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„Ich schwebe nicht mehr haltlos im leeren Raum“

Als Siebenjährige kam sie mit einem Kindertransport nach England und entging so der Judenvernichtung. Ihre Eltern wurden in Polen von den Nazis ermordet. In ihrem Buch „Meine Krone in der Asche“ schildert Hanna Zack Miley, wie sie sich die Vergebung als Ausweg aus der Verbitterung aneignete. Eine Rezension von Elisabeth Hausen
Von PRO
Das Buch „Meine Krone in der Asche” schildert die Spurensuche der Autorin nach ihrer Herkunft

Foto: Fontis Verlag

Das Buch „Meine Krone in der Asche” schildert die Spurensuche der Autorin nach ihrer Herkunft

Wer seine Eltern und damit seine Herkunft kennt, hat Grund zur Dankbarkeit. Dies ist eine Erkenntnis aus der Lektüre des Buches „Meine Krone in der Asche“ von Hanna Zack Miley. Als die Jüdin sieben Jahre alt war, setzten ihr Vater und ihre Mutter sie in Köln in einen Zug und beglückwünschten sie zu einer abenteuerlichen Reise. Sie wusste weder, dass die Fahrt in England enden würde, noch dass es ein endgültiger Abschied war und sie später nach Informationen über ihre Eltern lechzen würde.
Englische Familien nahmen sich der Deutschen liebevoll an. Doch sie war aufmüpfig, weil sie nicht verstand, was mit ihr und um sie herum geschah. Nach dem Krieg erfuhr sie vom Tod ihrer Eltern: „Es war 1945, und ich befand mich im dreizehnten Lebensjahr, als der Brief vom Roten Kreuz eintraf, der mich über das Schicksal meiner Eltern informierte. Ich las die Worte, aber ich verweigerte mir jede emotionale Reaktion darauf. Ich konnte die Bitterkeit nicht herunterschlucken. Meine Eltern waren tot. Ich verschloss mein Herz und wandte mich ab. Hinter der inneren Barrikade, die ich in mir errichtete, glaubte ich mich geschützt vor dem unerträglichen Schmerz meines Verlustes.“
Diese Barrikade hatte sie, wie sie viel später feststellte, bereits bei der Abreise in Köln errichtet. Als sie ihren Eltern zum Abschied zuwinken wollte, sah sie, dass sie weinten. Da habe sie eine schreckliche Vorahnung überkommen. Im Gegensatz zu anderen Kindern hielt sie ihre Gefühle zurück. „Ich erinnere mich noch lebhaft, wie ein Erwachsener die Kinder ermahnte, sich zu beruhigen, und auf mich als Vorbild wies. In Wirklichkeit war ich nur damit beschäftigt, mich in mir selbst zu vergraben und dem Trauma zu begegnen, indem ich meine Gefühle unterdrückte. So entstand ein Muster, das mich in den kommenden Jahren prägen würde.“
Eine Aufarbeitung war nach dem Krieg vorerst nicht möglich: „Von therapeutischen Gesprächen, Trauerarbeit oder auch nur der Ermutigung dazu, der Traurigkeit Ausdruck zu geben, war in jener traurigen Zeit kaum jemals die Rede.“ Im Rückblick deutet sie ihr Verhalten in der Nachkriegszeit als Anzeichen für Depressionen. Sie wurde Lehrerin. Erst nach dem Studium erkannte sie, dass der Hass ihre Seele vergiftete – und dass letztlich Vergebung der einzige Weg aus der Verbitterung war. Doch sie konnte sich nicht vorstellen, den Unterdrückern zu vergeben. Der Heilungsprozess begann erst, als es ihr gelang, ihre Scham und die Reaktion auf das ihr angetane Unrecht bei Christus abzuladen.

Hausangestellte erzählt vom Passahfest

Heute lebt Hanna Zack Miley mit ihrem amerikanischen Ehemann in den USA. Das Buch beschreibt ihre Spurensuche in Deutschland und Polen. Geboren im Februar 1932, wuchs sie in einer Atmosphäre des zunehmenden Judenhasses auf. Geborgenheit vermittelte hingegen das Elternhaus in Gemünd in der Eifel. Ein Kapitel ist mit der Frage überschrieben: „Wer bin ich?“ Darin geht es auch um ihre wechselnden Vornamen: „Der offizielle Name auf meiner in Bonn ausgestellten Geburtsurkunde lautet Johanna Flora Zack. In Gemünd nannten mich alle Hannelore, ein üblicher deutscher Name. In meinem Fall war er vielleicht durch Zusammenziehung der Namen ‚Johanna‘ und ‚Flora‘ entstanden.“ In England wurde sie dann Hanna genannt, weil Hannelore den Engländern zu schwerfällig erschien.
Weiter schreibt sie über ihre Identität: „Bis zum Mai 1940 wurde Großbritannien von einer panischen Furcht vor Ausländern erfasst.“ Denn Deutschland hatte einen Großteil Europas mit dem Blitzkrieg überrannt. „Die Anglisierung deutsch-jüdischer Kinder inmitten eines solchen Gefahren ausgesetzten Volkes wurde stark gefördert, und so wurde ich zu Hanna.“ Sie wurde aufgefordert, die deutsche Vergangenheit zu vergessen. So sei die Wundfläche, die während der Reise ins Ungewisse entstanden war, mit einer neuen kulturellen Haut überzogen worden. „Die gärende Infektion darunter drang bisweilen unerwartet an die Oberfläche.“
Doch schließlich stellt sie sich ihrer eigenen Geschichte und erobert sie zurück, soweit dies nach all den Jahren möglich ist. Wenn sie etwas über ihre Angehörigen oder ihre Kindheit erfährt, ist das jedes Mal eine kleine Errungenschaft. So trifft sie nach Jahrzehnten bei einem Besuch in Gemünd eine ehemalige Hausangestellte der Familie, Lisbet. Diese „ergreift meine Hand und führt mich zurück in die Vergangenheit. Gleich wird sie meine Sehnsucht stillen, etwas über die Lebensweise meiner Eltern, ihre Eigenheiten, ihre Persönlichkeiten zu erfahren“, schildert die Autorin die erste Begegnung. Lisbet erinnert sich an bezeichnende Charakterzüge der Mutter. Außerdem erzählt sie von dem koscheren Haushalt und dem Passahfest in der Familie Zack.

Jüdischer Gedenkgottesdienst am Todestag der Eltern

Hannas Vater kam in den 1920er Jahren von Polen nach Deutschland. Was ihn dazu veranlasste, hat sie nie erfahren. Ein einziges Foto hat sie von ihm, da ist er mit anderen Mitgliedern des Schützenvereins abgebildet. Doch im Jahr 2000 sucht sie seinen Herkunftsort Torún auf und bittet eine Archivarin um Hilfe. Und dann hält sie die Geburtsurkunde ihres Vaters in Händen: „Wir betrachten die alte deutsche Handschrift mit zusammengekniffenen Augen. Dokument Nr. 161 vom 30. September 1878, Strasburg, unterschrieben vom Standesbeamten. Wir erkennen ‚Markus‘ und entdecken den Namen meiner Großmutter, ‚Caroline Zack, geb. Salomon‘. Mein Großvater Joseph Zack hat statt mit seinem Namen mit einem ‚X‘ unterzeichnet. Ein unwirklicher Moment. Ich habe Wurzeln; ich schwebe auf einmal nicht mehr haltlos im leeren Raum.“ Auch die Heiratsurkunde ihrer Großeltern bekommt sie zu sehen.
Später verfolgt sie den Weg ihrer Eltern während der Deportation – von Köln ins Ghetto Litzmannstadt (Lodz) und von dort nach Chelmno. Sie schaut in die Deportationslisten und vergewissert sich, am richtigen Ort zu sein. Die Eltern wurden in einem Gaswagen ermordet und anschließend im Wald vergraben. Später haben die Nazis die Spuren dieses Vernichtungslagers beseitigt, damit ihre Verbrechen nicht aufgedeckt würden. Die Autorin wird begleitet von ihrem Ehemann und acht Freunden. Diese unterstützen sie nicht nur moralisch, sondern sorgen dafür, dass die bei Juden erforderliche Gruppe von zehn Betern in traditioneller Weise der Verstorbenen gedenken kann. Hier wird deutlich: Hanna Zack Miley, die sich in dem Buch deutlich zu ihrem christlichen Glauben bekennt, nimmt ihre Herkunft und die Überzeugungen ihrer Eltern ernst. Dort, wo sie starben, hält die Tochter am Todestag einen jüdischen Gedenkgottesdienst ab.
Während der Reise überlegt die Tochter immer wieder, wie es ihren Eltern wohl während der Deportation ergangen war oder ob sie ahnten, was ihnen bevorsteht. Dies und so vieles andere wird sie nie erfahren. Aber dennoch hat die Vergebungsbereitschaft ihr geholfen, sich mit ihrer eigenen Geschichte zu versöhnen und die Traumata ihrer Kindheit teilweise zu überwinden. Den schwierigen Weg dorthin, die Hindernisse und Errungenschaften, schildert sie in dem lesenswerten Buch. (pro)
Hanna Zack Miley, Meine Krone in der Asche. Der Holocaust , die Kraft der Vergebung und der lange Weg zur persönlichen Heilung, Fontis, 288 S., 15,99 Euro, ISBN 978-3-03848-010-5

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