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„In den Gesetzen der Religion gefangen“

Das Leben von Blair Brodie schien vorherbestimmt: Als sie drei Monate alt war, schlossen sich ihre Eltern den Zeugen Jehovas an. Was dies für sie und ihre Entwicklung bedeutete und wie sie den Ausstieg dennoch schaffte.
Von PRO

Foto: jehovaszeugen.de / pro

Blair Brodie genießt vor allem die durch den Ausstieg bei den Zeugen Jehovas neu gewonnenen Freiheiten. Der Glaube an den baldigen Weltuntergang prägte ihre Zeit in der Sekte. Den Untergang überleben nur Sekten-Anhänger, so die Philosophie der Zeugen Jehovas. Sie investieren deswegen viel Zeit in ihr Bibelstudium und die Missionierung anderer, zeigt ein Portrait, das die Tageszeitung Die Welt am Freitag veröffentlichte. Sie lehnen Bluttransfusionen sowie die Teilnahme an Geburtstagen und an Wahlen ab. Wer die Religion verlässt, wird von den anderen gemieden.

In ihrer neuen Heimat im süddeutschen Ravensburg ist Brodie nach ihrem Ausstieg in einer anderen Welt angekommen. Wichtig war ihr, dass diese neue Welt weit weg von ihrer alten Heimat Salisbury (USA) und dem alten Umfeld ist, meint sie im Gespräch mit der Welt. Sie fühlte sich in den Gesetzen der Religion gefangen. Auch die Absonderung von den anderen Kindern belastete sie damals: „Irgendwie war alles für mich entschieden.“

Funktionieren wie eine Maschine

Die Teilnahme am Bibelkreis und den Gemeindeversammlungen sowie die wöchentliche Missionsarbeit waren auch für die Kinder verpflichtend. „Wenn man sich gegen die Religion entscheidet, ist man eine Enttäuschung für die Eltern“, zitiert die Zeitung Gregorio Smith, der den Dokumentationsfilm „Truth to be told“ über Aussteiger gedreht hat. Brodie lässt sich mit 14 Jahren taufen. Ihre Eltern nehmen sie ein Jahr später von der Schule, damit sie keinen Kontakt zu Jungs in ihrem Alter bekommt.

Nach dem Highschool-Abschluss, den sie von zuhause aus macht, beginnt sie als Versicherungsagentin zu arbeiten. Die Arbeit wird zu einem Zufluchtsort außerhalb der Religion. Denn sogar bei der Partnerwahl mischen ihre Eltern mit. Die erste, widerwillig eingegangene Ehe geht in die Brüche. Doch sie bleibt in dem System, das einen hohen Erwartungsdruck an sie stellt „und in dem sie wie eine Maschine funktionieren muss“.

Der Druck belastet sie so sehr, dass sie im Februar 2008 versucht, sich umzubringen. Als dies misslingt, wird ihr klar, dass sie den Glauben verlassen muss. Mit 27 Jahren ergriff sie die Kontrolle über ihren eigenen Körper, beschreibt Welt-Autorin Sonja Gillert. Gerne möchte sie auch anderen helfen, die sich für einen Ausstieg entscheiden.

„Lieber tot, als nicht Jehova zu dienen“

Familiär hat dies extreme Konsequenzen. Ihren Eltern ist es lieber, „dass Sie tot ist, als dass Du Jehova nicht dienst“. Eine Bekannte hilft Brodie in der neu gewonnenen und ungewohnten Freiheit. Doch nicht alles ist jetzt gut: „Das Schlimmste ist, dass ich jetzt keine Eltern mehr habe“, sagt sie. Die Eltern hatten eine Kontaktaufnahme zunächst vollständig abgelehnt, mittlerweile schreiben sie sich aber wieder unregelmäßig Kurznachrichten. Brodie hat klare Pläne für die Zukunft: Sie möchte Autorin werden. Ihr erstes Buch soll von ihrem Leben bei den Zeugen Jehovas erzählen.

In Deutschland gehören den Zeugen Jehovas nach eigenen Angaben rund 160.000 Menschen an. Nach einem Rechtsstreit wurden sie 2006 zunächst in Berlin und später in anderen Bundesländern als Kirche des öffentlichen Rechts anerkannt. Sowohl im Nationalsozialismus als auch in der DDR litten die Anhänger der Zeugen Jehovas unter Verfolgung und Unterdrückung. (pro)

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