Filmkritik

Im Internet betrügt es sich leichter

Mit gefälschten Videos im In Internet, erpresserischen Anrufen und Fake-Onlineshops verdienen Betrüger viel Geld. Der Arzt Eckart von Hirschhausen geht dem in einer Doku nach – denn er taucht selbst in gefälschten Videos auf.
Von Jonathan Steinert
Hirschhausen und die Deepfake-Mafia

Glaube nicht alles, was du siehst! Das ist wohl eine der wichtigsten Regeln, wenn man online unterwegs ist. Bilder mit Photoshop manipulieren, Motive und Personen einfügen oder herausschneiden ist ein alter Hut. Mittlerweile ist es ein technisches Kinderspiel, mithilfe von Künstlicher Intelligenz auch Videos zu fälschen, sodass sie täuschend echt aussehen. Deepfakes nennen sich diese Werke, die sowohl Bild als auch Ton manipulieren und dann für echt ausgeben. So lassen sich Prominenten beliebige Worte in den Mund legen, oder deren Gesichter in Videos einbauen, die Menschen beim Sex zeigen.

Die TV-Moderatorin Collien Fernandez berichtete im „Spiegel“ kürzlich, wie sie Opfer „virtueller Vergwaltigungen“ wurde, und sorgte damit dafür, dass das Problem mehr öffentliche Aufmerksamkeit erhält. Auch das Gesicht der italienischen Ministerpräsidentin Giorgia Meloni tauchte schon in Deepfake-Pornos auf, aktuell kursieren KI-Bilder von ihr in Dessous. Die Liste ließe sich lang fortsetzen. Unter anderem mit dem Namen Eckart von Hirschhausen, der auf diese Weise vermeintlich für ein Potenzmittel wirbt.

Der Mediziner ist vielen Menschen durch seine Bühnenprogramme und Fernsehsendungen bekannt. In der aktuellen ARD-Dokumentation „Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“ deckt er auf, welche perfide Betrugsmaschinerie hinter den manipulierten Videos steckt, die ihn zu zeigen vorgeben. Videos, in denen er zum Beispiel Medikamente empfiehlt, die angeblich gegen Bluthochdruck oder andere Herzbeschwerden helfen sollen, gegen Rheuma oder Übergewicht. Videos, in denen er auch in journalistischen, eigentlich seriösen Settings zu sehen ist. Nur dass seine Stimme digital geklaut wurde und plötzlich etwas ganz anderes sagt als im Original. Selbst die Lippenbewegungen sind nahezu perfekt synchronisiert.

Betrüger nutzen Arglosigkeit aus

Die Doku fördert Erschreckendes zutage. Da sind zum einen die Opfer, die auf die Anzeigen hereinfallen und viel Geld verlieren, weil sie der Empfehlung des Fake-Hirschausen vertrauen und die Mittel online bestellen – schließlich kennen sie ihn als seriösen Vertreter seiner Zunft aus dem Fernsehen. Eine Betroffene gibt zu: Hätte da irgendjemand anderes von diesem Medikament erzählt, hätte sie es nie bestellt. Es ist im Grunde eine Version des Enkel-Anruf-Tricks. Nur geben sich die Betrüger hier nicht als Verwandte aus, die dringend Geld benötigen. Stattdessen muss ein als glaubwürdig angesehener Mediziner als Lockvogel herhalten.

Hirschhausen ist nicht der einzige, dem das geschieht. Von dem prominenten Arzt Dietrich Grönemeyer gab es ebenfalls schon vergleichbare Videos. In der Doku kommt auch der Internist und Ernährungsmediziner Matthias Riedl zu Wort, der ebenfalls schon juristisch versuchte, gegen Fake-Videos mit sich vorzugehen.

Erschreckend ist zudem, wie die Täter die Arglosigkeit, das Alter und die gesundheitliche Bedürftigkeit der Opfer ausnutzen. Und wie präzise sich aus den digitalen Spuren, die Nutzer beim Klicken, Suchen und Surfen im Internet hinterlassen, die Bedürfnisse potentieller Kunden ermitteln lassen. Konzerne wie Meta, der hinter Plattformen wie Facebook und Instagram steht, verkaufen solche Datensätze, damit andere ihre Inhalte dort zielgenau ausspielen können.

Alles prüfen

Die Doku beleuchtet das Problem aus verschiedenen Facetten, nimmt die Folgen für die Opfer in den Blick, ebenso wie die begrenzten Möglickeiten, juristisch und politisch dagegen vorzugehen. Sie hilft damit, das digitale Risikobewusstsein zu schärfen. Denn der Film macht deutlich: Im Netz sollte niemand seinen Sinnen trauen. Auch was noch so echt aussieht, kann eine Fälschung sein. Umso wichtiger ist es, Informationen und Anzeigen genau zu prüfen: Wer ist die Quelle, wer steckt dahinter und ist das, was man sieht, eigentlich plausibel?

Wer online unterwegs ist, sollte außerdem immer gewahr sein, dass er sich anhand seiner Daten entblößt. Das lädt zu Missbrauch ein, vor dem man sich nur bedingt schützen kann. Vor allem aber gilt: Glaube nicht alles, was du siehst.

„Hirschhausen und die Deepfake-Mafia“, in der ARD-Mediathek und am 18.6. im WDR-Fernsehen

Helfen Sie PRO mit einer Spende
Bei PRO sind alle Artikel frei zugänglich und kostenlos - und das soll auch so bleiben. PRO finanziert sich durch freiwillige Spenden. Unterstützen Sie jetzt PRO mit Ihrer Spende.

Ihre Nachricht an die Redaktion

Sie haben Fragen, Kritik, Lob oder Anregungen? Dann schreiben Sie gerne eine Nachricht direkt an die PRO-Redaktion.

PRO-App installieren
und nichts mehr verpassen

So geht's:

1.  Auf „Teilen“ tippen
2. „Zum Home-Bildschirm“ wählen