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Islamwissenschaften fehlt Mut zur Selbstkritik

Der Bayreuther Islamwissenschaftler Hans-Thomas Tillschneider hat die an einigen Universitäten vertretene Ausrichtung seiner Zunft kritisiert. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung wirft er zwei Forschern fehlende Auseinandersetzung mit moderner Theologie und Geisteswissenschaften vor.
Von PRO

Foto: crystalina / flickr

Tillschneider erklärt, dass das Buch des Münsteraners Lehrstuhlinhabers Mouchanad Khorchide „Islam ist Barmherzigkeit“ in orthodoxen Kreisen dafür kritisiert werde, weil es elementare Prinzipien des islamischen Glaubens verletze. Der Wissenschaftler versuche, den Islam von der Scharia abzukoppeln.

Kein wissenschaftlicher Anspruch

Wichtig ist aus Sicht des FAZ-Gastautors Tillschneider, dass sich der Islam von politisch-rechtlichen Ansprüchen trenne und sich gründlich säkularisiere. Er müsse sich auch von den Teilen des islamischen Rechts lossagen, die mit dem deutschen Recht kollidierten. Für noch bedeutender hält Tillschneider aber die Tatsache, dass die entscheidende Kritik an dem Buch ausgeblieben sei: es fehle der wissenschaftliche Anspruch.

Stattdessen liefere der Autor „biographische Anekdoten, Versatzstücke aus der Tradition des Reformislam, einen guten Schuss Esoterik und einen bunten Strauß Allerweltsansichten über Gott und die Religion“. Zwischendurch wiederhole der Autor sein Mantra, dass der Mensch ein Medium von Gottes Liebe und Barmherzigkeit sei.

Mindestens so ringen wie Bultmann

Statt den Islam in seinen Denkmodellen differenziert zu betrachten, reihe er freundliche Koran-Verse aneinander und übergehe die „unfreundlichen“. Mit der modernen Wissenschaft habe dies nichts zu tun: „Dabei müsste Khorchide mit der islamischen Theologie ringen, so wie Bultmann (Anmerkung der Redaktion: der Marburger Theologieprofessor wurde bekannt durch sein Programm der Entmythologisierung der neutestamentlichen Verkündigung) mit der protestantischen Theologie gerungen hat, und stärker noch“.

Tillschneider fragt, ob sich die frühere Gesetzesreligion Islam jetzt zu einer  Rundum-Wohlfühl-Religion entwickele, „ganz den Bedürfnissen des Menschen zugewandt, uninteressiert am Buchstaben, überströmend von Liebe und billiger Gnade“? Khorchide jedenfalls fehlten Begründungen oder der Anschluss an die Denktraditionen seines Forschungszweiges. Ein Teil der Wissenschaft folge eher den Befindlichkeiten der Islamverbände. Statt „süßlicher Prosa und hölzernem Fundamentalismus“ bedürfe es aber Begründungen, die an die Wurzeln islamischer Tradition und moderner Theologie gingen.

Als weiteres Beispiel dieser „verqueren Weise“ Wissenschaft zu betreiben, sieht Tillschneider Johann Bauers „Aishas Grundlagen der Islamrechteergründung und Textinterpretation“. Dieses Werk bestehe auf einem Scharia-Islam ohne Abstriche. Einen Islam, wie ihn der Direktor des Instituts für islamische Theologie an der Universität Osnabrück, Bülent Ucar, gefordert habe, lehnt Tillschneider ab. Laut Ucar habe der Glaube eines Muslims so „rein, klar und verständlich, vielleicht auch kindlich” zu sein, wie der Glaube einer alten Frau.  Aus Tillschneiders Sicht fehle einer solchen Wissenschaftsauffassung die intellektuelle Reife und der Mut zur Selbstkritik. (pro)

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