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Journalist: Das Jüngste Gericht findet bei Facebook statt

Facebook hat das weltweit einflussreichste Gericht geschaffen, erklärt der Journalist Hannes Grassegger. Die Moderatoren des sozialen Netzwerks entschieden wie Richter darüber, welche Beiträge gelöscht werden – die mitunter auch schwere Straftaten zeigen. Das kann wiederum zur Traumatisierung der Mitarbeiter führen.
Von PRO
Facebook hat weltweit 1,9 Milliarden Nutzer und gehört zu den meistbesuchten Internetseiten der Welt

Foto: Gemeinfrei

Facebook hat weltweit 1,9 Milliarden Nutzer und gehört zu den meistbesuchten Internetseiten der Welt

Das Jüngste Gericht findet bei Facebook statt. Diese Ansicht vertrat der Journalist Hannes Grassegger bei einer Tagung der Kommission für Jugendmedienschutz und der EKD-Medienarbeit am Donnerstag in Berlin. Sie beschäftigt sich mit dem Thema „Hasse deinen Nächsten wie dich selbst? Auf der Suche nach einer Kultur des Digitalen“. Grassegger zufolge hat das soziale Netzwerk Facebook das weltweit einflussreichste Gericht geschaffen. Seine Moderatoren entschieden wie Richter darüber, welche Videos und Beiträge gelöscht werden. Dazu zählten etwa Vergewaltigungen, Kinderpornografie und Hinrichtungsvideos sowie Gewaltandrohungen, die Ankündigung von Selbstverletzungen, Selbstmorden und Terroranschlägen sowie die Leugnung des Holocausts.

Facebook beschäftigt 19.000 Mitarbeiter. Darunter sind 4.500 Moderatoren, von denen 700 in Berlin arbeiten. Das Unternehmen hat angekündigt, die Zahl seiner Moderatoren auf 7.500 aufzustocken. Nach Worten Grasseggers entscheidet ein Moderator etwa 4.000 Fälle pro Tag. Pro Fall blieben ihm durchschnittlich acht Sekunden Zeit. Die Mitarbeiter müssten „seelische Fließbandarbeit“ leisten und würden davon traumatisiert. Facebook hat weltweit 1,9 Milliarden Nutzer und gehört zu den meistbesuchten Internetseiten der Welt. 98 Prozent seines Jahresumsatzes in Höhe von umgerechnet 7,9 Milliarden Euro macht das Unternehmen mit Werbeeinnahmen.

Digitalverband Bitkom gegen „Löschorgie“ im Internet

Laut dem Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom), Bernhard Rohleder, sind digitale Unternehmen in der Lage, „allen Unrat aus den Netzen zu sieben“. Allerdings führe das zu „Kollateralschäden“. Massenhafte Löschungen im Schnellverfahren seien kein geeignetes Mittel. Rohleder kritisierte das von Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) geplante Gesetz gegen Hasskriminalität in den sozialen Netzwerken. Der Entwurf sieht Strafen von bis zu 50 Millionen Euro vor, wenn Plattformen illegale Inhalte nicht schnell genug löschen. Die könne zu einer „Löschorgie“ führen, so Rohleder. Es sei für Unternehmen unmöglich, in kürzester Zeit Entscheidungen zu treffen, die vor Gerichten Bestand hätten.

Selbst Richter täten sich bei Abwägungen über Satire, Beleidigung und Volksverhetzung schwer und kämen oft zu überraschenden Ergebnissen, sagte Rohleder. So habe er nicht damit gerechnet, dass die AfD-Politikern Alice Weidel von der NDR-Satiresendung „extra 3“ ungestraft als „Nazischlampe“ bezeichnet werden darf. Überraschend sei auch die Gerichtsentscheidung über das Schmähgedicht des Satirikers Jan Böhmermann gegen den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Das Landgericht Hamburg hatte entschieden, dass Böhmermann große Teile des Gedichts nicht erneut veröffentlicht darf. Bitkom vertritt mehr als 2.500 Unternehmen der digitalen Wirtschaft, darunter auch Facebook.

Wie Richard Gutjahr Opfer einer Verschwörungstheorie wurde

Der Journalist Richard Gutjahr (München) berichtete, wie er und seine Familie Opfer von Verschwörungstheorien im Internet wurden. Gutjahr filmte während eines Urlaubs in Nizza am 14. Juli 2016 mit seinem Smartphone vom Hotelzimmer aus das mit einem Lkw verübte Terrorattentat in Nizza, bei dem 86 Menschen starben. Die Aufnahmen wurden weltweit ausgestrahlt.

In den sozialen Netzen wurde das Gerücht gestreut, Gutjahr sei ein Agent des israelischen Geheimdienstes und sei vorab von dem Anschlag informiert gewesen. Er habe Drohungen per E-Mail, Twitter, YouTube und auf Facebook erhalten, so Gutjahr. Die Videos und Nachrichten würden sich im Netz schnell verbreiten und seien kaum noch aus der Welt zu schaffen. Der Versuch, gegen die Veröffentlichung von Falschnachrichten auf Facebook und YouTube vorzugehen, sei bisher weitgehend erfolglos geblieben.

Gutjahr sagte: „Ich habe endgültig mein Gottvertrauen verloren.“ Geholfen habe ihm schließlich der Rat eines US-Amerikaners, der seit fünf Jahren unter Falschnachrichten gegen seine Person leidet. Er habe Gutjahr dazu aufgefordert, mit aller Härte gegen „Troll-Attacken“ im Netz vorzugehen. Bisher seien knapp 20.000 Euro Anwaltskosten entstanden, um mit einstweiligen Verfügungen gegen Falschnachrichten vorzugehen. Gutjahr: „Ich habe gelernt, dass Menschen unfassbar brutal sein können.“ (pro)

Von: Karsten Huhn/idea

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