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Keine Angst vor großen Fragen

75 Rollen, 19 Schauspieler – das Theater Rudolstadt hat „Die Bibel“ mit einer packenden Inszenierung auf die Bühne gebracht. Das Stück des schwedischen Schriftstellers Niklas Rådström erzählt nicht nur biblische Geschichten nach, sondern verknüpft sie auf originelle Weise. Und stellt große Fragen. Eine Rezension von Jonathan Steinert
Von Jörn Schumacher
Die Engel des Herrn halten Abraham davon ab, seinen Sohn Issak zu töten. Eine Szene aus „Die Bibel“.

Foto: Theater Rudolstadt/Harald Wenzel-Orf

Die Engel des Herrn halten Abraham davon ab, seinen Sohn Issak zu töten. Eine Szene aus „Die Bibel“.

Die Bibel als Theaterstück auf die Bühne zu bringen, ist ein kühnes Unterfangen. Schließlich ist die Bibel keine in sich geschlossene Erzählung mit einer angelegten Dramaturgie. Oder doch? Jedenfalls geht es von vorn bis hinten um Gott und seine Beziehung zu den Menschen, um Sinn, Woher und Wohin.

Das sind auch die Fragen, die das Theaterstück „Die Bibel“ des schwedischen Schriftstellers Niklas Rådström zusammenhalten. Das Theater Rudolstadt führt das Werk derzeit erstmals in deutscher Sprache auf. Ausgewählte Geschichten aus der Bibel werden dabei in 41 einzelnen Sequenzen aneinandergereiht, miteinander verknüpft und als Revue wie eine Collage zusammengefügt. Insgesamt 75 Rollen sind dabei mit 19 Schauspielern besetzt. Dreieinhalb Stunden dauert das Ganze und ist dabei so unterhaltsam wie tiefsinnig. Es geht los mit der Schöpfung und endet mit der Offenbarung – und Jona im Bauch des Wals. Dazu später mehr.

Adam und Eva in der Arche

Der erste Teil des Stückes erzählt biblische Episoden weitgehend chronologisch, wenn auch mit einigen Sprüngen. Die einzelnen, zum Teil nur wenige Minuten langen, in sich abgeschlossenen Sequenzen erscheinen dabei in ganz unterschiedlichen Zusammenhängen. Der Schöpfungsbericht spielt auf einer Theaterbühne, die für ein neues Stück vorbereitet wird. Der Bericht von der Erschaffung der Welt ist gleichsam die Anweisung für Bühnenbildner und Beleuchter, wie die Szenerie einzurichten ist.

Es folgen Adam und Eva nahezu unbekleidet im Paradies und der Sündenfall, dann läuft Kain durchs Bild, der gerade seinen Bruder ermordet hat; weiter geht es mit der Sintflut, wobei sich Adam nun in Jeans und Eva im Minikleid als blinde Passagiere an Bord der Arche geschlichen haben. Nachdem Noah den Aktenordner dicken Vertrag des neuen Bundes mit Gott unterzeichnet hat, bauen er und seine Söhne mit am Turm von Babel, bevor sich die Handlung ausführlicher Abraham und Sarah widmet.

Mose sitzt in Blaumann-Hose, Unterhemd und Hosenträgern am Tisch und löffelt seine Suppe, als er im Radio hört, dass die Ägypter von den Israeliten in ihrem Land die Nase voll haben. Dann explodiert das Radio und Gott erteilt aus der Flamme Mose den Auftrag, sein Volk zu befreien. Später predigt Jesaja Touristen im Tempel das Gericht, während er sich nackt auf dem Boden wälzt, bevor er dann verprügelt wird. Durchaus bibelnah, aber in dieser Direktheit verstörend. Genauso wie Mose, als er wie im Wahn sein halbes Volk mit einem Maschinengewehr niederballert, weil die Israeliten mit Disko-Musik um das Goldene Kalb Party machen. Oder die brutalen Kriege, die das Volk führte, als es ins verheißene Land zieht.

Adam (Johannes Geißer) und Eva (Anne Kies) bemerken, dass sie nackt sind Foto: Theater Rudolstadt/Harald Wenzel-Orf
Adam (Johannes Geißer) und Eva (Anne Kies) bemerken, dass sie nackt sind
Die Tiere in der Arche Noah fragen sich, warum die Fische bei der Sintflut nicht sterben müssen Foto: Theater Rudolstadt/Lisa Stern
Die Tiere in der Arche Noah fragen sich, warum die Fische bei der Sintflut nicht sterben müssen
Der Engel des Herrn (Johannes Arpe) hat die Sprachen auf der Turm-Baustelle von Babel verwirrt Foto: Theater Rudolstadt/Friederike Lüdde
Der Engel des Herrn (Johannes Arpe) hat die Sprachen auf der Turm-Baustelle von Babel verwirrt
Ein Müllmann (Hans Burkia) berichtet, wie er mit dem ganzen Volk der Israeliten durch das Rote Meer gezogen ist Foto: Theater Rudolstadt/Friederike Lüdde
Ein Müllmann (Hans Burkia) berichtet, wie er mit dem ganzen Volk der Israeliten durch das Rote Meer gezogen ist

Wer ist gerecht?

Indem diese Szenen in ein zeitgemäßes Umfeld gesetzt werden, werden sie viel greifbarer und konkreter, ihre Themen drängender, als wenn man sie einfach als „alte Geschichten“ läse. Bei allen Gags und humorvollen Anspielungen in dem temporeichen Stück: Es geht um ernsthafte Fragen. Fragen an Gott, an die Menschheit und an das Leben, Fragen nach Schuld, Verantwortung und Gerechtigkeit, nach Krieg, Flucht und Versöhnung, Glaube und Zweifel. „Ist es Gottes Ziel, dass sich die Menschen umbringen?“, fragt etwa einer der drei Engel des Herrn, die die Protagonisten und die Zuschauer das ganze Stück über begleiten.

Einer von ihnen entpuppt sich im weiteren Verlauf als Luzifer, der später Hiob prüft und Jesus versucht. Er verlässt seine Kollegen, weil er frustriert ist, das Gefühl hat, dass die Menschen ohnehin ihr eigenes Ding machen und nicht mehr auf den Rat der Engel hören. Die anderen beiden sitzen später bei Jesus und lauschen der Bergpredigt. Hin und wieder gibt es auch Kommentare und Erklärungen zum Bühnengeschehen, die direkt ans Publikum gerichtet sind.

Außer den Engeln tauchen auch Adam und Eva, oder einfach „Mann“ und „Frau“, immer wieder auf – bei den Israeliten in der Wüste, in babylonischer Gefangenschaft, in einer kurzen Begegnung mit Paulus. Als Paar, das miteinander durchs Leben irrt, sich verliert, sucht, schließlich irgendwann wiederfindet und seine Liebe in Worte aus dem Hohelied Salomos kleidet. Der Mann und die Frau stehen wie auch die meisten anderen Figuren in „Die Bibel“ für die Menschen, die mit oder ohne Gott versuchen, einen Weg durch das Leben zu finden. Immer wieder geht es um die Frage: „Wer ist ein Gerechter?“ – „Einer, der Gottes Willen tut“, was in dem Stück eher nach Druck als nach Freiheit klingt.

Fragen, die immer wieder gestellt werden

Bis einer der Engel sagt, Gott müsse sich neu erfinden, woraufhin Paulus’ Hohes Lied der Liebe erklingt und Jesus ins Spiel kommt als derjenige, der dem spottenden Satan tatsächlich die andere Wange hinhält, die zweite Meile mit ihm geht und ihn schließlich den Rest des Weges selber trägt, als der nicht mehr kann.

Im zweiten Teil des Stückes geht es nicht mehr chronologisch zu. Die Szenen, die manchmal eher zu Handlungsschnipseln werden, springen zwischen Tod Jesu, babylonischer Gefangenschaft, Hiob, Bergpredigt, Zacharias, Paulus und Jona hin und her. Das ist zunächst etwas verwirrend, aber im Grunde sehr intelligent gemacht. Denn die Themen der jeweiligen Geschichten und die Fragen, die die Menschen stellen, sind zu allen Zeiten die gleichen, sie kehren immer wieder. Besonders deutlich wird das in der Szene, als Petrus im Zusammenhang der babylonischen Gefangenschaft Jesus verleugnet. Wer ist Gott und wie stehe ich zu ihm? Diese Frage mussten sich die Juden im Exil genauso wie zur Zeit Jesu stellen. Und die Menschen heute müssen es auch.

Am Tisch des Herrn herrscht Gedränge Foto: Theater Rudolstadt/Harald Wenzel-Orf
Am Tisch des Herrn herrscht Gedränge

Am Ende des komplexen Werkes ringt der Prophet Jona im Bauch des Fisches im Gebet mit Gott. „Wo bist du?“, ist seine Frage. Im Hintergrund der Bühne zitieren Gestalten Texte aus der Offenbarung und eröffnen die Perspektive auf das Buch des Lebens, in dem die Namen der Geretteten stehen werden. „Keine Angst, keine Angst“, sprechen sie im Chor. Als letzter Laut in dem Stück ist ein Babyschrei zu hören. Steht der für die Geburt von Jesus, für die geistliche Neugeburt eines Menschen, für den Kreislauf des Lebens oder für etwas ganz anderes?

Ein neuer Blick auf die Bibel

Der Schluss, wie auch das ganze Werk überhaupt, lässt viel Raum für Interpretation. „Da hat man was zum Nachdenken“, sagt eine Zuschauerin nach der Vorführung. Da hat sie recht. Das Stück ist derart facettenreich, mit vielen Querverweisen, Anspielungen auf aktuelle weltpolitische Situationen und aufgeworfenen Fragen, dass in der Rückschau immer neue Aspekte hervortreten. Der kreative und originelle Zugang zu den Geschichten eröffnet ganz neue Blickrichtungen darauf.

Das Theater Rudolstadt hat mit „Die Bibel“ ein wirklich lohnendes und herausforderndes Stück auf die Bühne gebracht. Trotz der vielen Szenenwechsel und Sprünge gelingt es den Schauspielern, die Zuschauer auch in kurzen Szenen, ins Geschehen hineinzuziehen. Die Texte sind weitgehend sehr eng an der Bibel angelehnt und zu einem guten Teil wörtliche Zitate. Dabei lässt „Die Bibel“ offen, wie die Bibel historisch zu verstehen ist. An einer Stelle klingt an, dass darin doch eher Märchen seien, die mit neuem Sinn gefüllt werden müssten. Diese Distanz des Stückes zu seiner Vorlage schadet aber überhaupt nicht. Es hilft eher dabei, den Kern der Geschichten zu finden und sich den Fragen zu stellen – Fragen an die Bibel und an Gott selbst, wie auch der Frage nach dem eigenen Standpunkt dazu. (pro)

„Die Bibel“ von Niklas Rådström läuft im Theater Rudolstadt noch bis zum 6. Juni.

Von: jst

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