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Islamismus-Debatte bei Anne Will: Frau gegen Frau

Nach den islamistisch motivierten Anschlägen in Boston und London hat Anne Will in dieser Woche über die Gefahr durch radikale Muslime diskutieren lassen. Die Debatte lief ins Leere: Zwölf Jahre nach dem 11. September sind alle Argumente ausgetauscht. 

Von PRO

Foto: ARD/NDR Anne Will

Die Nachrichtenlage hatte es im Grunde geboten: Nach dem Mord an einem Soldaten in London und den Bombenexplosionen in den USA nutzte Anne Will einmal mehr die Chance, eine verlässlich Zuschauer einbringende Islam-Debatte zu führen. Zur Sendung „Allahs Krieger im Westen – Wie gefährlich sind radikale Muslime?” hatte die Moderatorin die Innenpolitiker Thomas Oppermann (SPD) und Joachim Herrmann (CSU) an einen Tisch geholt, ebenso wie die zum Islam übergetretene Schweizerin Nora Illi, die Soziologin Necla Kelek und den Politologen Asiem El Difraoui. Neues förderte die Runde allerdings nicht zu Tage. Es scheint, als seien, knapp zwölf Jahre nach den Anschlägen des 11. September, alle Argumente zum Thema längst ausgetauscht.

So wünschte sich Herrmann entsprechend den jüngsten Einlassungen des Bundesinnenministers Hans-Peter Friedrich (CSU) die Möglichkeit schnellerer Ausweisungen Radikaler. „So wie wir uns einig sind, dass die NPD verboten werden muss, so müssen wir uns auch einig sein, dass gewaltbereite islamistische Vereine verboten werden”, erklärte er weiter. Oppermann hingegen führte aus, in Deutschland seien bisher weit mehr Menschen durch islamophobe und rechtsextremistische Menschen zu Tode gekommen, als durch Islamisten. „Wenn wir über Muslime immer nur im Kontext potentieller Terrorismusgefahren diskutieren, dann weisen wir den Muslimen eine randständige Rolle in der Gesellschaft zu”, sagte der SPD-Politiker. Gerade das mache junge Muslime zu leichten Opfern islamistischer Rattenfänger. Dem schloss sich Difraoui an und forderte koordinierte Präventionsarbeit statt Ausweisungen. Der Dschihadismus sei „eine irregeleitete Sekte im Islam”, stellte er klar und warnte mit Blick auf rechtskonservative Gruppen wie „Pro NRW”: „Rechtsextreme und Salafisten haben eine Interessenkoalition gebildet.” Je mehr sie polarisierten, desto mehr Anhänger generierten sie.

„Kein Ehrenmord, keine Beschneidung, keine Zwangsverheiratung”

Nun sind das alles keine neuen Argumente und wäre da nicht die 29-jährige vollverschleierte Frauenbeauftragte des islamischen Zentralrats der Schweiz, Nora Illi, gewesen, der Zuschauer hätte den Fernseher an diesem Punkt getrost ausschalten können. Die Konvertitin und ehemalige Punkerin aber erklärte allein durch ihre Anwesenheit, was eigentlich das Problem mit dem radikalen Islam in Deutschland ist: Wir verstehen ihn nicht. Niemand in der Runde vermochte sich wohl zu erklären, warum die mittlerweile vierfache Mutter vor Jahren vom Katholizismus zum Islam übergetreten ist, den Islam als weltweit verfolgt betrachtet und einst mit ihrem Verein den salafistischen Prediger Pierre Vogel in die Schweiz einlud. Und jeder wollte ihr wohl gerne glauben, als sie sagte: „Jeder, der zur Gewalt aufruft und Gewalttaten beschönigt, muss bestraft werden.” Die Boston-Attentäter seien mehr politisch fanatisiert denn religiös motiviert gewesen. „Im Islam gibt es keinen Ehrenmord, keine Beschneidung und keine Zwangsverheiratung”, sagte sie. Und ihre Kinder dürften selbstverständlich einmal frei wählen, welcher Religion sie angehören wollten. Doch etwas stimmt nicht an dem Bild einer Burka-tragenden Frau, die sich für Frieden ausspricht, ihre Religion zugleich aber als Opfer einer weltweiten Verschwörung sieht und damit ebenso argumentiert, wie Dschihadisten es tun, wenn sie ihre Gewalttaten rechtfertigen.

Um das zu sehen, brauchte es in der Sendung keine Necla Kelek, die nicht nur das wortgetreue Verständnis des Koran geißelte, sondern einmal mehr die Muslimvereine in Deutschland für ihre mangelnde Distanzierung von Gewalt kritisierte. Viele Muslime seien nicht integrationsbereit, man vergesse die vielen Ehrenmorde, es gebe eine falsch verstandene Toleranz gegenüber sich radikalisierenden Muslimen – das alles sagte sie nicht zum ersten Mal und das macht die Argumente nicht weniger richtig. Mehr als eine Debatte über Sexualkunde in der Schule, Islamunterricht und die Beschneidung im Islam wünschte man sich am Dienstag bei Anne Will aber ein Gespräch unter vier Augen: Nora Illi und Will selbst, die sich über ihr Leben austauschen. Auf der einen Seite die offen homosexuelle Karrierefrau, auf der anderen Seite die sich verhüllende, konservative, streng dem Islam folgende einstige Rebellin, die von sich sagt, sie habe sich schon immer mit Religion beschäftigt und auch bewusst entschieden, sich als 7-Jährige katholisch taufen zu lassen. Denn am Ende geht es doch weniger um Ausweisungen von Straftätern und Aussteigerprogramme für radikale Jugendliche. Es geht darum, ob wir überhaupt verstehen können, warum sich jemand freiwillig einer religiösen Richtung anschließt, die ihm grundlegende Freiheiten raubt – und am Ende vielleicht das Leben von ihm fordert. (pro)

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