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Ist die Politik bergpredigt-weichgespült?

Nicht nur in den USA, auch in Deutschland bekennen sich immer mehr Politiker offen zu ihrem christlichen Glauben. Erstaunlich viele Christen sind etwa in der FDP-Bundestagsfraktion, gleichzeitig fordert ihr Generalsekretär mehr Trennung von Kirche und Staat. Die Wochenzeitung "Christ und Welt" fragte nach: Woran glauben deutsche Parteien noch?
Von PRO

Foto: Deutscher Bundestag / Lichtblick/Achim Melde

Auf die Frage, warum sich die Parteien so auf die Religionen besinnen, antwortet der Politikwissenschaftler und Sozialphilosoph an der Humboldt-Universität Berlin Herfried Münkler: "Das frage ich mich auch." Er vermutet, dass es mit einer Selbstbehauptung gegenüber dem Islam zu tun hat. Das Phänomen sei eine Abgrenzung zur eigenen Profilierung. "Der Traditionswähler soll wieder stolz auf das ‘C’ in der CDU sein."

Die Grünen pflegten in seinen Augen eine "bergpredigt-weichgespülte Form des Christentums": "Alle Menschen sind gleich und müssen einander Gutes tun." Das sei so allgemein, dass kaum jemand etwas dagegen haben könne. "Es sind Wohlfühlwerte, mit denen die Grünen Politik für viele Menschen erst wieder sympathisch machten." Die Ökologie, die Bewahrung der Schöpfung, sei zu einer Art "Sparversion des Christentums" fürs gemeine Volk geworden. "Wenn Werte an der Wirklichkeit gemessen werden, werden sie interessant – wie etwa bei der Debatte um ein Verbot der Präimplantationsdiagnostik." Das sei wahrlich eine Gewissensfrage. "Ansonsten ähnelt die Wertedebatte einer leeren Cola-Dose: außen bunt und innen hohl."

Der Journalist Raoul Löbbert forschte für "Christ und Welt", die als Beilage in der Wochenzeitung "Die Zeit" erscheint, wie es um den Glauben der Politiker steht. In der Morgenandacht für die Abgeordneten im Bundestag traf er an einem Dienstagmorgen von den 622 Abgeordneten gerade einmal drei. Dennoch konstatiert er: "Überall im politischen Betrieb ist der neue Ton zu hören." Gemeint sind nicht nur die Glocken des Kölner Doms, die im Andachtsraum von Band ertönen, sondern auch das Bekenntnis zum christlichen Glauben.

Die Grünen: Frieden mit der Religion geschlossen

In der SPD sorgte im Sommer die Ankündigung eines "Laizistischen Arbeitskreises" für Wirbel. Mehrere SPD-Politiker wollen damit die Trennung von Kirche und Staat anmahnen. Daraufhin gab es zahlreiche Einwände auch aus der eigenen Partei, auch vom Vorsitzenden Sigmar Gabriel. Der FDP-Abgeordnete Patrick Meinhardt, evangelischer Theologe, wiederum hat 2009 einen Arbeitskreis namens  "Christen in der FDP-Bundestagsfraktion" gegründet. Mittlerweile ist dort die Hälfte der Fraktion Mitglied. "1974 wäre das undenkbar gewesen. Da wollte die FDP per Parteitagsbeschluss den Kirchen die Kirchensteuer wegnehmen und ihre Rolle im Staat massiv beschränken", stellt Löbbert fest.    

Selbst bei den Grünen finde man ihn, den "neuen Ton". Der offen schwule Volker Beck etwa schreckte nicht davor zurück, sich auf die Seite von Kardinal Meisner zu stellen und die Präimplantationsdiagnostik abzulehnen. In seinem Blog schreibt der Grüne über das Verhältnis zwischen seinem christlichen Glauben und seiner Arbeit als Politiker: "Wir Christen tragen, wenn wir es ernst meinen, unser Christentum nicht als Monstranz vor uns her, denn das wäre sonst ganz unchristlich."

Die Grünen sind derzeit mit 20 Prozent in den Umfragen auf Volksparteiniveau.
"Unter ihrem ideologischen Dach hat erstaunlich viel Platz: Katrin Göring-Eckardt als höchste Laienvertreterin der evangelischen Kirche genauso wie Jürgen Trittin, der stolz darauf ist, Gott noch nicht gebraucht zu haben." Löbbert stellt fest: "Grün kann jeder sein, ganz gleich, ob Buddhist, Hindu, Katholik oder Protestant. Die Grünen sind so liberal, dass sie sich für für die Freiheit der Frau und ihr Recht auf Abtreibung einsetzen, und gleichzeitig wiederum so konservativ, dass sie beim Schutz des menschlichen Erbguts keine Kompromisse machen." Hans-Christian Ströbele, 71, ehemaliger "68er", "ewiger Demonstrant" und Anwalt der RAF-Terroristen, habe seinen Frieden gemacht, auch mit der Religion. "Er hat nichts mehr gegen sie", so der "Christ und Welt"-Autor.

Der Andachtsraum des Bundestages scheine "fest in liberaler Hand zu sein". Manche Andachten seien sogar ausschließlich für FDP-Abgeordnete. Der "Spiegel" witzelte deshalb bereits: "Gott ist gelb." Löbbert: "Selbst Parteichef Guido Westerwelle outet sich nicht mehr nur beim Evangelischen Kirchentag als gläubig, so geschehen 2009 in Bremen." Gegenüber "Christ und Welt" sagte Meinhardt: "Die FDP ist nicht mehr der Hort der Antireligiösen und der Laizisten. Sie war es als Ganzes übrigens nie." Er unterstütze die Neutralitätsforderung für den Staat, aber er möchte dies "als bekennender Christ" tun. Generalsekretär Christian Lindner wollte dann das "F" in der FDP stärken, das F für Freiheit. Er forderte ein neues kosmopolitisches Deutschland ohne religiöse Leitkultur. Gegenüber "Christ und Welt" sagte Lindner, ähnlich wie in den USA schon länger sprächen auch in Deutschland die Politiker wieder von Religion. Aber: "Wenn ein Bürger gesetzestreu und produktiv ist, dann sollten wir nicht fragen, ob er persönlich an Gott oder Allah glaubt." Den Gottesbezug in der Verfassung wolle er hingegen nicht abschaffen.

Jeder blickt in Not nach oben

Löbbert befragte auch die bekannteste Unterstützerin des Laizistischen Arbeitskreises der SPD, Ingrid Matthäus-Maier. Die "Reklerikalisierung" des Lands mache vielen in der SPD zu schaffen, sagt sie. "Wenn etwa der damalige Bundespräsident Horst Köhler im Rheinischen Merkur die Kirchen zu einer Mission in Deutschland auffordert, finde ich das skandalös", so Matthäus-Maier. Denn das Grundgesetz verlange eine Trennung von Staat und Kirche.

Bodo Ramelow von der Linken, Fraktionsführer im Thüringer Landtag, hat in seinem Büro in Erfurt neben einem Bild von Marx ein Bild des Papstes hängen. Nachdem einige SPD-Politiker die Idee mit dem Laizistischen Arbeitskreis geäußert hatten, hätten sich in seiner Partei Stimmen zu Wort gemeldet, die beweisen wollten, "dass sie die besseren Laizisten sind", so Ramelow. Bei der kommenden Verabschiedung des ersten Grundsatzprogrammes der Linken im Herbst soll auch über das Verhältnis zu Kirche und Religion entschieden werden. Bis dahin wünsche sich Ramelow von seiner Partei vor allem Gelassenheit: "Freiheit ist immer die Freiheit des Andersgläubigen."

Löbbert zieht als Fazit: "Glaubensfragen scheinen heute die Parteien weniger zu trennen als zu verbinden." Angesichts der Gewitter, die auf alle Parteien gleichermaßen niedergingen, begönnen sie wieder, Fragen zu stellen. "Die Politik ist auf der Sinnsuche. Wie soll es weitergehen? Oder wohin und warum? Gibt es sie überhaupt noch, die moralische Roadmap für politisches Handeln?" Immer mal wieder richteten die Parteien offenbar auch einen Blick dorthin, wo jeder hinsehe, der in Not sei: nach oben. (pro)

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