„Soziale Netzwerke sind, fast unbemerkt, zur mächtigsten politischen Maschine unserer Zeit geworden. Zu einer Fabrik, die Spaltung produziert“, schrieb der Psychologe Ahmad Mansour kürzlich in einem Gastbeitrag für die „Welt“. Er beschreibt, wie soziale Medien das Denken verändern und bis hin zu Extremismus führen können.
Soziale Medien würden unsere Politik stark beeinflussen und die Gesellschaft auseinandertreiben. Mansour, der auch Islamismus-Experte ist, bezeichnete Social Media als Instrument, das auf der einen Seite bilde, vernetze, Perspektiven verändere und anderseits das politische Weltbild zerbreche. Dabei bedienten sie sich solche Plattformen eines zentralen Mechanismus: Die Vermittlung von Nachrichten ziele darauf ab, Emotionen zu wecken, statt Sachlichkeit zu vermitteln. Durch diese Gefühlsreize würden sich Menschen stärker mit bestimmten Situationen identifizieren. Das Gehirn nehme vermehrt Ungerechtigkeiten im eigenen Umfeld wahr. So entstehe das Selbstbild des Unterdrückten. Demgegenüber werde ein Schuldiger gesucht – der Feind.
„Damit wird Spaltung zum Sicherheitsproblem. Eine Gesellschaft, die sich gegenseitig verachtet, ist manipulierbar. Desinformation wirkt nicht, weil sie brillant ist, sondern weil Vertrauen bereits zerstört ist. In diesem Klima reicht ein Trigger, um aus Unsicherheit Radikalisierung zu machen“, so Mansour.
Desinformationen radikalisieren
Auch die Forschung beschäftigt sich mit der Frage, inwiefern Social Media die rechtliche Ordnung destabilisiert. Im vergangenen Jahr befragte die „IU Internationale Hochschule“, die ihren Sitz in Erfurt hat, knapp 2.000 Deutsche im Alter von 16 bis 65 Jahren zu ihrem Umgang mit Medien. Fast die Hälfte der Befragten nutzt soziale Medien demnach für gesellschaftliche und politische Nachrichten. Doch durch Desinformation würden die Plattformen zunehmend an Vertrauenswürdigkeit verlieren.
Mithilfe künstlicher Intelligenz würden Inhalte erstellt, die wahrheitsgemäß wirken, jedoch absichtlich verfälscht sind. Mittlerweile seien solche Deepfakes ein beliebtes Werkzeug der Manipulation und Meinungsbeeinflussung geworden und stellten eine moderne Form der Propaganda dar. Neun von zehn Befragten bestätigen, dass sie Falschmeldungen als eine Gefährdung der Demokratie und ihrer Rechtsgüter ansehen. Zudem zweifeln mehr als 50 Prozent an der Vertrauenswürdigkeit der Presse. Mehr als ein Viertel wird in ihrer Entscheidungswahl durch die Medien verunsichert. Falschnachrichten seien in den meisten Fällen ein Mittel zur gezielten Schädigung von Personen. Die Bundestagswahl 2025 habe das deutlich gemacht, erklärte Nele Hansen, Professorin für Medienmanagement an der IU Internationale Hochschule. Falsche Informationen würden genutzt, um Parteien in ihrer Haltung zu stärken und die Demokratie zu schwächen.
Auch Ahmad Mansour leidet unter den Folgen von Angriffen auf Social Media. Seit 2004 lebt er in Berlin und engagiert sich in der Präventionsarbeit gegen Antisemitismus und Islamismus. Für sein öffentliches Eintreten für seine Werte ist er massiven Anfeindungen ausgesetzt. Wiederholt hatte etwa Ahmed Abed, Rechtsanwalt und Mitglied der Partei Die Linke, Mansour mit Worten wie „rassistischer Islam-Hasser“ (Twitter, November 2021) diffamiert. Mansour ging zwar rechtlich erfolgreich gegen die Angriffe vor, wie der BR berichtete. Jedoch sieht sich Mansour dauerhaft Drohungen und Beleidigungen ausgesetzt.
Im Februar 2022 wurde der gebürtige arabische Israeli mit der Prüfung schwerer antisemitischer Vorwürfe in der arabischen Redaktion der Deutschen Welle beauftragt. Infolge dessen entließ der Rundfunksender mehrere Mitarbeiter. Mansour erhielt daraufhin Morddrohungen. Seit Jahren kann er sich nur noch unter Personenschutz in der Öffentlichkeit bewegen.