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Jürgen Werth zum 65.: „Im Leben gibt es mehrere Möglichkeiten“

Im Leben von Jürgen Werth kam manches anders, als er gedacht hatte. Dass er einmal zu dem christlichen Rundfunksender ERF gehen und ihn 20 Jahre lang leiten würde, war eigentlich nicht sein Plan.
Von PRO
Lebensgeschichte ist Schöpfungsgeschichte, die Gott schreibt – das ist Jürgen Werths Erfahrung in 65 Lebensjahren

Foto: Lea Weidenberg

Lebensgeschichte ist Schöpfungsgeschichte, die Gott schreibt – das ist Jürgen Werths Erfahrung in 65 Lebensjahren

pro: Sie feiern am 14. Mai Ihren 65. Geburtstag, seit anderthalb Jahren sind Sie im Ruhestand. Machen Sie jetzt andere Dinge als zu der Zeit, als Sie noch Direktor von ERF Medien waren?

Jürgen Werth: Ich bin bewusst etwas vor der Zeit beim ERF ausgestiegen, weil ich etwas mehr Zeit haben möchte für meine eigentliche Profession: Das ist schreiben, kreativ sein, unterwegs und bei Menschen sein, Konzerte geben und predigen. Das mache ich seitdem. Gefühlt bin ich nicht im Ruhestand, gefühlt bin ich selbstständig.

Inwiefern verfolgen Sie noch, was beim ERF und in der christlichen Medienlandschaft läuft?

Ich bin ein bisschen auf Abstand gegangen, vor allem natürlich zum ERF. Wenn man mich braucht, bin ich da, aber im Übrigen halte ich mich zurück mit weisen Ratschlägen. Man muss da einen klaren Schnitt machen, weil man sich selber und anderen das Leben unnötig schwer macht. Das habe ich versucht und ich denke, es ist mir auch ganz gut gelungen.

Was sind die zukünftigen Herausforderungen der christlichen Publizistik?

Die größte Herausforderung für alle Medien ist es, aufmerksame Leser, Nutzer, Zuhörer und Zuschauer zu finden. Wir stehen in einer unglaublichen Konkurrenz mit den sozialen Medien. Was dort passiert an „Basispublizistik“, haben wir früher nicht gekannt. Ich nehme wahr, dass im Journalismus auch eine Boulevardisierung stattfindet. Man arbeitet mit Überschriften, die gar nicht mehr das beinhalten, was der Artikel dann aussagt, die nur Aufmerksamkeit heischen wollen. Das finde ich schade. Ich habe ein bisschen Angst um den fairen, ordentlich recherchierenden und analysierenden Journalismus, weil alles ganz schnell auf Effekt gebürstet wird.

Auch bei den christlichen Medien?

Bei denen sehe ich die Gefahr auch, denn die leben ja nicht in einem Wolkenkuckucksheim. Vielleicht geht es uns noch ein bisschen besser, solange wir unsere eigene Klientel bedienen. Aber sobald wir heraus wollen aus diesem klassischen frommen Biotop, sind wir denselben Gesetzmäßigkeiten unterworfen.

Um wieder auf das zurückzukommen, was Sie jetzt privat-beruflich machen: Sie singen und schreiben schon fast Ihr ganzes Leben lang Lieder. Gibt es eines, das Ihnen in all den Jahren besonders wichtig geworden ist?

Es ist immer das neueste. Da steckt am meisten vom aktuellen Herzblut drin. Mit diesem Uralt-Lied „Du bist du“ erlebe ich aber fast jeden Tag etwas. Kürzlich rief die Polizeiseelsorge aus Berlin an, die das irgendwo entdeckt hat und fragt, ob sie das verwenden dürfen. Dann erzählt mir eine ERF-Kollegin, sie war im Frauengefängnis in Chemnitz und dort wäre das die Knast-Hymne. Also dieses Lied ist unterwegs in Bereichen, wohin ich es gar nicht geschickt habe. Trotzdem bedeuten mir die Sachen von heute mehr, weil da mehr vom Jürgen Werth von jetzt drin steckt. Im Moment arbeite ich an einer neuen CD mit Florian Sitzmann, darauf freue ich mich schon sehr.

Was sind Themen, die Sie im Moment auch musikalisch beschäftigen?

Mich beschäftigt die Frage des Lebens überhaupt. Das hat etwas mit meiner Lebensphase zu tun. Zum Beispiel: Was bleibt eigentlich? Was bleibt übrig von dem, was wir so unglaublich wichtig nehmen? Was ist wirklich wichtig im Leben, was hilft Menschen wirklich und was ist nur oberflächliche Effekthascherei? Diese Fragen beschäftigen einen wahrscheinlich mehr, wenn man älter wird.

Auf Ihrer Webseite schreiben Sie, dass vieles in Ihrem Leben anders gekommen ist, als Sie vorhatten. Sind Sie mit dem Weg Ihres Lebens trotzdem zufrieden, oder hätten Sie sich auch im Rückblick an manchen Stellen einen anderen Verlauf gewünscht?

Ich bin zufrieden mit dem, was gekommen ist. Ich habe mir natürlich schon manchmal überlegt: Wenn ich an bestimmten Wegmarken einen anderen Weg eingeschlagen hätte, was wäre dann gewesen? Wie wäre Jürgen Werth heute, wenn er nicht zum ERF gegangen wäre, sondern zur westfälischen Kirchenzeitung „Unsere Kirche“ in Bielefeld? Oder wenn er zur Stadtverwaltung gegangen wäre, wie es ursprünglich geplant war, und nicht aufs Gymnasium um danach Theologie zu studieren? Wenn er tatsächlich vom ERF weggegangen wäre, was er zwischendurch immer mal wollte? Dann würde ich diesen Jürgen Werth gerne mal treffen und mich mit ihm unterhalten. Im Rückblick muss ich sagen, ich glaube, dass Gott unsere Entscheidungen sehr ernst nimmt. Ich glaube nicht, dass er am Trafo sitzt und wir die Märklin-Eisenbahn sind, die auf den Schienen fährt, die er vorher gelegt hat. Andererseits stelle ich fest, dass er an allen möglichen Stellen gnädig und sanft und nachhaltig alles geführt hat, und dass am Ende alles gut geworden ist.

Christen beten oft, dass Gott ihnen zeigen möge, wohin der Weg gehen soll. Wie trifft man eine Entscheidung, wenn man keinen Hinweis von Gott bekommt?

Das ist eine unglaublich schwierige Frage. Als ich 2003 entschieden hatte, vom ERF zur Stiftung Christliche Medien (SCM; Anm. d. Red.) zu wechseln – und dann doch nicht hingegangen bin –, hab ich viel darüber nachgedacht. Ein Freund hat mir gesagt: „Gott sitzt neben dir auf dem Sofa, legt seine Hand um deine Schulter, lächelt dir freundlich zu und sagt: ‚Jetzt bin ich aber gespannt, wie du dich entscheidest.‘“ Dieser Gedanke hat mich unheimlich befreit, weil ich gemerkt habe: Es kommt nicht darauf an, herauszufinden, was er schon lange beschlossen hat, er verrät‘s nur nicht; sondern ich hatte das Gefühl, dass er sagt: „Geh zu SCM, ich gehe mit. Oder bleib beim ERF, ich gehe mit.“ Vielleicht gibt es im Leben immer wieder mehrere Möglichkeiten. Gott ist ein unglaublich kreativer Gott. Ich glaube, dass Lebensgeschichte auch immer Schöpfungsgeschichte ist und nicht alles so haarklein im Voraus festgelegt ist. Aber das sind natürlich alles ausgesprochen menschliche Gedanken, es gibt sicher kein Patentrezept.

Was würden Sie jungen Menschen empfehlen, die dabei sind, sich auf ihrem Lebensweg zu orientieren?

Ich glaube, dass Berufung oft etwas mit Begabung zu tun hat. Da muss man schon mal schauen, was kann ich eigentlich. Das weiß man manchmal selber, andere wissen das mitunter besser. Darüber sollte man auch mit guten Freunden reden, die wissen, was ich kann, was ich nicht kann, was gut für mich ist und was nicht. Oder auch mit den Eltern, wenn man ein gutes Verhältnis hat. Beten. Und am Ende eine Entscheidung treffen, sich einfach mal ausprobieren. Das finde ich heute so schön: Früher hast du dich festgelegt, wenn du dich für einen Weg entschieden hast. Heute gibt es viele Absprungmöglichkeiten. Wenn ich dann losgegangen bin, kann ich immer noch beten: „Herr, wenn es falsch ist, dann wirf mir einen Knüppel zwischen die Beine und zeig mir, was besser wäre für mich oder die anderen.“ Ich glaube, man muss immer wieder offen sein. Ich möchte auch in meinem vorgerückten Alter gerne noch offen sein – vielleicht gibt es ja noch etwas ganz Neues zu entdecken.

Im vergangenen Jahr haben Sie einen „Gesundheitsratgeber“ veröffentlicht – „Danken tut gut“. Warum ist Danken gesund?

Es gibt ja eine Reihe von Studien, die nachweisen, dass dankbare Menschen zufriedener und damit gesündere Menschen sind. Wer immer nur herumnörgelt, ist unzufriedener und dadurch auch „ungesünder“, auch für seine Umgebung wahrscheinlich. Ich denke, dass das wirklich hilft: Wer dankbarer, wer zufriedener, positiver ist, wer sieht, dass er gehalten ist von Gott, dass er auch in den dunkelsten Phasen seines Lebens nicht allein ist – der ist am Ende ein bisschen gesünder als jemand, der das nicht so ist. Im Umkehrschluss heißt das aber nicht, dass jemand, der krank ist, zu wenig dankbar war.

Wie kann man dankbar sein, wenn das Leben mal nicht so läuft, wie man sich das wünscht ?

Natürlich gibt es Zeiten im Leben, da kann ich nicht dankbar sein. Es gibt Situationen in meiner Lebensgeschichte, die finde ich auch im Nachhinein immer noch nicht gut. Es kommt darauf an, sich immer wieder mit der eigenen Lebensgeschichte, auch mit den dunklen Kapiteln, zu versöhnen und zu hoffen, dass am Ende alles einen wirklichen Sinn hat. Warum ist mir in dieser wichtigen Lebensphase etwas nicht gelungen, warum bin ich gescheitert, warum ist eine Beziehung zerbrochen, warum ist ein Mensch gestorben, wo ich ihn am nötigsten gebraucht hätte? Da finde ich nicht auf alle Fragen eine Antwort und Gott gibt mir diese Antwort manchmal auch nicht. Man muss sich selber vergeben für die Dinge, die schief gegangen sind in der Vergangenheit. Vielleicht muss man manchmal auch Gott vergeben, zugegeben ein etwas schräger Gedanke. Aber ich habe manchmal Groll und bin sauer auf Gott, weil er bestimmte Sachen nicht so gemacht hat, wie ich es mir vorgestellt hatte. Da muss ich ihm, glaube ich, vergeben. Ich werde später herausfinden, dass ich das hätte gar nicht tun müssen, weil er es ja immer gut gemeint hat. Aber es ist vielleicht ein Akt, der mir ein bisschen helfen kann. Ich bin keiner, der sagt: Ich muss immer dankbar sein. Ich glaube, das bedeutet Gott auch nicht wirlich etwas, wenn ich mit zusammengebissenen Zähnen und zornigem Herzen sage „danke“, und ich mein es gar nicht so. Man kann ihm auch den Frust und den Zorn vor die Füße werfen. Das ist ja auch oft in den Psalmen so. Am Ende kommt man aber hoffentlich immer wieder dazu, zu sagen: Er ist mein liebevoller Vater, auch wenn ich ihn nicht verstehe; ich hoffe, dass ich eines Tages sehen werde, wofür es gut war.

Wofür sind Sie dankbar?

Für ungaublich vieles. Ich sitze manchmal im Auto auf langen Fahrten und fange an zu danken, das fängt bei meinem Auto an bis dahin, dass ich sprechen, denken und fühlen kann; dafür, was ich alles so habe. Auch für diese 65 Jahre. Ich bin gesund bis auf das, was hin und wieder mal zwickt. Auch meine Mutter lebt noch, das ist schön. Ich bin dankbar für die vielen Menschen an meiner Seite, die mich manchmal nicht nur lieben, sondern auch aushalten, für gute Freunde, Familie. Das ist schon ein Geschenk.

Vielen Dank für das Gespräch!

Die Fragen stellte Jonathan Steinert. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/stabwechsel-bei-erf-medien-89607/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/detailansicht/aktuell/ohne-diese-frau-gaebe-es-weniger-kirche-im-tv-96072/
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