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Islamforscher: Integrationsprobleme nicht nur auf Religion schieben

Der Professor für islamisch-theologische Studien an der Frankfurter Goethe-Universität, Bekim Agai, hat davor gewarnt, soziale Probleme mit Muslimen ausschließlich mit deren Religion zu begründen. Bei der Suche nach Lösungen könne das in die Irre führen, berichtet die Regionalzeitung Darmstädter Echo.
Von PRO
Integrierte Muslime in Deutschland fallen laut Professor Agai nicht auf und werden deshalb nicht mit dem Islam assoziiert
Integrierte Muslime in Deutschland fallen laut Professor Agai nicht auf und werden deshalb nicht mit dem Islam assoziiert
In den Augen von Bekim Agai spielen beim Thema Integration auch andere Faktoren als Religion eine Rolle. Der 40-jährige Professor für islamisch-theologische Studien weist darauf hin, dass in der Gesellschaft viel schneller negativ assoziierte Bilder, etwa von vollverschleierten Frauen, als repräsentative Elemente des Islam wahrgenommen würden. Bei Muslimen ohne religiöse Merkmale falle der Glaube auf den ersten Blick nicht auf. Deswegen werde der Islam auch nicht mit diesen in Verbindung gebracht. „Auch Muslime sind soziale Wesen und werden von ihrem Umfeld geprägt“, analysiert Agai. Als Beispiel gibt er einen 12-jährigen muslimischen Schüler an. Wenn sich dieser gegen seine Lehrerin auflehne, werde der Ursprung des Problems häufig im Frauenbild des Islam gesucht. Wahrscheinlicher sei aber, dass der Widerstand gegen die Autorität aus seinem pubertierenden Wesen herrühre. Im Gespräch könnte dieses Missverhalten korrigiert werden. Der Frankfurter Professor hält die historischen „Kulturkämpfe“ zwischen Islam und Christentum für „Vereinfachungen“. Als Gegenbeispiel gab er die Bündnisse zwischen orientalischen Christen und Muslimen bei den Kreuzzügen an, die gemeinsam für die Befreiung Jerusalems kämpften: „Historisch gesehen ist der Islam plural und nicht einseitig dogmatisch angelegt.“ Der Islam habe sich nur heute mit „modernen totalitären Konzepten“ wie dem Nationalismus oder Faschismus verbunden. Agai meinte damit repressive Systeme wie den Irak unter Diktator Saddam Hussein oder die Terrororganisation Islamischer Staat.

Verkürzung der Problemanalyse

Der Geschäftsführer des Arbeitskreises Religionsfreiheit der Deutschen Evangelischen Allianz, Thomas Schirrmacher, sieht in Agais Argumentation ein Logikproblem. „Ja, man soll Probleme nicht auf rein religiöse Fragen oder eine Religion verkürzen“, sagte Schirrmacher gegenüber pro. Aber bei Professor Agai bedeute es dann, dass die gesellschaftlichen Probleme gar nichts mit Religion zu tun hätten. Indem Agai auf die soziale Umwelt verweise, verkürze er die Analyse der Probleme. Zur sozialen Umwelt der Muslime gehörten nicht nur, aber auch ihre Religion und Weltanschauung. „Es ist sehr richtig und wichtig, zu betonen, dass es nicht nur Konfrontation zwischen Islam und Christentum in der Geschichte und in der Gegenwart gibt“, sagte Schirrmacher. Aber Agai spare die Gegenseite aus. Es gebe in der Realität das Zusammenwirken von Christen und Muslimen für den Frieden. Ebenso gebe es aber auch die Konfrontation zwischen beiden Glaubensrichtungen in Ländern wie Nigeria oder auch in deutschen Flüchtlingsunterkünften. Dass viele Muslime in Deutschland gut integriert seien, ändere nichts an der Tatsache, dass es eine Minderheit gebe, die es nicht sei und es vielleicht auch gar nicht sein wolle. Schirrmacher betonte, dass die Probleme nur gelöst werden könnten, wenn alle Facetten eines Konflikts offen und ehrlich angesprochen werden.

Dreijahresstudie zu Muslimen in Deutschland

In dem im März erschienenen Buch „Gott näher als der eigenen Halsschlagader“ beschreibt die Ethnologin Susanne Schröter ihre Beobachtungen, die sie drei Jahre lang in einer muslimischen Gemeinde in Wiesbaden machte. Sie untersuchte besonders, wie der Glaube das Leben der Menschen in dieser Zeit geprägt hat. „Vor allem junge Muslime sind heute radikaler als zu Beginn des Forschungsprojekts“, sagte Schröter der Deutschen Presse-Agentur (dpa). Die Ethnologin unterhielt sich mit 137 frommen Muslimen aus 15 religiösen Einrichtungen. Ihrer Erkenntnis nach gebe es nicht den einen Islam, sondern riesige Unterschiede. Die Vielfalt reiche von Frauen, die kein Deutsch sprechen, bis hin zu erfolgreichen Unternehmensberatern. Schröter zeigte sich beunruhigt, dass sich in den drei Jahren während ihrer Beobachtungen so viele junge Muslime radikalisiert hätten. Diese erzählten ihr, dass sie lieber „charismatischen“ salafistischen Predigern als „langweiligen“ Moschee-Imamen zuhörten. „So treiben sie einen ultraorthodoxen, in weiten Teilen sogar fundamentalistischen, Islam voran“, sagte Schröter. Jugendarbeit mit schon sehr jungen Muslimen und viel Kommunikation sieht sie als möglichen Lösungsansatz. Die Professorin für Arabistik und Islamwissenschaft, Verena Klemm, fordert in diesem Zusammenhang eine differenzierte Auseinandersetzung mit dem Islam. Sie zitierte gegenüber der dpa eine Studie der Bertelsmann-Stiftung von 2015. Danach identifizierten sich nahezu alle hier lebende Muslime mit Deutschland und teilten die gesellschaftlichen Grundwerte. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/weltweit/detailansicht/aktuell/wir-muessen-den-islam-europaeisch-praegen-95535/
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