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Jenkins: Pfingstkirchen bringen Modernisierung

Religion schadet den Menschen, sagen Atheisten. In Südamerika und Afrika aber haben besonders protestantische und Pfingstgemeinden enormen Zulauf. In einigen Jahren könnten dort regelrechte Theokratien entstehen - und die Gesellschaft zum Erblühen bringen, sagt der Religionshistoriker Philip Jenkins. Im "Rheinischen Merkur" legt er dar, warum er dieser Entwicklung positiv entgegensieht.
Von PRO

Foto: Pennsylvania State University

Schon jetzt zeichnet sich ein Trend ab: Die Zahl der Christen in Afrika ist von zehn Millionen (zehn Prozent der Gesamtbevölkerung) im Jahr 1900 auf 360 Millionen (46 Prozent) im Jahr 2000 angewachsen. Philip Jenkins, amerikanischer Religionshistoriker, stellt in der Wochenzeitung "Rheinischer Merkur" fest: "In den letzten Jahrzehnten hat sich der Schwerpunkt des christlichen Glaubens maßgeblich in Richtung Äquator verschoben." 2008 erschien im Herder-Verlag sein Buch "Gottes Kontinent? Über die religiöse Krise Europas und die Zukunft von Islam und Christentum".

Einen Grund dafür sieht der Wissenschaftler darin, dass die säkularen Ideologien der 60er Jahre ihre Versprechen, für Wohlstand und Sicherheit zu sorgen, nicht halten konnten. Bei Armut übernähmen Kirchen und Moscheen Aufgaben, die eigentlich dem Staat obliegen. "Religiöse Einrichtungen bieten soziale Hilfestellung, Erziehung und Gesundheitsfürsorge, wenn über staatliche Stellen nichts zu bekommen ist."

"Charismatikern und unabhängigen Gemeinden gehört die Zukunft"

Jenkins stellt fest: "Der christliche Glaube, wie er im globalen Süden anzutreffen ist, wird von den charismatischen Glaubensgemeinschaften und den Pfingstkirchen geprägt. Kennzeichnend sind der gefühlsbetonte Gottesdienst und die direkte Erfahrung spiritueller Gaben." Er wagt die Prognose: "Die Evangelisten und Prediger der ‘Megakirchen’ bedienen sich häufig neuer Medienformen, um selbst berühmt zu werden. Wahrscheinlich werden einige dieser Prediger noch vor dem Jahr 2020 versuchen, die politische Führung in ihrem Land zu übernehmen, wobei besonders die Länder infrage kommen, die durch die globale Wirtschaftskrise besonders schwer betroffen sind." Dies halte er besonders in Brasilien für möglich. Dort werden im Jahr 2020 wahrscheinlich 25 Prozent der Einwohner einer protestantischen oder Pfingstkirche angehören.

Welchen Einfluss diese "Mischung aus Religion und Politik" haben könne, lasse sich in Ländern wie Peru, Chile und Kolumbien, in Südkorea "oder in fast jedem afrikanischen Staat südlich der Sahara" erahnen. "Möglicherweise steht ein neues Zeitalter bevor, in dem viele Länder unter kirchlicher Führung stehen oder sogar als Theokratie firmieren, und das nicht nur im Iran." Deshalb werden fundamentalistische Religionen in Zukunft weiter bestehen oder sogar wachsen, zumindest in weiten Teilen der Welt, ist Jenkins überzeugt.

"Neue Kirchen bringen Modernisierung fürs Land"

Jenkins weiß: "Für viele Europäer sind diese Veränderungen deprimierend oder sogar beängstigend." Mancher glaube, die Idee der Aufklärung sei gefährdet. Doch der Religionswissenschaftler ist weniger pessimistisch: "Obwohl viele der neuen Kirchen zu einigen Themen eine konservative Haltung einnehmen, sind sie doch offen für progressive soziale und wirtschaftliche Blickweisen. Es mag überraschend klingen, doch könnten sie innerhalb der traditionellen Gesellschaften mächtige Kräfte zur Modernisierung entwickeln."

Der Amerikaner zeigt einige Vorteile der neuen christlichen Wertetendenz auf: "Die Kirchen, insbesondere die neueren unabhängigen und charismatischen Gemeinden, fördern eine neue Arbeitsmoral: Sie lehren Werte wie Selbstvertrauen, Sparsamkeit, Selbstdisziplin und Familienzusammenhalt. Sie erwarten Nüchternheit – und das in einer Gesellschaft, die von Drogen und Alkohol förmlich überschwemmt wird. Die Heilungsmissionen haben das Ziel, die Gläubigen von Maßlosigkeit und Genusssucht zu befreien." Mit diesen Wertvorstellungen könnte eine Zivilgesellschaft entstehen, die der europäische-amerikanischen Tradition in etwa entspreche – möglicherweise etwa durch eine Unternehmenskultur, die eine wichtige Voraussetzung für eine funktionierende Demokratie ist.

Auch der Soziologe David Martin habe erkannt, dass das Christentum alles andere als Opium für die enterbten Massen sei. Stattdessen bekämen Christen immer mehr Mut, sich zu beteiligen, die Stimme zu erheben und Führungsaufgaben zu übernehmen. Die Betonung häuslicher Werte wirke im positiven Sinne auf die Beziehungen zwischen den Geschlechtern. Die Wissenschaftlerin Elizabeth Brusco habe dafür den Begriff "Macho-Reformation" benutzt. Jenkins: "Mitglied einer Pfingstkirche oder einer neuen unabhängigen Kirche zu sein heißt für arme Frauen, dass sich ihr Leben enorm verbessert, denn dort ist der Ort, wo sie am ehesten einem Mann finden können, der nicht die Mittel der Familie mit Trinken, Spielen oder Prostituierten durchbringt."

Er ist überzeugt: "In vielen  Bereichen wird die Religion eine entscheidende Rolle dabei spielen, die Welt des Jahres 2020 zu gestalten. Nur der simple, primitive Glaube an den Säkularismus könnte uns daran hindern, dies zu erkennen." (PRO)

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