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Kaderschmiede DDR-Pfarrhaus

Welchen Einfluss hat der Protestantismus auf die Politik? Seitdem der Pfarrer Joachim Gauck als nächster Bundespräsident im Gespräch ist, wird diese Frage in den Medien diskutiert – so zuletzt auch in den Nachrichtenmagazinen "Focus" und "Spiegel".
Von PRO

Foto: pro

Der deutsche Philosoph Peter Sloterdijk prognostiziert in einem "Focus"-Interview, dass Joachim Gauck "vielen Leuten durch die Hintergrundschwingungen seiner pastoralen Identität bald auf die Nerven gehen wird". "Spiegel"-Autor Dirk Kurbjuweit spricht hingegen von "protestantischen Pfarrhausmenschen aus der DDR, die so erfolgreich sind in der Politik".

"Es gibt jetzt schon Kommentatoren, die sagen, Merkel und Gauck, so viel politischen Protestantismus haben wir nicht verdient", sagt Sloterdijk. Das sieht Kurbjuweit offensichtlich anders: "In den Pfarrhäusern der DDR ist ein Menschentypus herangereift, der ideal scheint für die bundesdeutsche Demokratie, intelligent, gebildet, eloquent, vernünftig, konsensbereit, freiheitsverliebt." Der Westen habe eine solche Kaderschmiede nicht gehabt.

Der "Spiegel"-Autor macht diese These unter anderen an den Lebensläufen von Bundeskanzlerin Angela Merkel, der thüringischen Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht (beide CDU), dem SPD-Politiker Markus Meckel und Joachim Gauck fest, die er als "protestantische Pfarrhausmenschen" bezeichnet. Lieberknecht sei Tochter eines Pfarrers und später selbst Pfarrerin gewesen, Merkel sei ebenfalls die Tochter eines Pfarrers, und der künftige Bundespräsident Gauck habe lange als Pfarrer gearbeitet. Auch Theologen wie Rainer Eppelmann oder Markus Meckel hätten politisch Karriere gemacht. "Es gibt in diesem Milieu eine kollektive Erinnerung an die Welt der evangelischen Kirchendiener, und diese Erinnerung prägt die Menschen, und damit prägt sie auch die deutsche Politik."

So hätten Merkel und Lieberknecht Väter erlebt, die wenig da waren, weil sie unermüdlich ihre Aufgaben erfüllten, schreibt Kurbjuweit. Für diese Männer sei die Berufspflicht das Höchste im Leben gewesen, "und damit entsprachen sie genau dem Bild, das sich der Soziologe Max Weber von der protestantischen Ethik gemacht hatte". Angela Merkel sei ein solcher Pflichtmensch, auch sie übe ihren Beruf mit protestantischem Ernst aus. "Das Argumentieren ist eine ihrer Stärken, allerdings nicht das öffentliche Reden." 

Gelernt, die eigenen Worte zu hüten

Für Erich Mielke und sein Ministerium für Staatssicherheit sei die evangelische Kirche "Staatsfeind Nummer eins" gewesen, stellt Kurbjuweit fest, "und vor allem die Pfarrerskinder mussten das ausbaden". Merkel habe in einem Umfeld gelebt, das sie als widrig empfunden habe. "Sie hat später erzählt, dass sie früh lernen musste, ihre eigenen Worte zu hüten. Was zu Hause über Politik gesagt wurde, musste sie in der Schule verschweigen." Für eine Mediendemokratie sei dies eine gute Ausbildung, meint der "Spiegel"-Autor. Kaum etwas könne einen Politiker so gefährden wie die eigenen Worte, "und Merkel versteht es meistens gut, mit ihren Ansichten hinter dem Berg zu halten, bis klar ist, welche Strömung sich durchsetzen wird".

Eine weitere Erklärung für den politischen Erfolg der DDR-Pfarrer sei gerade die Abwesenheit von Radikalität, die Bereitschaft zum Kompromiss. Eine Revolution sei eine Stunde der Politik ohne politische Tugenden wie Augenmaß und Vernunft. Der Revolutionär sei hitzig und radikal. Mit diesen Eigenschaften könne man einreißen, aber nicht aufbauen. Erst nach der Revolution schlage die Stunde von Leuten wie Angela Merkel, denen nicht das Temperament für leidenschaftliche Taten gegeben sei. "Nun kommen sie aus der Stille und spielen ihren Fleiß, ihre Debattenstärke und ihren Sinn für Verantwortung und ihre Fähigkeit zum Kompromiss aus – Eigenschaften, die man sich im Pfarrhaus der DDR gut aneignen konnte." (pro)

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