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Kardinal Kasper redet Klartext zur Kirchenkrise

Walter Kardinal Kasper geht hart mit seinen katholischen Amtskollegen ins Gericht. In einem Gastbeitrag in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" kritisiert er die Verfasser des Memorandums "Kirche 2011 – Ein notwendiger Aufbruch" scharf. Statt an oberflächlichen Stellschrauben wie dem Zölibat zu drehen, müsse eine radikale Erneuerung des Glaubens einsetzen, so Kasper.
Von PRO

Foto: Kardinal-Kasper-Stiftung

In dem Anfang Februar veröffentlichten Memorandum, das bisher 228
Theologen unterzeichnet haben, fordern diese tiefgreifende Reformen und
einen Neuanfang der katholischen Kirche. Die Unterzeichner fordern unter anderem
verheiratete Priester und Frauen im kirchlichen Amt. In einer von sechs Forderungen heißt es: "Die kirchliche Hochschätzung der Ehe und der
ehelosen Lebensform steht außer Frage. Aber sie gebietet nicht, Menschen
auszuschließen, die Liebe, Treue und gegenseitige Sorge in einer
gleichgeschlechtlichen Partnerschaft oder als wiederverheiratete
Geschiedene verantwortlich leben."
Die katholische Kirche, so die Verfasser, könne nicht Versöhnung mit Gott predigen, ohne selbst in ihrem eigenen Handeln die Voraussetzung zur Versöhnung mit denen zu schaffen, an denen sie schuldig geworden sei: durch Gewalt, die Vorenthaltung von Recht und durch die Verkehrung der biblischen Freiheitsbotschaft in eine rigorose Moral ohne Barmherzigkeit. Auch der Gottesdienst dürfe nicht im Traditionalismus erstarren: "Nur wenn die Feier des Glaubens konkrete Lebenssituationen aufnimmt, wird die kirchliche Botschaft die Menschen erreichen." Zudem fordern sie einen offenen Dialog zu den Beteiligungsstrukturen und der Rechtskultur innerhalb der Kirche.

Selbstbeschäftigung statt ernsthafter theologischer Argumentation

Insgesamt habe Kasper, der bis Mitte vergangenen Jahres Präsident des vatikanischen Rates zur Förderung der Einheit der Christen war, das Werk "maßlos enttäuscht". Er vermisse den substanziellen Beitrag des Memorandums. Auch die theologische Auseinandersetzung mit dem sexuellen Missbrauch bleibe außen unerwähnt. Der Kardinal fragt, ob die derzeitige Kirchenkrise nicht eigentlich die Folge einer Gotteskrise sei. Das Schriftstück jedenfalls bleibe in einer Selbstbeschäftigung stecken, statt "eine ernsthafte theologische Argumentation, die von der Freiheit des Evangeliums ausgeht" zu führen. Von Theologen habe er in dieser Hinsicht "mehr erwartet", zumal kein vernünftiger Mensch bestreite, dass die katholische Kirche "einen Aufbruch bitter nötig hat".

Als Präsident des Päpstlichen Rates zur Förderung der Einheit der Christen, habe er gerade bei den Kirchen, die sich für die Frauenordination und die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften entschieden haben, eine tiefere Krise wahrgenommen: "Und bei aller Freundschaft und Hochachtung vor den evangelischen Kirchen in unserem Land, die alle diese Forderungen gleichfalls längst erfüllt haben, darf man doch fragen, ob sie denn besser dastehen, wenn es um die alles entscheidende Frage geht: die Bezeugung des Glaubens in der Welt von heute."

Für den Erhalt des Zölibat hätten bisher schon drei Weltbischofssynoden mit überwältigender Mehrheit votiert: "Der Zölibat lässt sich nur begründen, wenn ich als Priester alles auf die eine Karte Gott und sein Reich setze. In jedem anderen Fall muss man die priesterliche Ehelosigkeit für verrückt erklären", betont er.

Über den Tellerrand schauen

Bei dem rapiden gesellschaftlichen und demographischen Wandel sei es für die Kirche wichtig, phantasievoller zu agieren und den Blick über den Tellerrand zu werfen. Die Kirche müsse vielmehr über die "Art der theologischen Ausbildung, die dem wirklichen Leben der Kirche weithin entfremdet ist", diskutieren. Auch den Religionsunterricht, den Zustand der Katechese, die Reform der Seelsorge und das persönliche von Freude geprägte Glaubenszeugnis, das man mit dem Gebet zur Sprache bringen könne, müsse man wieder ins Blickfeld nehmen.

"Dafür sind wir dringend auch auf theologischen Sachverstand angewiesen." Seinen Gastbeitrag beendet Kasper deswegen mit einem Plädoyer: "Die theologischen Kolleginnen und Kollegen sind herzlich eingeladen, diesen nach Kräften beizutragen." Walter Kardinal Kasper war Bischof von Rottenburg-Stuttgart und von 1991 bis 2010 im Rang eines Kurienkardinals. (pro)

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