Jürgen Habermas ist tot. Der Philosoph und Soziologe starb nach Angaben des Suhrkamp Verlags am Samstag im Alter von 96 Jahren in Starnberg. Der Hochschullehrer galt als der einflussreichste und bekannteste deutsche Philosoph der Gegenwart und hat intellektuelle Debatten über Jahrzehnte geprägt.
Habermas war prominenter Vertreter der zweiten Generation der sogenannten Frankfurter Schule rund um das Institut für Sozialforschung in der Stadt am Main. Als Hauptwerk gilt seine 1981 erschienene „Theorie des kommunikativen Handelns“.
Steinmeier: Wir verlieren einen „großen Aufklärer“
Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier schrieb in einer Kondolenz an die Familie des Wissenschaftlers: „Mit Jürgen Habermas verlieren wir einen großen Aufklärer, der die Widersprüche der Moderne durchmessen hat.“ Nach dem Zweiten Weltkrieg habe er „maßgeblich dazu beigetragen, dass die intellektuelle Öffnung unseres Landes für die politische Kultur des Westens nach dem Zweiten Weltkrieg gelang“. Damit sei der Weg zu einer gefestigten Demokratie geglückt.
„Leidenschaftlich hat er sich für die Überwindung von Nationalismus, für die europäische Einigung als Lehre aus Krieg, Völkermord und totalitärer Herrschaft eingesetzt“, schrieb Steinmeier. Zuletzt habe er Europa angesichts der bedrückenden weltpolitischen Lage eindringlich gemahnt, als weltpolitischer Akteur handlungsfähiger zu werden.
Merz spricht von „Leuchtfeuer in tosender See“
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) erklärte, Habermas habe mit Weitblick und historischer Größe politische und gesellschaftliche Entwicklungen begleitet: „Seine analytische Schärfe prägte weit über die Grenzen unseres Landes hinaus den demokratischen Diskurs und wirkte wie ein Leuchtfeuer in tosender See.“ Für das Gemeinwesen seien seine intellektuelle Eindringlichkeit und seine Liberalität unersetzlich gewesen.
Kulturstaatsminister Wolfram Weimer (parteilos) sagte, Habermas habe als „Meisterdenker“ die geistigen Grundlagen der Demokratie in der Bundesrepublik geprägt und „ein Gehäuse für den offenen Meinungsstreit und Toleranz“ geschaffen. Aus Sicht des Vorsitzenden der katholischen Deutschen Bischofskonferenz, Heiner Wilmer, geht mit Habermas „ein Ausnahme-Philosoph von uns. Die Weite seines Denkens und die visionäre Kraft, Brücken zwischen der Philosophie und Religion zu bauen, werden bleiben.“
Der hessische Ministerpräsident Boris Rhein (CDU) nannte Habermas „einen der größten Denker unserer Zeit“. „Habermas hat uns gezeigt, dass Demokratie vom Gespräch lebt – von der Bereitschaft zuzuhören, Argumente auszutauschen und gemeinsam nach Wahrheit zu suchen“, würdigte er den Hochschullehrer.
Nachfolger von Horkheimer
Habermas hatte an den Universitäten Göttingen, Zürich und Bonn Philosophie, Geschichte, Psychologie, Deutsche Literatur und Ökonomie studiert und 1954 promoviert, bevor er nach Frankfurt kam. 1956 trat er eine Stelle als Forschungsassistent am Institut für Sozialforschung bei den Sozialphilosophen Max Horkheimer und Theodor W. Adorno an, wo er bis 1959 blieb.
Seine erste Dozentenstelle führte ihn 1961 als außerordentlichen Philosophieprofessor an die Universität Heidelberg. 1964 übernahm er Horkheimers Lehrstuhl für Philosophie und Soziologie in Frankfurt. Nach wissenschaftlichen Tätigkeiten in Starnberg und München kehrte Habermas 1983 endgültig nach Frankfurt zurück, wo er bis zu seiner Emeritierung 1994 den Lehrstuhl für Philosophie innehatte.
Habermas gehörte zu den geistigen Anregern der antiautoritären 68er-Studentenbewegung. Später ging er jedoch auf Distanz zu den gewaltbereiten Studentengruppen. Sein Name ist auch eng verbunden mit dem sogenannten Historikerstreit Anfang der 1980er Jahre, einer scharfen Auseinandersetzung unter Intellektuellen über die Singularität des Holocaust.
Der Philosoph war seit 1955 mit Ute Habermas verheiratet, die im Juni 2025 starb. Habermas hatte drei Kinder.