Gerhard Kardinal Müller hat in einem Gastbeitrag für das Portal „kath.net“ seine deutschen Bischofskollegen zur parteipolitischen Zurückhaltung ermahnt. „Einige befremdliche Äußerungen deutscher Bischöfe anlässlich der Wahlen in Bund, Ländern und Kommunen bedürfen der Klarstellung aus theologischer Sicht“, schrieb der Theologe am Montag aus Rom.
Müllers Kritik bezieht sich vor allem auf Wortmeldungen in Bezug auf die AfD. Bischöfe dürften „keineswegs ihre geistliche Vollmacht (…) zu Gunsten oder Ungunsten einer einzelnen politischen Partei in die Waagschale werfen.“
Mit dieser geistlichen Vollmacht meint Müller, wie in dem theologisch dichten Text deutlich wird, dass am Ende das Seelenheil katholischer Christen auf dem Spiel steht, die von der Kirche aufgrund deren AfD-Äußerungen abgeschreckt werden könnten.
Der Kardinal argumentiert dabei aus einem klassischen katholischen Amtsverständnis heraus: Die Kirche ist für ihn nicht nur eine religiöse Institution, sondern der von Christus eingesetzte Ort der Verkündigung und Vermittlung des Heils. Wenn Bischöfe Gläubige durch politische Parteinahme aus der Kirche treiben, gefährden sie nach seiner Logik womöglich deren ewiges Heil.
In der Geschichte habe die geistliche Autorität von Bischöfen immer gelitten, wenn sie machtpolitisch Einfluss genommen hätten. Die „wahre Sendung der Kirche zum ewigen Heil und zur Vermittlung jedes Menschen in die personale Unmittelbarkeit zu Gott“ sei dadurch immer „verdunkelt“ worden.
Zwar sei es notwendig, dass die Kirche moralische Prinzipien auf die Politik anwende. Nicht nur Geistliche, sondern alle „Christgläubigen“ sollten „die grundlegenden Menschenrechte gegen atheistische und antihumane Ideologien und pure Machtansprüche von tollwütigen Potentaten“ verteidigen. Zudem lehne die Kirche „jede auf- oder abwertende Einteilung der Menschen in Stände, Klassen, Kasten und Rassen grundsätzlich ab“.
Müller geht es um das Seelenheil
Dieses Denken einer ganzen Partei und deren Wählern zu unterstellen, sei aber eine „unbewiesene Tatsachenbehauptung“. Dass Millionen Deutsche eine solche „wahnsinnige Ideologie“ teilen würden, „die eklatant gegen das natürliche Sittengesetz und das christliche Menschenbild verstößt“, ist für Müller „schwer oder gar nicht nachzuvollziehen“.
Die Kirche sei die Gemeinschaft derer, „die an Jesus Christus, den Sohn Gottes, glauben, der für uns alle Mensch geworden ist und der uns durch seinen Tod am Kreuz und seine Auferstehung von den Toten für immer in die Lebensgemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott der Wahrheit und der Liebe aufgenommen hat“. Ein katholischer Bischof dürfe auf keinen Fall einen „Verlust an AfD-Wählern“ in Kauf nehmen, „die sich aufgrund seiner rein hypothetischen Mutmaßungen von der Kirche, die im Glauben ihre Mutter ist, missverstanden, verraten und abgestoßen fühlen“.
Müller bezog sich vor allem auf den Berliner Erzbischof Heiner Koch, der gegenüber katholisch.de gesagt hatte: „Ja, wir müssen dieses Risiko eingehen“, dass sich AfD-Wähler von der Kirche abwenden; „die Liebe Gottes ist mit völkischem Nationalismus nicht vereinbar“.
Der Vorsitzende der katholischen Deutschen Bischofskonferenz (DBK), Heiner Wilmer, hatte in einem „FAZ“-Interview im Vorfeld der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt die AfD ebenfalls hart kritisiert.
Darin sagte er nicht explizit, dass die AfD für Katholiken nicht wählbar sei, er appellierte aber „an die Mündigkeit“ der Wähler, „ihr Gewissen zu schärfen“: „Migranten stören nicht. Als Christen stehen wir insbesondere für Nächstenliebe und die unverhandelbare Würde jedes Menschen, gerade auch der Schwächsten in unserer Gesellschaft.“ Die AfD attackiere diese Grundwerte und hintergehe unsere demokratische Staatsform als solche.
DBK übte scharfe Kritik
Schon 2024 hatte die DBK sich in deinem Dokument gegen die Wahl der AfD ausgesprochen.
Die Kirche habe das Recht und die Pflicht, „einem einzelnen Gläubigen zu sagen, dass er sein Heil gefährdet, wenn er wesentliche Wahrheiten des geoffenbarten Glaubens leugnet oder gravierend gegen die Gebote Gottes verstößt“. Als Beispiel nennt Müller explizit den Fall, dass ein „Ausländer, sogal illegal hier Weilende rechtswidrig und unmenschlich behandelt würden“.
Diese Vollmacht der Geistlichen erstrecke sich aber nicht auf das Wahlverhalten der Katholiken. Ein Bischof solle ein guter Hirte sein, der sich darum sorgt, dass die Gläubigen „das ewige Heil erlangen“. Aber: „Welche Partei die Mehrheit erringt, soll er getrost den Wählern überlassen und den Schutz der Demokratie den dafür zuständigen staatlichen Organen.“
Die Kirche dürfe nicht mit „politisch-ideologischen Agitatoren“ auftreten oder auch nur genannt werden, da sich die Kirche dann wie eine politische Akteurin präsentiere „und damit ihre Sendung verrät, Sakrament des universalen Heilswillens Gottes zu sein“.
Tatsächlich wählten auch in Sachsen-Anhalt Kirchenmitglieder deutlich seltener die AfD als Konfessionslose (lesen Sie dazu den PRO-Bericht).
Gerhard Ludwig Müller ist einer der einflussreichsten deutschen katholischen Geistlichen. Er war von 2002 bis 2012 Bischof von Regensburg und anschließend bis 2017 Präfekt der Glaubenskongregation. Papst Benedikt XVI. erhob ihn 2014 zum Kardinal.