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ISIL, ISIS oder IS ?

Über den „Islamischen Staat“ sind in der westlichen Welt verschiedene Namen im Umlauf. Sie sind Ausdruck von Selbstverständnis oder Mittel zur Abgrenzung.
Von PRO
Viele Namen, eine Terrormiliz: Für den „Islamischen Staat“ sind eine Reihe von Bezeichnungen im Umlauf.

Foto: Oleg_Zabielin, fotolia

Viele Namen, eine Terrormiliz: Für den „Islamischen Staat“ sind eine Reihe von Bezeichnungen im Umlauf.
Das Weiße Haus spricht von ISIL, die New York Times zieht den Namen ISIS vor, der Élysée-Palast verwendet die Bezeichnung DA‘ESCH, in Deutschland ist IS geläufig: Immer ist jene Terrorgruppe gemeint, die den Nahen Osten seit Monaten mit Tod und Terror überzieht und Ende Juni ein Kalifat ausgerufen hat: der „Islamische Staat im Irak und in (Groß-)Syrien“ (ISIS), oder wie sich die Terroristen heute nennen: der „Islamische Staat“ (IS). Das Begriffswirrwarr hat nicht zuletzt auch die Gruppe selbst verursacht. Denn mit ihrer Entwicklung von einem Al-Qaida-Ableger im Irak mit regionalem Wirkradius zu einer Terrormiliz mit einer eigenen Agenda, die für sich beansprucht, den globalen Dschihad anzuführen, gingen einige Namensänderungen einher, die das veränderte Selbstverständnis der Gruppe widerspiegeln.

Name im Fluss

Einer breiten Öffentlichkeit ist die Terrorgruppe als ISIS oder ISIL bekannt geworden. Im Deutschen lässt sich ISIS auf zweierlei Weise übersetzen: „Islamischer Staat im Irak und in Syrien“ oder „Islamischer Staat im Irak und Al-Scham“. Der arabische Name „Al-Scham“, im Deutschen oft auch mit „Großsyrien“ oder „Levante“ wiedergegeben, ist eine Anspielung auf die Provinz „Land Syrien“ (Bilad al-Scham) in den Kalifaten des Frühislams. Gemeint ist damit in der Regel das Gebiet westlich des Zweistromlandes bis hin zum Mittelmeer , wo sich heute Syrien, der Libanon, Israel, die palästinensischen Autonomiegebiete und Jordanien befinden. Die Terrorgruppe, die sich seit 2006 als „Islamischer Staat im Irak“ (ISI) bezeichnet hat, fügte 2013 „Al-Scham“ in ihren Namen ein, nachdem die Terroristen ihr Kampfgebiet auf Syrien ausgeweitet hatten. Mit der arabischen Gebietsbezeichnung erklärt sich auch der Begriff ISIL, der anstatt „al-Scham“ den im Westen bekannteren Namen „Levante“ gebraucht. Der Name kommt aus dem Italienischen „levare“ (aufgehen) und meint das „Land des Sonnenaufgangs“, das „Morgenland“: Im weiteren Sinne alle Mittelmeergebiete östlich von Italien, im engeren Sinne das Gebiet sowie das Hinterland der östlichen Mittelmeerküste. Der Begriff „Levante“ kommt damit sowohl der arabischen Bezeichnung als auch dem Selbstverständnis der Islamisten näher als „Syrien“, das zumindest für deutsche Ohren auch den Staat und nicht Großsyrien meinen kann. Moderne Staaten sind für die Terrormiliz bedeutungslos. Das gilt nicht nur für den in seiner Existenz oft in Frage gestellten Staat Israel, sondern auch für die arabischen Staaten, die als Folge westlichen Kolonialismus‘ angesehen werden. Nicht zuletzt deshalb haben sich diese Staaten in eine Militärkoalition mit den USA begeben, um die Terroristen zu bekämpfen. Und auch der Iran, mit vielen arabischen Staaten verfeindet und mit einem angespannten Verhältnis zu den USA, ist im Kampf gegen die Terrormiliz auf der Seite der Koalition und hat auch eine Zusammenarbeit in Aussicht gestellt. Soldaten der Islamischen Republik sind bereits in den vergangenen Wochen gegen die Terroristen im Irak vorgegangen.

Weltweiter Anspruch

Die Vorstellung eines Herrschaftsanspruchs jenseits moderner Staatsgebilde festigten die Islamisten begrifflich am 29. Juni, dem ersten Tag des Fastenmonats Ramadan, mit der Ausrufung eines Kalifats unter dem Namen „Islamischer Staat“. Mit der neuen Bezeichnung unterstreichen die Terroristen, dass sie sich nicht auf ein bestimmtes Gebiet wie die Levante festlegen lassen wollen, sondern Weltgeltung für sich beanspruchen. Entsprechend forderten sie Muslime weltweit auf, sich dem IS-Anführer Abu Bakr al-Baghdadi als neuem Kalifen, nun mit dem Namen Ibrahim, unterzuordnen. Wer ihm folgt, „wird die Erde besitzen“, verkündeten die Islamisten. „Ost und West werden sich euch unterwerfen.“ In Gebieten, die der IS erobert, seien alle „Emirate, Gruppen, Staaten und Organisationen“ in ihrer Legitimität hinfällig. Die meisten europäischen Medien und Regierungen, so auch Deutschland, folgten der Umbenennung. Die amerikanische Regierung blieb, ebenso wie die britische, bei der Bezeichnung ISIL. Offenbar wollten sich die Amerikaner unbeeindruckt geben von der Ausrufung des Kalifats. „Wir haben Ankündigungen dieser Art schon zuvor gehört“, sagte die außenpolitische Sprecherin Jen Psaki. Der neue Name berge „keine neuen Informationen“. Der Schritt sei für die Menschen im Irak und in Syrien „bedeutungslos“. Er zeige lediglich das „wahre Gesicht der Organisation und ihr Bedürfnis, Menschen durch Angst und Verordnungen zu kontrollieren“.

Abkürzung als Schimpfwort

Eine europäische Ausnahme bei der Bezeichnung der Terrorgruppe bildet der französische Präsident François Hollande. Dieser verwendet seit Mitte September den Begriff DA‘ESCH, die arabische Version von ISIS, die in arabischen und israelischen Medien geläufig ist. Ausgeschrieben steht DA‘ESCH für „Al-Daula al-Islamija fi l-Irak wa-l-Scham“. Der französische Außenminister Laurant Fabius lieferte für die neue Sprachregelung eine Erklärung: „Es ist eine Terroristengruppe und kein Staat. Ich rate davon ab, die Wendung ‚Islamischer Staat‘ zu gebrauchen, weil sie die Grenzen zwischen Islam, Muslimen und Islamisten verschwimmen lässt.“ Auf den ersten Blick erscheint diese Begründung sinnlos, denn DA‘ESCH bezeichnet mit „Al-Daula al-Islamija“ genau das, was nicht gesagt werden soll: „Islamischer Staat“. Die Umbenennung ist aber aus zweierlei Gründen interessant: Im Französischen erinnert die Aussprache an das wenig rühmliche Wort „dèche“ (Pleite). Und für die Islamisten ist die Abkürzung ein Dorn im Auge, weil diese offenbar allzu verächtlich ausgesprochen wird. Sie verlangten eine respektvolle Aussprache des vollen Namens und drohten, demjenigen die Zunge abzuschneiden, der die Abkürzung verwendet. Das berichteten Bewohner der irakischen Stadt Mossul gegenüber „Associated Press“. Außerdem soll die Abkürzung in Teilen der arabischen Welt zu einem Schimpfwort geworden sein: DA‘ESCHI bezeichnet inzwischen als Adjektiv einen Fanatiker. Die Gegner des „Islamischen Staats“ in der muslimischen Welt bemühen sich indes mit ihren Namensvorschlägen um Distanzierung: Der ägyptische Großmufti Schawki Allam hat den Begriff QSIS in die Runde geworfen: „Al-Qaida-Separatisten im Irak und in Syrien“. Und britische Imame schlugen Mitte September in einem Brief an den britischen Premier David Cameron einen neuen Namen vor, den die Medien in Zukunft verwenden sollten: „Unislamischer Staat“, oder kurz UIS. (pro)
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/detailansicht/aktuell/missverstandene-scharia-89699/
https://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/weltweit/detailansicht/aktuell/begriffswirrwarr-is-isis-oder-isil-89560/
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