfarrerstochter einsetzen müsse, die das Abitur mit Eins bestanden habe, aber möglicherweise nicht zum Studium zugelassen werde. Eppelmann erinnert sich an Schönherrs Worte: "Ich weiß jetzt schon, der Staatssekretär wird zu mir sagen, über das Thema können wir reden, wenn Sie mir vorher versprechen, dass der Eppelmann nicht mehr in der Westpresse in Erscheinung tritt." Bei der Schülerin handelte es sich um Merkel. Eppelmann blickt zurück: "Auf der einen Seite aus Überzeugung nicht anders handeln zu können und andererseits die Bildungschancen einer jungen Frau zu verhindern", das sei eine schlimme Situation gewesen.

Dennoch: Eppelmann hat sich immer auch öffentlich gegen das Regime gestellt. 1966 verweigerte er Waffendienst und Fahneneid und kam für acht Monate ins Gefängnis. In den achtziger Jahren organisierte er die sogenannten "Bluesmessen" in Berlin, zu denen benachteiligte Jugendliche aus der ganzen DDR anreisten. Gemeinsam mit Thomas Welz verbreitete er Zeitschriften und Texte, die sich mit dem SED-Regime auseinander setzten. 1982 rief er gemeinsam mit Robert Havemann zur Abrüstung in Ost und West auf. Er war Mitglied des "Demokratischen Aufbruchs", der nach Ende der DDR mit der CDU verschmolz, Mitglied des Runden Tisches zur friedlichen Revolution und der Volkskammer der DDR. Von 1990 bis 2005 war er Mitglied des Deutschen Bundestages. Für "Cicero" zählt er zu den "100 wichtigsten Ost-Deutschen". (PRO)

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