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„Jüdische Lieder berühren mich immer wieder“

Die Sängerin Waltraud Rennebaum ist Christin, hat aber die jüdische Musik für sich entdeckt. Mit pro sprach sie über die Wurzeln der Bibel, ihre neue CD „Shabbat“ und ihre Beziehung zu Israel.
Von PRO
Liebt die Vielfalt in der jüdischen Musik: Waltraud Rennebaum

Foto: Julia Bruns, Copyright Shoshanim-Musikverlag

Liebt die Vielfalt in der jüdischen Musik: Waltraud Rennebaum

pro: Seit 20 Jahren singen Sie mit dem Ensemble „Shoshan“ Psalmen in hebräischer Sprache, weil die Bibel und ihre Botschaft dieser Kultur entstammen. Was war der Auslöser für diese ungewöhnliche musikalische Annäherung?

Waltraud Rennebaum: Einen richtigen Auslöser gab es eigentlich nicht, es war eine Entwicklung. Als ich Christ wurde, habe ich die Bibel von vorne bis hinten durchgelesen. Ich war überrascht, dass sie zutiefst hebräisch-jüdisch geprägt ist – nicht nur das Alte Testament, auch das Neue Testament. Das hat mich beeindruckt. Ich nahm privat vier Jahre lang Hebräischunterricht bei einer Judaistin. Ich wollte vor allem die Psalmen in Hebräisch lesen und auch singen können. Als Sängerin interessiert mich jede gute Musik, irgendwie ist man ständig auf der Suche nach neuer Gesangsliteratur.
Aufgrund meiner künstlerischen Ausbildung an der Musikhochschule bin ich klassisch geprägt, durch meinen christlichen Glauben hat mich aber auch die Bibel stark beeinflusst. Für mich als Künstlerin lag es nahe, mich mit jüdischer Musik zu befassen. Das hat mir ganz neue Perspektiven eröffnet. Da mein Mann Klavier und Komposition studiert hatte, wollten wir musikalisch zusammen arbeiten. Wir gründeten das „Ensemble Shoshan“, zu dem seit 17 Jahren auch die Flötistin Heike Zehe gehört.

Was fasziniert Sie besonders an den Psalmen?

Ich würde nicht sagen, dass Psalmen mich faszinieren, sie geben mir vielmehr Kraft und Zuversicht. Ich finde mich darin selbst wieder, sie sind so lebensnah. Sie geben mir tiefe Einblicke in das jüdische Glaubensleben. Sie zu vertonen, das fasziniert mich!

Das zentrale Thema Ihres aktuellen Albums ist der Sabbat. Ein Lied heißt „Ha Mavdil“, „Er, der unterscheidet“. Juden singen es, wenn sie samstags vom wöchentlichen Ruhetag wieder in den Alltag überwechseln. Was bedeutet Ihnen persönlich der Unterschied zwischen Alltag und Feiertag?

Er bedeutet mir sehr viel. Allerdings ist es nicht immer möglich, den wöchentlichen Ruhetag so zu halten, wie wir das gerne möchten. Speziell im vergangenen Jahr, in dem ich sehr intensiv mit der Shabbat-Produktion beschäftigt war, blieb ironischerweise kaum Zeit dafür.

Wie viel Zeit hat Sie die CD „Shabbat“ gekostet?

An dem CD-Projekt arbeitete ich insgesamt zwei Jahre. Angefangen mit dem Sichten jüdischer Lieder zum Shabbat, der Suche nach geeigneten Gastmusikern, dem Arrangieren für unsere siebenköpfige Besetzung, der Einstudierung aller 15 Stücke und endlich dann die Studioaufnahmen und die Abmischung. Zuletzt habe ich sämtliche Grafikarbeiten für ein umfassendes CD-Booklet in vier Sprachen und eine aufwändig gestaltete Notenausgabe gemacht und mich dann noch um die Herausgabe bemüht.

Wie kamen Sie auf die Verbindung zur Schöpfung?

Während meiner Beschäftigung mit dem biblischen Ruhetag fiel mir auf, wie stark dieser Tag mit der Schöpfung verbunden ist. Der Ursprung der Shabbatruhe liegt in Gottes Schöpfungswerk, denn es heißt im 1. Buch Mose, Kapitel 2: „Und Gott vollendete am siebten Tag sein Werk, das er gemacht, und ruhte an ihm von all seinem Werk.“ Es ist also nichts speziell Jüdisches, denn da gab es noch keine Juden. Das war eine Überraschung für mich. Der Shabbat entspringt der Schöpfung und er betrifft die gesamte Schöpfung.
Bei der Gestaltung des Liederbuchs war mir dieser Aspekt wichtig. Darum bat ich eine befreundete Künstlerin, zu jedem Lied ein Bild zu malen, das einerseits die tiefe Symbolik im Lied und andererseits den Zusammenhang von Shabbat und Schöpfung zum Ausdruck bringt. Die Malerin Erika Steinbeck schuf den Bilderzyklus „Ha Shabbat baBriah“ (Der Sabbat in der Schöpfung) in Acryltechnik, den wir auch via Beamer im Konzert projizieren.
Gott gab übrigens nur diesem Tag einen Namen, was ihn vor den übrigen Tagen, die einfach nur nummeriert wurden, auszeichnet. Das Wort „Shabbat“ heißt „aufhören“ oder „ruhen“.

Begehen Sie selbst in irgendeiner Form den Sabbat?

Ja, wir versuchen, wenn irgend möglich, am Samstag oder am Sonntag zu ruhen. Doch ist das nicht immer machbar. Schließlich haben wir ja vor allem am Wochenende unsere Konzerte, die uns stark fordern. Auch wenn wir freitags eher selten auftreten, so ist dennoch viel vorzubereiten vor einem Konzertwochenende. Nicht selten reisen wir am Freitag zum Veranstaltungsort, weil am nächsten Tag ein Konzert ansteht. Doch zumindest bringen wir jeden Freitagabend in einer Zeremonie die Segenssprüche über Kerzen, Wein und Brot aus, egal, wo wir uns gerade befinden und welche Anforderungen uns umgeben. Auch genießen wir meist Freitagabend ein besonders schmackhaftes Essen. Denn der Shabbat lässt sich als solcher nicht verschieben. Diese Begrüßung des Shabbats wurde uns jedenfalls zur unverzichtbaren Gewohnheit. Wir sprechen oder singen diese altbekannten Worte „Baruch ata Adonai, Eloheinu, Melech ha Olam …“ (Gelobt seist du, Ewiger, unser Gott, König der Welt), auf welche ich eine sehr sangliche Melodie komponiert habe. Mit diesem neuen Lied eröffnen wir übrigens unser Album.

Sie nehmen seit der Gründung von „Shoshan“ viele jüdische Texte und Melodien in Ihre Konzertprogramme auf. Was ist das Besondere an jüdischer Musik?

Das Besondere an jüdischer Musik ist ihre Vielfalt. Juden leben seit über 2.000 Jahren auf der ganzen Welt verstreut. Ob in Russland, im Balkan, im Mittelmeerraum, in Nordafrika oder Südamerika – überall wurden sie in der Ausübung ihrer Religion beeinflusst, oftmals auch behindert und bedrängt. Dies hat ihre Musik, die Melodien, die Harmonik, den Rhythmus und den Charakter ihrer Lieder und Gebete geprägt. Juden nahmen über Jahrhunderte viele Einflüsse aus ihrer regionalen Umgebung in ihre ureigene Musik auf. Es gibt aschkenasische, sephardische und chassidische Lieder zum Shabbat und zu anderen jüdischen Festen. Die schönsten davon haben wir ausgewählt für unsere CD und haben diese Weisen wiederum durch unsere eigene, eher europäisch-klassische Prägung verändert. Das Besondere an jüdischer Musik ist auch, dass sie so stark gefühlsbetont ist. Sowohl der Gesang als auch die Texte jüdischer Lieder berühren mich immer wieder neu durch die Inbrunst, mit der sie vorgetragen werden.

Wie reagieren Juden auf Ihre Musik?

Wenn sich Juden hierzulande über unsere Musik oder unsere Konzerte äußern, dann fast immer begeistert. Sie bescheinigen uns Authentizität und echte jüdische Spiritualität. Ein bedeutender jüdischer Musikjournalist aus Berlin hat mein letztes Soloalbum „Ma’alot“, eine eigene Vertonung der Wallfahrtspsalmen in hebräischer Sprache, in den höchsten Tönen gelobt; auch in den USA wurde das Album von einem bekannten jüdischen Musikkritiker in der Presse positiv beachtet. Das freut uns natürlich besonders. In Israel lernte ich in einem Kibbutz eine alte Jüdin kennen, die mit 19 Jahren vor dem Zweiten Weltkrieg aus Deutschland nach Florida geflohen war. Sie war fest überzeugt, dass ich Jüdin sei. Ein solches Gefühl und Verständnis für Jüdisch-Hebräisches traute sie einfach keiner Deutschen zu …

Ihr Ensemble will nach eigener Darstellung „zur Versöhnung zwischen Israel und Deutschland sowie zum Dialog zwischen Juden und Christen beitragen“. Warum sollten sich Christen für Israel interessieren?

Die Menschen und die Schauplätze in der Bibel sind jüdisch beziehungsweise israelisch. Sowohl in den Büchern des Alten als auch des Neuen Testaments geht es fast ausschließlich um typisch jüdische Themen, zum Beispiel die Auslegung des Gesetzes. Permanent geht es um Israels Geschichte und Zukunft. Ich frage an dieser Stelle gern zurück: Wie ist es möglich, dass Christen, die ein jüdisches Buch lieben und einem jüdischen Messias folgen, sich nicht für Israel interessieren? Selbst Menschen ohne christlichen Hintergrund stolpern durch die Berichterstattung in den Medien fast täglich über Israel. Das Volk und Land Jesu muss uns interessieren, denn es ist für die ganze Welt ein erstaunlich interessantes Thema! Nur sollten wir Christen versuchen, Gottes Sicht nachzuahmen, Israel mit seinen Augen sehen.

Planen Sie eine musikalische Zusammenarbeit mit Juden?

Das ist grundsätzlich eine schöne Idee, vielleicht wird es einmal dazu kommen. Bei der Auswahl meiner Musiker, mit denen ich im Studio oder live auf der Bühne zusammenarbeite, stehen jedoch andere Kriterien im Vordergrund: Welches Instrument benötige ich? Wie ist das musikalische Können, was für eine Persönlichkeit und Ausdruckskraft hat der Musiker, den ich brauche? Für diese CD suchte ich einen Klarinettisten mit besonders weichem Ton und einer Spielweise, die ideal zu unserer Musik passt. Ich fand Florent Héau in Paris, hierzulande spielen klassische Klarinettisten ohne Vibrato, was nicht gepasst hätte.

Sie wollen mit Ihrer neuen CD „Shabbat“ auch Christen ansprechen, die bislang noch keinen Zugang zu dieser jüdisch geprägten Musik haben. Auf welche Weise können Sie dieses Publikum Ihrer Meinung nach am besten erreichen?

Vor allem durch gute Musik! Viele Deutsche gehen in Konzerte mit kubanischer oder brasilianischer Musik, obwohl sie kein Wort Spanisch oder Portugiesisch verstehen und auch die Musik nicht dem eigenen kulturellen Hintergrund entspricht. Das Exotische reizt diese Zuhörer. Auch Hebräisch ist exotisch, und es ist eine klangvolle Sprache. Da unser Publikum Liedertexte hört, die es sprachlich nicht versteht, moderiere ich die Konzerte – das baut Brücken.
Klar ist aber auch: Wer sich nicht für anspruchsvolle geistliche Musik interessiert, wird nicht in unsere Konzerte kommen. Und wer vom Fernseher schlecht wegzulocken ist, wird auch nicht kommen. Doch hoffen mein Mann und ich, dass wir mit der neuen CD gerade durch Konzerte zum Thema „Ruhe“ und „Stille“ viele Christen erreichen. Zur Ruhe zu kommen ist wichtiger geworden denn je. Unsere Musik ist eine Mischung aus Klassik, jüdischer Folklore, Oriental – und einer gelegentlichen Prise Jazz. Letzteres ist allerdings nicht auf der CD „Shabbat“ zu hören.

Frau Rennebaum, wir danken Ihnen für das Gespräch.

Die Fragen stellte Elisabeth Hausen. (pro)
Einen Hintergrundartikel über Waltraud Rennebaum und die CD „Shabbat“ lesen Sie in der kommenden Ausgabe des Christlichen Medienmagazins pro, die Sie online, unter 06441/915-151 oder info@pro-medienmagazin.de kostenlos bestellen können.

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