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Jugendgewalt: massiver Stau an Aggressionen

Jugendgewalt macht immer wieder Schlagzeilen, auch in diesem Jahr war das so: Zwei Amokläufe und brutale Überfälle auf Passanten an öffentlichen Plätzen scheinen auf einen Anstieg der Gewalt bei Jugendlichen hinzudeuten. Doch warum schlagen und treten junge Menschen zu? pro-Redakteurin Ellen Nieswiodek-Martin hat darüber mit dem Sozialwissenschaftler Professor Klaus Hurrelmann gesprochen.

Von PRO

Foto: Beltz Verlag

Sind Jugendliche heute aggressiver als noch vor 15 Jahren?

Obwohl es so aussieht, sollten wir mit den Vergleichen aus der Vergangenheit vorsichtig sein, es kommen schnell historische Mythen ins Spiel. Wir sollten auch die gewalttätigen Übergriffe und Amokläufe keinesfalls in einen Topf werfen. Amokläufer sind junge Menschen, die ihre Tat teilweise lange vorher detailliert planen. Fast alle jugendlichen Amokläufer zeigten eine schwere psychische Störung in unterschiedlicher Ausprägung. Ein Amoklauf ist das Ende einer geplanten vorbereiteten Handlungskette, zu Beginn steht der Entschluss, die Welt oder sich selbst zu zerstören. Dagegen geschehen die brutalen Übergriffe  in der Öffentlichkeit eher ungeplant, spontan.

Aber früher gab es bei Kämpfen ungeschriebene Regeln. Wer beispielsweise am Boden lag, galt als besiegt und wurde in Ruhe gelassen. Heute wird erst recht zugetreten, wenn jemand bereits am Boden liegt. Wie kann man das erklären?

Tatsächlich fällt die Regellosigkeit auf, vor allem Lehrer berichten, dass kein Ehrenkodex mehr zu gelten scheint. Meiner Ansicht nach liegt der Hauptgrund in einem ungeheuren Stau von Wut, Aggressionen und Affekten. Da entlädt sich etwas, was von dem Täter in dem Moment überhaupt nicht mehr kontrolliert werden kann. Er verliert die Übersicht über die Situation.

Wie kommt es zu diesem Affektstau?

Zu einem großen Teil liegt das an den eingeschränkten Räumen, die Jugendliche heute haben. Sie können das vorhandene Aggressionspotential nirgendwo abreagieren. Es gibt keinen Platz dafür, die Gesellschaft ist durchorganisiert, kontrolliert und überwacht. Das war früher anders. Die Verschiebung des Aggressionspotentials ist ein zivilisationsbedingter Preis, den wir zahlen. Bei denjenigen, die damit nicht umgehen können, kommt es zur Explosion.

Heißt das, dass es zu viele Verbote gibt?

Genau. Wir haben eine Gesellschaft, die sehr friedlich ist an der Oberfläche, die aber mit den darunter auftauchenden Aggressionspotentialen nicht richtig umgehen kann. Nicht die Aggressionen sind verwerflich, sie gehören zum menschlichen Leben dazu, allerdings muss man lernen, mit ihnen umzugehen.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, um diese Aggressionen bei Jugendlichen abzubauen? Was können Schulen dafür tun?

Grundsätzlich brauchen wir viel mehr Bewegung im Schulalltag. Wir brauchen einen bewegten Unterricht, der den jungen Menschen gestattet, Energien loszuwerden und damit eine gesunde Aggression freisetzen zu können. Das haben etliche Schulen bereits begonnen und machen gute Erfahrungen damit.
Ein wichtiger Punkt sind Sportangebote, vor allem Sportarten, die eine direkte körperliche Auseinandersetzung und Wettbewerb ermöglichen.

Viele Lehrer spüren den Bedarf, daher haben etliche Schulen bereits Sportarten mit Wettkampfcharakter in das Angebot aufgenommen. Hier finden nicht nur junge Männer sondern auch die jungen Frauen die Möglichkeit, Aggressionen abzureagieren. Der gezielte Umgang mit Aggressionen lässt sich auch auf andere Bereiche ausweiten: Warum nicht ein diszipliniertes, aber sehr scharfes Streitgespräch im Deutschunterricht ermöglichen?

Brauchen wir trotzdem nicht auch strengere Regeln an den Schulen? Gilt in dem Bereich nicht das Motto "Wehret den Anfängen"?

Feste Regeln gehören natürlich klar dazu, aber nur mit Strenge zu arbeiten, wäre für Schulen eine zu einseitige Strategie. Auf der einen Seite brauchen Jugendliche klare Grenzen, die keiner überschreiten darf, gezielte geregelte Wettbewerbe und Kämpfe und spielerische Auseinandersetzungen mit festen Regeln, bei Regelverstößen muss es natürlich klare und transparente Konsequenzen geben. Je mehr in der Schule Aggressionen in einer kanalisierten Form zugelassen werden, desto ruhiger wird es meiner Ansicht nach auf dem Schulhof oder im Klassenzimmer werden. Wenn ich immer nur deckele, alles mit Verboten regele, entsteht der vorhin beschriebene Effektstau.

Vielen Dank für das Gespräch!

Einen ausführlichen Artikel zu dem Thema Jugendgewalt finden Sie in der aktuellen Ausgabe der Pro mit dem Titelthema "Generation Gewalt".

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