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Islam, Judentum, Christentum – alles inklusive

Christen und Juden gehören genauso zu Deutschland wie Muslime. Diese Meinung vertraten hochrangige Religionsvertreter am Montag in Berlin. Ihre demonstrative Einigkeit störte der Soziologe Detlef Pollack. Seinen Forschungsergebnissen zufolge ist die deutsche Gesellschaft vor allem skeptisch gegenüber dem Islam.

Von PRO

Foto: Iwan Gabovitch (flickr/CC BY 2.0)

Muslime, Juden, Christen – ja auch Buddhisten und Hindus – sie alle gehören zur Bundesrepublik, folgt man den Worten des Generalsekretärs des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer. Im Jüdischen Museum in Berlin stellte er sich gemeinsam mit der Kulturbeauftragten des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, Petra Bahr, und dem Vorsitzenden des Zentralrats der Muslime in Deutschland, Aiman Mazyek, der Frage: Gibt es eigentlich eine Religion, die nicht dazugehört? Nein, lautete die einstimmige Antwort der Religionsvertreter. "Die Muslime gehören dazu, und auch der Islam", sagte Bahr. Mazyek nannte den Gedanken eines Ausschlusses bestimmter Religionen ein "armseliges Identifikationsspiel ohne historisches Wissen". Die Identität Europas setze sich aus jüdischen, christlichen und muslimischen Kräften zusammen.

Dass die "Edelvariante des religiösen Dialogs", wie Bahr das Zusammentreffen an diesem Abend scherzhaft nannte, damit nicht das Denken ihrer Basis repräsentiert, machte Detlef Pollack, Professor für Religionssoziologie an der Universität Münster, deutlich, indem er auf eigene Forschungsergebnisse zum Thema aus dem Jahr 2010 verwies. Eine positive Haltung gegenüber Muslimen hat in Deutschland demnach nur rund ein Drittel der Bevölkerung. Über 80 Prozent verknüpfen mit dieser Religion eine Benachteiligung der Frau, über 60 Prozent Gewaltbereitschaft. Friedfertigkeit und Toleranz verbinden unter zehn Prozent der Deutschen mit dem Islam. Laut Pollack ist die Ablehnung in der Bundesrepublik damit zwei bis drei Mal so stark ausgeprägt wie in anderen europäischen Ländern. Pollacks Erklärung: Die Ablehnung hängt damit zusammen, dass die wenigsten tatsächlich Kontakt zu Muslimen haben. Während sich die Kulturen etwa in Frankreich eher vermischten, sei das in Deutschland seltener der Fall. In diesem Sinne forderte Bahr mehr interreligiöse Begegnungsräume.

Laut Pollack ist die Kirchenzugehörigkeit von rund 95 Prozent in den 50er Jahren auf nun ungefähr 60 Prozent geschrumpft. Die Konfessionslosen machten 30 Prozent der Bevölkerung aus, allein die Muslime 5 Prozent. Aus dieser Entwicklung entstünden vor allem zwei Herausforderungen: Erstens müsse das Religionsrecht weiterhin ein friedliches Zusammenleben garantieren. Zweitens seien die Religionsgemeinschaften selbst gefordert, tolerant miteinander umzugehen.

Kampflinien zwischen Extremisten und Gemäßigten

In diesem Zusammenhang zeigte sich Mazyek empört über den Verlauf der Beschneidungsdebatte in Deutschland. Er sprach von "Grenzüberschreitungen" in Form von Beleidigungs-E-Mails und -briefen, die er erhalten habe. Die Diskussion sei geprägt gewesen von "sehr viel Polemik und wenig Wissen". Die "Dämme" seien vor allem bei jenen gebrochen, "die eine Chance gesucht haben, um Juden und Muslime als Barbaren darzustellen" und jenen, "die meinen, Frieden in unserem Land herrscht erst dann, wenn wir alles Religiöse aus ihm verbannt haben", sagte Mazyek. Extremisten, da ist er sich sicher, gebe es auch unter Atheisten. Die "Kampflinien" der Gesellschaft verliefen nicht etwa zwischen religiösen Gruppen sondern zwischen Extremisten und Gemäßigten jeder Façon.

Laut Bahr hat die Debatte gezeigt, dass religiöse Fragen in die Öffentlichkeit gehörten und nicht allein von Gerichten entschieden werden sollten. Schockiert sei sie allerdings über die Presseberichterstattung gewesen. Viele Journalisten hätten nicht einmal zwischen der Beschneidung von Jungen und der Genitalverstümmelung von Mädchen unterschieden. Sogar die Praxis der Kindstaufe sei zeitweise mit der Beschneidung verglichen worden. Stephan Kramer lobte das solidarische Zusammenstehen der Religionsgemeinschaften in dieser Frage. Überrascht habe ihn die "Welle von Kindeswohlverfechtern", die quasi über Nacht aufgetaucht sei, sich vor der Beschneidungsdebatte aber nie zu Wort gemeldet hätte.

Auch Pollack gab zu Bedenken, in der Debatte seien rationale Argumente instrumentalisiert worden. Wichtig sei nun, dass die Religionsgemeinschaften öffentlich gute theologische Gründe für ihre Praktiken lieferten. Der Religionssoziologe richtete zuletzt noch eine Forderung an die Kirchen: Um die Nähe zum Volk nicht zu verlieren, sollten sie es nicht scheuen, auch einmal anzuecken. In Richtung der Medien appellierte er an eine ausgewogene Berichterstattung: Es sei notwendig, in der Öffentlichkeit nicht immer dieselben Vorurteile gegenüber Religionen zu bemühen. Oft trügen die Medien nicht gerade dazu bei, "dass sich die Toleranz zwischen den Religionsgemeinschaften steigert". (pro)

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