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„Ich spüre ihren Schmerz“

Millionen Menschen im Nahen Osten sind auf der Flucht vor Krieg, Gewalt und Verfolgung. Schutz finden Hunderttausende, darunter unzählige Christen, im kurdischen Nordirak. Ein Berliner Psychotherapeut hat dort ein einzigartiges Netzwerk von Behandlungszentren für Folteropfer und schwer Traumatisierte aufgebaut.
Von PRO
Es sind Tränen der Erschöpfung und Erleichterung, die diese junge Syrerin verbirgt. Auf der Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg hat sie mit ihrem erst wenige Wochen alten Säugling gerade die kurdische Grenze überquert
Es sind Tränen der Erschöpfung und Erleichterung, die diese junge Syrerin verbirgt. Auf der Flucht vor dem syrischen Bürgerkrieg hat sie mit ihrem erst wenige Wochen alten Säugling gerade die kurdische Grenze überquert
Über Salah Ahmads Schreibtisch hängt ein mit Wachsstiften gemaltes Bild: Ein lila-schwarzes Boot treibt auf dem Wasser. Die Sonne steht hoch am hellblauen Himmel. Am Mast weht die Ala Rengîn, die Nationalflagge Kurdistans, sie zeigt eine goldene Sonne auf rot-weiß-grünem Grund. Eine achtjährige Patientin hat das fröhliche Bild am Ende ihrer Therapie angefertigt. Sie wurde behandelt, weil sie mit ansehen musste, wie irakische Polizisten unter Saddam Hussein ihre Mutter an den Haaren durch das ganze Haus zogen und schwer misshandelten. Salah Ahmad kennt tausende solcher Patienten. Der Berliner leitet die Jîyan-Stiftung für Menschenrechte, die er 2005 als Zentrum für Traumabewältigung in Kirkuk im Norden des Irak gründete. Mit seinem Team behandelt der Psychotherapeut schwer Traumatisierte – Opfer von Gewalt, Folter und Krieg. Regelmäßig pendelt der gebürtige Iraker zwischen Deutschland und der Autonomen Region Kurdistan – seiner Heimat. „Dieses Land kennt nur Gewalt“, sagt er. Jahrzehntelang litten im Irak hunderttausende Menschen unter Saddam Husseins totalitärem Regime. Heute sind Millionen auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg im benachbarten Syrien oder den Terrorschwadronen des Islamischen Staates (IS). Seit 2011 suchten fast 300.000 Syrer Asyl in Kurdistan – die meisten sind Christen und syrische Kurden. Mehr als zwei Millionen Iraker sind zudem Flüchtlinge im eigenen Land. Mit seinen Mitarbeitern kümmert sich Salah Ahmad um die Überlebenden schwerster Menschenrechtsverletzungen bis hin zum Genozid. „Menschen, denen die Ohren oder die Hälfte der Zunge abgeschnitten wurden“, sagt der Therapeut. Für das Interview hat er auf einem Sofa in seinem Berliner Büro Platz genommen. Hinter ihm an der Wand hängt ein geknüpfter Teppich aus dem Orient. Wenn der Mittfünfziger spricht, weicht sein Blick nicht von seinem Gegenüber. Es scheint, als erfassten seine Augen das kleinste Detail. Viele Flüchtlinge, vor allem Angehörige ethnischer und religiöser Minderheiten, haben Familienmitglieder verloren oder wurden Zeugen unvorstellbarer Gräuel. Noch schlimmer ergeht es den Frauen. Die IS-Kämpfer versklaven und verkaufen, schlagen und vergewaltigen sie. Die Dschihadisten „schlachten die Menschen wie Schafe“, sagt Ahmad. Wer solche Grausamkeiten erlebt, dessen Seele nimmt Schaden. Manche können nicht mehr schlafen, andere werden depressiv oder leiden unter Panikattacken, wieder andere werden selbst gewalttätig, zum Beispiel gegenüber der eigenen Familie. Als Jugendlicher musste Ahmad in seiner Heimat mit ansehen, wie Familien zerbrachen, weil die Ehemänner nach jahrelangen Haftstrafen in Foltergefängnissen nicht mehr dieselben waren. Ahmad floh in den 80er Jahren selbst aus dem Irak. „Sonst wäre ich nicht mehr am Leben“, sagt er. In Deutschland fand er Zuflucht, dafür ist er noch heute dankbar. Rasch lernte er die Sprache und studierte unter anderem Psychologie und Soziologie. Weil er etwas zurückgeben wollte, engagierte er sich ehrenamtlich für Amnesty International. 1992 fand er im gerade eröffneten Behandlungszentrum für Folteropfer Berlin (bzfo) eine Anstellung. Hilfsangebote wie diese gab es damals für die abertausenden Betroffenen in seiner Heimat nicht. 2005 exportierte Ahmad das Konzept des bzfo in den Irak. „Das Wort ‚Folter‘ war unter Saddam verboten“, erklärt Ahmad. Er aber habe es gezielt benutzt, „damit die Menschen sich wieder trauen, über ihre traumatischen Erlebnisse zu sprechen“. In Kirkuk eröffnete er die landesweit erste Therapieeinrichtung zur Behandlung Traumatisierter nach Folter und Gewalterfahrungen.

Geschichten wie im Gruselfilm

Schnell sprach sich herum, welch gute Arbeit Ahmads Team dort leistete. Aus dem Ausland, unter anderem von der Bundesregierung, aber auch den beiden großen Kirchen und verschiedenen christlichen Werken in Deutschland kamen Anfragen, im Norden des Iraks weitere Behandlungszentren einzurichten. Im Kurdengebiet öffneten zusätzliche Einrichtungen mit deutscher Unterstützung, später ein im Irak einzigartiges Traumazentrum für Kinder sowie ein Programm für Überlebende von Giftgas-Angriffen in Halabja. Allein an zwei Tagen im März 1988 kamen in dem Ort nahe der iranischen Grenze durch den massiven Einsatz von Senfgas durch die irakische Armee fast 5.000 Menschen um. Im Zuge der Expansion wurde das Kirkuk-Zentrum in „Jîyan Stiftung für Menschenrechte“ umbenannt. „Jîyan ist das kurdische Wort für Leben.“ Ein kurdischer Name klinge nicht nur vertrauter. Die neue Bezeichnung betone auch stärker die positiven Aspekte der Arbeit. „Mit dem Namen verbinden die Traumatisierten vor allem Hoffnung“, sagt Salah Ahmad. Im März hat die Jîyan-Stiftung die inzwischen neunte Therapieeinrichtung im Nordirak eröffnet. Zusätzlich hat die Organisation mehrere mobile Teams im Einsatz, um auch Betroffene in abgelegenen Gegenden zu erreichen. Denn wer traumatisiert ist, kann unter Umständen das Haus nicht mehr verlassen. „Die Menschen vernachlässigen sich, weil sie überfordert sind“, sagt Ahmad. „Man muss als Behandelnder viel Geduld haben“, erklärt der Therapeut. Viele der Patienten wollten nicht mehr reden. Ein 21-Jähriger sei wochenlang in der Gewalt des IS gewesen. 40 Menschen seien in dem Haus, in dem er gefangen gehalten wurde, enthauptet worden. Der junge Mann habe nach den Morden immer das Blut wegwischen müssen. Am Ende wurde er befreit, war aber nicht mehr er selbst. „Wie eine leblose Hülle“, sagt Ahmad und zeigt auf die transparente Verpackung des Diktiergerätes vor ihm auf dem Tisch. Seine Seele sei zerstört gewesen. Viele der Geschichten der Patienten gleichen einem Gruselfilm.

Kurdistan als Vorbild für religiöse Toleranz

Mehr als 13.000 Menschen, davon fast 8.000 syrische Flüchtlinge, sind in Ahmads Zentren bereits behandelt worden. Die Gräuel des IS sind ein neues Phänomen, auf das die Mitarbeiter nicht vorbereitet waren. Der Therapeut erzählt die Geschichte einer jungen Jesidin, die von ihrer dreijährigen Tochter getrennt wurde. Die IS-Terroristen vergewaltigten die Frau und verkauften sie mehrfach untereinander weiter. Sie geriet an einen medikamentenabhängigen Kämpfer, der ihr immer wieder androhte, sie zu erschießen. Als er im Rausch unaufmerksam war, griff sich die Frau seine Pistole und feuerte mehrmals auf ihn. Dann lief sie davon. Ob ihr Peiniger tot ist, weiß sie nicht. Ihre Tochter ist verschwunden. Sie will zurückgehen, um sie zu suchen, auch wenn sie das das Leben kosten könnte. Angesichts solcher Grausamkeiten fühlt sich selbst der erfahrene Therapeut manchmal ohnmächtig: „Ihr Schmerz ist so groß, dass ich selbst auch Schmerzen bekomme.“ Viele der Mitarbeiter in den Therapiezentren im Irak hielten nicht länger als ein Jahr aus. Ahmad hingegen arbeitet seit 23 Jahren mit Folteropfern. Rückhalt geben ihm seine dänische Frau und die drei Söhne. Für viele Angehörige ethnischer oder religiöser Minderheiten wurde die Autonome Region Kurdistan zum Zufluchtsort – „ein Paradies sozusagen“, erklärt Salah Ahmad. Schon immer habe das friedliche Mit- und Nebeneinander in Kurdistan funktioniert. Armenische, assyrische, chaldäische und syrische Christen, Muslime, Jesiden, Juden, Baha‘i, Zoroastrier, Shabak, Hakka, Sabaiten, Kaka‘i – er kann gar nicht alle Religionsgemeinschaften aufzählen. Einige davon gebe es nur in Kurdistan. Allein in seiner Schulkasse waren acht Religionen vertreten, „und wir haben in Ruhe gelernt“, erinnert er sich. Der Vater eines guten Freundes war christlicher Pfarrer. Oft ist Ahmad mit zu ihm nach Hause gegangen und hat mit ihm gemeinsam die Hausaufgaben gemacht oder gelernt. Nie hätten Ahmads Eltern gefragt, warum er mit in die Kirche gehe. Vielmehr hätten sie ihn Respekt gelehrt, „für das, was der andere glaubt“. Über das, was er selbst heute glaubt, spricht Ahmad nicht. Über seine Heimat sagt er: Ihre Identität zögen die Menschen in Kurdistan nicht in erster Linie aus ihrer Religion, sondern aus ihrer Nationalität. Seit Jahrtausenden seien die Kurden im heutigen Irak, in Syrien und der Türkei unterdrückt worden. „Das hat sie zusammengeschweißt.“ Für Salah Ahmad ist Kurdistan ein Modellprojekt für den Nahen Osten. „Das Pflänzchen Kurdistan ist jetzt groß gewachsen, aber es muss mit aller Kraft beschützt werden und darf nicht eingehen.“ Salah Ahmad blickt auf das Bild über seinem Schreibtisch. „Wissen Sie, was eine gute Sache ist?“, fragt er. Das erste Bild des Mädchens, das sie zu Beginn der Therapie in einer Sitzung gemalt hatte, sei ganz düster gewesen. „Wenn Sie ein Jahr lang mit einer Person arbeiten und am Ende sehen Sie, dass sie wieder lächelt, wieder Hoffnung hat, dann ist das ein großes Geschenk“, und weiter: „Solche Geschichten geben uns die Kraft weiterzumachen.“ (pro) Dieser Bericht ist dem Christlichen Medienmagazin pro (Ausgabe 2/2015) entnommen. Bestellen Sie kostenlos und unverbindlich unter der Telefonnummer 06441/915151, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.
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