In den letzten fünf Jahren hat das „Deutsche Institut für Menschenrechte“ einen stetigen Anstieg der Betroffenenzahlen von Menschenhandel verzeichnet. Im Jahr 2024 wurden in diesem Bereich außerdem so viele Ermittlungsverfahren an die Staatsanwaltschaft übergeben wie noch nie seit Beginn der Erfassung im Jahr 2020. Das erklärt das Institut in einem „Monitor Menschenhandel in Deutschland 2026“, der vor allem Daten über die Jahre 2023 und 2024 enthält und sich auf Quellen wie das BKA oder die LKAs bezieht, aber auch auf Informationen von Beratungsstellen oder Hilfetelefonen.
Trotz der höheren Zahl an Verfahren ist die Anzahl der identifizierten Betroffenen im europäischen Vergleich gering, räumen die Experten ein. In den Verfahren sind am häufigsten Deutsche unter den Opfern, gefolgt von Menschen aus Südost- und Osteuropa, etwa Rumänien, Bulgarien, Ungarn oder der Ukraine. Auch Menschen aus Südost- und Ostasien seien verstärkt betroffen, etwa aus China, Thailand oder Vietnam. Ein in Folge des Kriegs gegen die Ukraine vermuteter Anstieg von Betroffenen mit ukrainischer Staatsbürgerschaft zeichne sich allerdings in den meisten Datenquellen nicht ab.
Die häufigsten Formen des Menschenhandels sind laut Bericht sexuelle Ausbeutung, aber auch Arbeitsausbeutung, etwa auf dem Bau, in der Pflege, aber auch im Hotel- und Gaststättengewerbe. Im Bereich der Prostitution sind 90 Prozent der Betroffenen weiblich. Bei der Arbeitsausbeutung seien hingegen meist Männer betroffen.
Viele Betroffene bleiben unsichtbar
Laut Naile Tanis, Leiterin der „Berichterstattungsstelle Menschenhandel“, wandten sich im Jahr 2024 rund drei Personen pro Tag an Hilfestellen, die Ermittlungsbehörden suchten etwa zwei Menschen pro Tag auf. Dabei blieben viele Betroffene unsichtbar, weil sie sich keine Hilfe suchten. Die Dunkelziffer sei so hoch, dass man eigentlich nicht genau wisse, wie viele Fälle es tatsächlich gebe.
Tanis kritisierte, dass viele Betroffene nach wie vor zu wenig Unterstützung erhielten. Sie forderte etwa bundesweite Mindeststandards, um Betroffene zu erkennen und sie an die richtigen Stellen zu verweisen. „Es fehlt an einheitlichen Regeln“, sagte sie bei der Vorstellung des Berichts am Donnerstag. Auch in der Polizeiausbildung werde zwar zunehmend, aber immer noch zu wenig Wissen zum Thema vermittelt.
Positiv hob sie hervor, dass das Angebot der Fachberatungsstellen gewachsen sei – ebenso wie aber auch die Fallzahlen. Deshalb gebe es nach wie vor viel zu wenige Schutzunterkünfte für Betroffene, insbesondere von Arbeitsausbeutung.
Mehr Prävention, auch an Schulen
Beate Rudolf, Direktorin des Instituts, forderte weitere konkrete Maßnahmen, um die Lage der Betroffenen zu verbessern. So müssten alle von ihnen bundesweit Zugang zu Unterstützungsangeboten haben, etwa durch Schutzwohnungen oder Beratungsstellen. Auch dazu brauche es einheitliche Mindeststandards für die Identifizierung von Opfern und die Verweisung an Fachberatungsstellen.
Das Institut hob auch hervor, dass es mehr Präventionsarbeit in Schulen und Kinder- und Jugendeinrichtungen brauche, um Eltern und Verantwortlichen klarzumachen: Wo beginnt Ausbeutung? Denn nicht alle Opfer von Menschenhandel kämen aus dem Ausland. Es seien in großer Zahl auch deutsche Kinder und Jugendliche betroffen.