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Judas: Mehr Evangelium im Theater geht nicht

Der querschnittgelähmte Schauspieler Samuel Koch gibt mit dem Ein-Mann-Stück „Judas“ sein Debüt am Nationaltheater Mannheim. Sein großartig interpretierter Verräter Judas wird dem Zuschauer zum Vertrauten. Eine Theaterkritik von Stefanie Ramsperger
Von PRO
In der Person des Judas spiegeln sich auch Lebensfragen des Schauspielers Samuel Koch

Foto: Christian Kleiner

In der Person des Judas spiegeln sich auch Lebensfragen des Schauspielers Samuel Koch

Da sitzt er, in einem kleinen Raum mit breiter Spiegelwand, noch halb Judas, schon halb Samuel Koch. In der Maske des Nationaltheaters Mannheim wird aus der Figur wieder der Privatmann. Die Totenblässe weicht einer gesunden Gesichtsfarbe, die dunklen Ringe um den Augen und die Falten verschwinden. Kochs Haare kommen wieder zum Vorschein. Sein schwarzes Kostüm weicht Jeans und Pullover. Er erzählt von seiner Rolle, mit der er gerade im Alleingang ein vollbesetztes Schauspielhaus begeistert hat.

Koch spielt in der einstündigen Inszenierung von Philipp Rosendahl einen zwiespältigen Judas. Einen Gebrochenen, einen Stolzen, einen Missverstandenen, einen Aktiven, dem sein Scheitern bewusst ist, und der dennoch überzeugt davon ist, das Richtige getan zu haben. Irgendwer musste es ja tun. Oder? Drehbuchautorin Lot Vekemans geht es nicht um die eine Antwort. Ihr geht es um Fragen.

Fragen, die damals so aktuell waren wie heute. Fragen, die sich um Ehrlichkeit und Anstand drehen, um Freiheit und Zwang. Um Erwartungen und die Möglichkeit eines Neuanfangs, um Täter und Opfer. Und um Zweifel und zentrale Glaubensinhalte.

Judas wird zu einem Vertrauten

So, wie Schauspieler und Regisseur das Stück interpretieren, ist es beinahe ein Gottesdienst. „Blasphemische Sätze haben wir gestrichen“, erzählt Koch. „‚Nein, er ist nicht für eure Sünden gestorben‘, sage ich nicht. Meine Person kann nie ganz abgekoppelt sein von dem Abend.“

An dem Theaterabend erhält Judas, der Verräter, dessen Name ein Fluch wurde, die Chance zur Rehabilitation. Sein Weg ist zwar vorgezeichnet – im Lauf der Stunde gleitet er auf einer Schaukel vom Himmel bis in die Hölle hinab – aber er erhält zumindest die Gelegenheit sich zu erklären. „Mein Inszenierungsvorschlag war, dass er von unten nach oben fährt“, erzählt Koch. „Denn innerlich ist er aufgefahren. Dadurch, dass er endlich Gehör geschenkt bekommen hat, kann er am Ende sagen: ‚Ich bin Judas‘.“

Judas sitzt auf einer Schaukel und fährt im Laufe des Stückes vom Himmel in die Hölle Foto: Christian Kleiner
Judas sitzt auf einer Schaukel und fährt im Laufe des Stückes vom Himmel in die Hölle

Über den Jünger, der Jesus verraten hat, sagt Koch: „Wir lernen uns gerade noch kennen. Es war keine Liebe auf den ersten Blick.“ Er habe die „Dinge, die man aus der Bibel kennt“, über ihn gewusst. „Ich habe mich aber nie mit seinen Ängsten und Nöten beschäftigt oder mich in ihn hineinversetzt“, erklärt Koch. „Es war wie mit Klassenkameraden, die man zwar kennt, mit denen man sich aber nie privat trifft.“

Der Judas, mit dem der querschnittgelähmte Schauspieler am Nationaltheater Mannheim debütiert, wird während der Vorstellung zu einem Vertrauten. Und wenn er Sätze sagt wie „Ich erwartete viel von ihm“ oder „Manchmal spaltet sich das Leben im Bruchteil einer Sekunde in zwei Hälften“, dann ahnt man, dass Koch auch privat viel dazu zu sagen hat: „Ich bin auch schon von Gott enttäuscht worden“, erzählt er. „Ich habe mein Leben aus Überzeugung und Vertrauen als Dienstleistung für Gott gesehen.“ Auch vor der „Wetten, dass …?“-Sendung, bei der der Unfall passierte, der Koch den Rollstuhl einbrachte, habe er gefragt, ob er sich wirklich bewerben solle. Menschen in seinem Umfeld hätten ihm zugeraten: „Wenn du vom Glauben erzählen kannst, musst du das unbedingt machen.“ Koch sagt: „Mein Gebet war immer: ‚Wie sage ich möglichst vielen Leute von Jesus?‘ Dass ich dann diese komische Antwort bekommen habe, hat mich verwirrt, ernüchtern und enttäuscht.“

Auch die Frage nach dem Leid ist eine, über die Koch als Judas zuvor auf der Bühne reflektiert hatte: War der Verrat für irgendetwas gut? Hätte es ohne seinen Kuss das Kreuz gegeben? Hätte es das Christentum gegeben? Wofür war sein Leiden gut? Für sich selbst hat Koch die Antwort gefunden: „Ich glaube, dass Gott kein Leid möchte. Aber er kann aus Leid etwas Gutes entstehen lassen. Für mein Leben gilt, was in der Bibel steht: ‚Uns können alle Dinge zum Besten dienen.‘“

„Hat er mir vergeben?“

Geradezu ungläubig stellt der Judas auf der Schaukel seine ganz verschiedenen Erfahrungen mit Jesus nebeneinander: „Ich wusste, dass er das war, worauf ich gewartet hatte. Er war wie eine Wahrheit“, sagt er. Gleich darauf seine bodenlose Enttäuschung: „Ich habe an allem gezweifelt, was ich je geglaubt habe.“ Und seine unendliche Erschütterung darüber, dass sein Plan, der sein Volk aus der Unterdrückung der römischen Besatzungsmacht führen sollte, scheiterte. Judas fühlt sich als Märtyrer, greift dabei aber Fragen auf, die heute genauso relevant sind wie damals: „Er hätte sich dafür hergegeben, einen Menschen ins Messer laufen zu lassen. Ich sein Opfer und nicht umgekehrt (…) Wird uns unser Platz angewiesen und nicht von uns selbst gewählt?“

Koch mag nicht daran glauben, dass es einen vorgefertigten Plan Gottes für das Leben eines Menschen gibt: „Das würde bedeuten, dass wir keine Freiheit hätten. Und es würde bedeuten, dass wir gescheitert wären, wenn wir diesen einen Plan nicht erfüllen. Deswegen gibt es keinen vorgefertigten Plan. Gott kennt Alternativen.“ Er vergleicht Gottes Weg mit den Menschen mit einem Navigationsgerät: Ändert man den Kurs, wird die Route neu berechnet.

Judas auf der Bühne hadert mit Gott: „Er hat mich nicht davor behütet, es zu tun, und damit gab er seine Zustimmung – sogar einen Auftrag?“ Und er fragt: „Hat er mir vergeben? Oder war seine Barmherzigkeit bei mir erschöpft?“ Koch glaubt: „Seine Barmherzigkeit war nicht erschöpft. Aber ich weiß es nicht.“

Evangelium pur im Schauspielhaus

„Ist hier jemand, der sagt, er ist für mich gestorben?“, fragt Judas das Publikum Foto: Christian Kleiner
„Ist hier jemand, der sagt, er ist für mich gestorben?“, fragt Judas das Publikum

Im Mannheimer Schauspielhaus kommt keiner der Zuschauer darum herum, das Geschehen persönlich zu nehmen. Als Judas über den kurzen Weg zwischen den Hosianna-Rufen am Palmsonntag und später der Forderung „Kreuzige ihn!“ spricht, fragt er ins Publikum: „Angenommen, Sie hätten damals gelebt, was hätten Sie gerufen?“

Und er möchte von den Zuschauern wissen: „Musste er für euch sterben? Ist hier jemand, der sagt, er ist für mich gestorben?“ Mehr Evangelium im Theater geht nicht.

Die Maskenbildnerin und Kochs Assistenten haben ihre Arbeit beendet. Der Schauspieler ist fertig zum Aufbruch. Nichts erinnert mehr daran, dass er noch vor einer Stunde Judas war. Seine persönliche Perspektive ist eine ganz andere: „Es hat den Anschein, als verpasse Judas die Auferstehung. Das verschafft seiner Trostlosigkeit Berechtigung.“

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