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IS-Rückkehrer: „Du bist entweder tot oder tot“

Ebrahim B. ist der erste inhaftierte Rückkehrer, der öffentlich über seine Zeit beim Islamischen Staat (IS) auspackt. Er will, dass „die Wahrheit ankommt“.
Von PRO
Erstmals führten mehrere Medien ein Interview mit einem deutschen Inhaftierten, der von der Terrorgruppe Islamischer Staat zurückkehrte

Foto: Oleg_Zabielin, fotolia

Erstmals führten mehrere Medien ein Interview mit einem deutschen Inhaftierten, der von der Terrorgruppe Islamischer Staat zurückkehrte
Der 26-jährige Tunesier Ebrahim B. wurde in Deutschland geboren. Seinen Schulabschluss machte er in seinem Heimatland. Als Jugendlicher kam er zurück, rutschte wegen fehlender Sprachkenntnisse auf Hauptschulniveau ab. Eine Ausbildung als Massagetherapeut schloss sich an. Ein paar kleine Vorstrafen, ein paar Drogen und ein bisschen Alkohol – B.s Biografie scheine in das Bild eines „Syrien-Reisenden“ zu passen, schreibt die Süddeutsche Zeitung (SZ), die mit ihm ein Interview führte. Auch der NDR und der WDR sind dabei, als der junge Muslim über den IS spricht. Das Interview in einem niedersächsischen Gefängnis, das nicht genannt werden darf, findet unter hohen Sicherheitsvorkehrungen statt. Ein Ansteckmikrofon habe B. nicht tragen dürfen, schreibt die SZ. Man habe ihn nicht berühren dürfen. B. ist der erste Deutsche, der wegen seiner Mitgliedschaft beim IS im Gefängnis sitzt, und über die Terrororganisation aussagen wird. In zwei Wochen beginnt sein Prozess vor dem Oberlandesgericht in Celle. Drei Monate lang war er Mitglied der Gruppe. Er sei durch falsche Versprechungen zum IS gelockt worden, sagt der Angeklagte. Vier Frauen und teure Autos habe ihm sein Anwerber Yassin Oussafi versprochen. Der Name sei den Behörden bekannt, heißt es in dem Artikel. Oussafi soll beim IS eine herausgehobene Position als Scharia-Richter inne haben. B. und seine Freunde trafen ihn damals in der Ditib-Moschee am Wolfsburger Hauptbahnhof und fingen Feuer.

Deutsche Einheit „Verfassungsschutz“

Als er am 28. Mai 2014 mit seinem Freund Ayoub B. in Hannover in das Flugzeug in Richtung Türkei steigt, denken seine Eltern noch, er wolle nach München, um als Freiwilliger beim Roten Kreuz zu helfen. Es sei nicht schwer gewesen, die Grenze von der Türkei nach Syrien zu passieren. „Die türkischen Behörden haben nichts dagegen gehabt. Uns wurde gesagt, an der Grenze spazieren türkische Soldaten, ihr braucht keine Angst zu haben, die schießen nur nach oben, die wissen, wer ihr seid, und sind dabei.“ B. bestätige damit einen Verdacht, den viele in der Bundesregierung bereits teilten. B.s Erzählungen über die Zeit im Lager des IS bestätigen diverse Berichte über die Grausamkeit und Brutalität der Terroristen. Die Anordnung für die Rekruten habe gelautet, „mit größter Brutalität vorzugehen und keine Gefangenen zu machen, Ungläubige müssten ‚geschlachtet‘ werden, alle.“ Dem 26-Jährigen fiel auf, dass viele Deutsche in einer Einheit, die sich „Verfassungsschutz“ nenne, das Sagen haben. Wegen seiner SPD-Mitgliedschaft sei er beinahe als Spion verdächtigt worden. Er habe nur überlebt, weil sein Anwerber für ihn gebürgt habe. B. saß bereits in einer Art Todeszelle, musste eine Hinrichtung mit anhören. Die geköpfte Leiche habe der IS anschließend zu ihm in die Zelle geschafft – zur Abschreckung. „Wenn man die Augen aufmacht, sieht man, dass es falsch ist. Man sieht, dass es mit dem Islam nichts zu tun hat. Aber die jungen Leute haben ja keine Ahnung“, sagt B. heute. Anschließend habe er sich, wie jeder erfolgreiche Rekrut, entscheiden müssen, ob Kämpfer oder Selbstmordattentäter werden möchte. B. wählte letztere Variante. „Kurz gesagt, wenn du dahin kommst, bist du entweder tot oder tot“, sagt er über das Lager. So wie alle anderen Attentäter auch kam er dann in eine Villa ins irakische Falludscha. Das Haus ist den deutschen Behörden als „Selbstmörderhaus“ bekannt.

„Ich habe das Bedürfnis, vieles zu erklären“

Obwohl ihm Pass und Handy abgenommen wurden, fand der Wolfsburger wieder aus dem Lager hinaus. Er behauptete, seine kleine Schwester, die sich auch von IS habe rekrutieren lassen wollen, befinde sich verletzt in einem türkischen Krankenhaus. Um sie zu besuchen, bekam er eine Genehmigung in die Türkei zu reisen. B. nutzte die Möglichkeit zur Flucht. Deutsche Behörden gingen deshalb nicht davon aus, dass B. gezielt vom IS nach Deutschland zurückgeschickt worden sei. Die Frage, ob er tatsächlich bereits für den IS kämpfte, will B. erst in der Hauptverhandlung beantworten. Im Interview sagt er aber, warum er zu reden begann: „Ich habe das Bedürfnis, vieles zu erklären. […] Ich möchte, dass die Wahrheit ankommt. Deshalb bin ich heute hier, um mich vom IS zu distanzieren. Das sage ich ganz deutlich.“ Und er sagt: „Gefängnis in Deutschland ist mir viel lieber als Freiheit in Syrien. Da können Sie sich ja vorstellen, wie schrecklich das war.“ Der Politikwissenschaftler Peter Neumann, Professor am Londonder King‘s College, erklärt: „Wir haben in Europa darauf gewartet, dass es solche Leute gibt. In Deutschland ist es jetzt der erste. Ich hoffe, dass sein Beispiel auch andere dazu bewegt, ihm nachzufolgen.“ Die Stadt Wolfsburg sei ein „Brennpunkt für die Islamisten-Szene“, schreibt die SZ. Seit 2013 sollen sich mindestens 20 junge Männer auf denselben Weg wie B. gemacht haben. Viele Bekannte von B. kämpften immer noch in Syrien und im Irak. Mindestens sieben sind angeblich bereits tot, zwei sollen sich als Selbstmordattentäter in die Luft gesprengt haben. Sein Freund Ayoub B. muss sich ebenfalls vor dem Oberlandesgericht Celle für seine IS-Mitgliedschaft verantworten. (pro)
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