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Jürgen Werth im Briefwechsel mit Bonhoeffer

Jürgen Werth hat sich mit Briefen des Theologen Dietrich Bonhoeffer beschäftigt, die dieser vor seinem Tod vor 75 Jahren schrieb, – und dem Widerstandskämpfer des Dritten Reichs geantwortet. Herausgekommen ist dabei ein Buch mit etlichen theologischen Erkenntnissen und tiefen Einblicken in beider Leben. Eine Rezension von Johannes Blöcher-Weil
Von PRO
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Jürgen Werth hat sich mit den Briefen von Dietrich Bonhoeffer beschäftigt und in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts darauf geantwortet

Foto: Lea Weidenberg/ Bundesarchiv, Bild 146-1987-074-16 (CC-BY-SA 3.0)

Jürgen Werth hat sich mit den Briefen von Dietrich Bonhoeffer beschäftigt und in der Gegenwart des 21. Jahrhunderts darauf geantwortet

Die Briefe waren gar nicht an ihn adressiert. Trotzdem hat der Autor und Liedermacher Jürgen Werth geantwortet: auf Briefe des Theologen und Widerstandskämpfers Dietrich Bonhoeffer, die dieser in den Monaten vor seinem Tod im April 1945 schrieb. Das ist zwar frech, aber lohnenswert. Werths neues Buch „Über Leben am Abgrund“ ist nicht nur Geschichts- und Religionsunterricht, sondern nimmt auch die alltäglichen Bedürfnisse der Menschen in den Blick.

Werth gelingt es, die Brücke zwischen der Zeit des Zweiten Weltkriegs und dem 21. Jahrhundert zu schlagen. Dazu hat er sich immer eine Brief-Passage Bonhoeffers an sein Umfeld vorgenommen. Werth macht in seinen Antworten deutlich, wie zeitlos und inspirierend viele Texte sind. Vieles davon passt genauso gut in die heutige Zeit, ermutigt oder fordert zum Nachdenken heraus.

Als Leser des Buches ist man verwundert, wie wenig Angst Bonhoeffer in seiner besonderen Lebenslage im Gefängnis zu haben scheint. In vielen der Briefe kreisen die Gedanken eher um die Verwandten als um seine eigene Situation. Bonhoeffer klagt auch nicht über das menschenverachtende Nazi-Regime. Stattdessen studiert er die Bibel, lernt Lieder und „ist für Geringes dankbar“.

Hinschauen, hinhören und sich einmischen

Werth verdeutlicht in seinen Ausführungen, wie gut es ihm tun würde, heute Briefe Bonhoeffers mit einem solchen Grundtenor zu bekommen. Er fragt sich, wie der Theologe christliche Feiertage wie Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten alleine in der Gefängniszelle verbacht hat. Und er denkt darüber nach, ob der Theologe wirklich so stark ist, wie es in seinen Briefen den Eindruck erweckt.

Immer wieder transportiert er Themen in die Gegenwart. Aus Werths Sicht hat es Gottes lebendiges Wort heute noch schwerer als damals, die Gesellschaft zu durchdringen. Die Menschen hätten „permanent geteilte Aufmerksamkeiten“. Der Autor und Liedermacher öffnet sich aber auch selbst, beschreibt von seinen eigenen Heimweh-Momenten und darüber, wie er mit Anfechtungen umgeht.

Das Buch ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Im pro-Audiopodcast liest Werth Auszüge daraus und spricht über Bonhoeffers Zuversicht, seine Dankbarkeit und die Frage nach Widerstand und Ergebung. Foto: Gütersloher Verlagshaus
Das Buch ist im Gütersloher Verlagshaus erschienen. Im pro-Audiopodcast liest Werth Auszüge daraus und spricht über Bonhoeffers Zuversicht, seine Dankbarkeit und die Frage nach Widerstand und Ergebung.

Bonhoeffer sei ein Vorbild, beim Hinschauen, Hinhören und Einmischen in die Gesellschaft. Dieser habe auch in den dunkelsten Augenblicken seine Hoffnung nicht verloren. Natürlich bieten die Briefe Bonhoeffers an seinen Freund Eberhard Bethge auch an, sich dem Thema Freundschaft zu widmen. Den „Freund, Gesprächspartner und Wundenlecker“ musste er nicht schonen. Ihm konnte er Dinge anvertrauen, die für seine Eltern vielleicht zu schwer gewesen wären.

Menschen soll aufgehen, was Weihnachten ist

Selbst in seinem Weihnachtsbrief strotzt er vor Zuversicht. Bonhoeffer wünscht sich, dass vielleicht gerade in dieser düsteren Zeit manchem „zum ersten Mal aufgeht, was Weihnachten eigentlich ist“. Werth bekennt offen und ehrlich, wie schwer es ihm fällt, entstandene Lücken, etwa durch den Tod oder fehlenden Kontakt mit anderen Menschen, auszuhalten – auch etwas, was Bonhoeffer oft genug erleiden muss. Beeindruckt ist er auch von Bonhoeffers Gebeten, die er „mit zitternder Hand und zagendem Herz“ geschrieben hat. Christen müssten auch heute noch sprachfähig sein, um ihr Umfeld mit Gottes Botschaft zu erreichen. Der Sprachvirtuose Werth schickt seinem Vorbild zur Erbauung seine eigenen Liedtexte.

Er beschäftigt sich auch mit Bonhoeffers Kampf um seinen Glauben. Gemeinsam mit dem Widerstandskämpfer denkt er darüber nach, wie Jesus heute noch „Herr der Religionslosen“ werden und Menschen für Gott gebrauchen kann. Vor allem die Bandbreite an – nicht nur hochtheologischen Themen – macht das Buch lesenswert.

Die beiden lachen und weinen zusammen. Das Buch ist ein offener Austausch über die Höhen und Tiefen des Lebens, die Frage nach der eigenen Identität und dem Glauben. Vor allem Bonhoeffers Erlebnisse sind ein Beweis dafür, welche Zuversicht Glaube geben kann. Was an dem Buch begeistert: Bonhoeffers Blick auf den Nächsten und das Zurückstellen der eigenen Bedürfnisse. Selbst als für die Angehörigen der letzte Hoffnungsfunken erlischt und klar wird, dass Bonhoeffer sterben muss, weiß er, dass sein Ende für ihn der Beginn des Lebens ist. Und Werth transportiert mit feinem Gespür und sehr persönlich Bonhoeffers Aussagen in die heutige Zeit.

Jürgen Werth: „Lieber Dietrich … Dein Jürgen. Über Leben am Abgrund – ein Briefwechsel mit Bonhoeffer“, Gütersloher Verlagshaus, 18,00 Euro, 192 Seiten, ISBN: 9783579066134

Von: Johannes Blöcher-Weil

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