Das christliche Medienmagazin

Ich bin dann mal off

Die Medienwelt entdeckt eine neue Langsamkeit. "Spiegel", "Wirtschaftswoche" und die "New York Times" schreiben über das Experiment, einfach mal offline zu gehen. Die Journalisten Alex Rühle und Christoph Koch füllen Bücher damit, ihr Leben ohne digitale Medien zu beschreiben. Ein Trend bricht sich Bahn.

Von PRO

Foto: OnlySequel/flickr

"Es ist eine übereilte Zeit, mit ewiger Hast, Nonstop-Präsenz und der symbiotischen Reiz-Reaktions-Beziehung zu komischen kleinen Geräten. Es scheint schwer, fast unmöglich, auszusteigen aus dem elektronischen Netz." So beschreibt die "Spiegel"-Autorin Susanne Beyer die Gegenwart – und sucht die Muße. Dazu mietet sie sich für zwei Stunden in einem Spa ein, lässt sich massieren, hört Musik, meditiert. Doch die Sehnsucht nach dem Blackberry lässt sie nicht los. Damit ist Beyer nicht alleine.

Studien belegen: 60 Prozent der amerikanischen Besitzer von mobilen E-Mail-Geräten lesen ihre Nachrichten laut "Spiegel" schon vor dem Aufstehen. Jeder Dritte bekommt an freien Tagen dienstliche Anrufe. Mehr als die Hälfte der deutschen Arbeitnehmer antwortet im Urlaub auf geschäftliche E-Mails. In der "Wirtschaftswoche" heißt es: Wer heute einen Internet-Anschluss besitzt, schaut sich am Tag privat rund 40 Webseiten an. Am Arbeitsplatz sind es deutlich mehr. Mehr als 56 Sekunden verbringt kaum jemand auf einer einzelnen Bildschirmseite. Studien zufolge besuchte ein Drittel der 18- bis 34-jährigen Frauen noch bevor sie morgens das Bad aufsuchten ihre "Facebook"-Seite, schreibt die "Welt am Sonntag. 50 Prozent der Befragten gaben an, online mehr Freunde zu haben als im wahren Leben.

Medientrend Ausbruch

Es scheint im Trend zu liegen, auszubrechen. Alex Rühle, Kulturredakteur der "Süddeutschen Zeitung" schildert seine Erlebnisse im Buch "Ohne Netz: Mein halbes Jahr offline" auf 220 Seiten und stellt fest: Er ist süchtig nach dem Internet. In der "Welt am Sonntag" heißt es: "Rühles Buch hätte die Aufmerksamkeit verdient, weil sein Buch eine kluge Selbstbeobachtung und Selbstbefragung ist: Bin ich wirklich süchtig nach dem Netz? Kann ich ein halbes Jahr offline sein?" Die meisten haben zumindest Schwierigkeiten mit dem Lebenswandel. So auch der Journalist Christoph Koch. In seinem Buch "Ich bin dann mal offline" testet er, wie sich das Leben, Freundschaften, die Arbeit und das Selbstbild verändern, wenn "Facebook" und Co. nicht mehr erreichbar sind. Sein Buch erscheint am 26. Juli bei RandomHouse, Rühles ist bei Klett erhältlich.

Auch der Autor Gary Shteyngart versucht sich am Leben "ohne". In der "New York Times" beschreibt er, wie er auf einer Wiese im Park sitzt, die Vögel "twittern" (zu deutsch zwitschern) hört und versucht ein Buch zu lesen: "Mein daten-überfluteter Kopf ist von der Dichte und Länge (256 Seiten? Wie viele Bildschirme würde das füllen?) verwirrt." Weiter schreibt Shteyngart: "Aus Instinkt versuche ich fast, auf die eingefassten Seiten zu drücken, in der Hoffnung, dass etwas aufpoppen wird, ein Link zu etwas Einfachem und Leichtgängigen."

Auch wenn das etwas überspitzt sein mag – die "Wirtschaftswoche" berichtet, dass sich permanente Mediennutzung, wie im modernen Alltag üblich, negativ auf die geistigen Fähigkeiten der User auswirkt. So besage eine Studie der Stanford-Universität, dass Menschen, die chronisch multitasken, nur noch schwer Wichtiges von Unwichtigem unterscheiden können und die Fähigkeit verlieren, schnell zwischen simultanen Aufgaben zu wechseln. Wissenschaftler des Londoner King’s College warnten, wer ständig seine E-Mails checke, erreiche mit seinen kognitiven Fähigkeiten schon bald ein Niveau, das noch unter dem von Marihuana-Rauchern liege. So schreibt der "Wirtschaftswoche"-Autor: "Ich bin davon überzeugt: So, wie es in der Dialektik unserer Existenz das Böse geben muss, damit sich das Gute manifestieren kann, braucht es in unserer technisch hoch vernetzten Welt wieder ein totales Offline, damit das Online weiterhin Nutzen stiften kann."

Schneller, aber nicht effizienter

Eine weitere Studie belegt auch dies: Obwohl Smartphones, Videokonferenzen und E-Mails die Arbeit schneller machen, wird sie nicht effizienter. Laut "Wirtschaftswoche" testete der Sozialpsychologe Gregory Northcraft 200 Studenten in Illinois. Er teilte sie in zwei Gruppen auf und ließ die einen für die Realisierung eines Projekts nur via E-Mail und Video kommunizieren. Die anderen arbeiteten in regelmäßigen Treffen an der Aufgabe. Das Ergebnis: Die erste Gruppe blieb weiter hinter dem Potential der zweiten zurück, ihre Motivation sank schneller, ihre Zusammenarbeit funktionierte schlechter und ihr gegenseitiges Vertrauen nahm immer mehr ab.

Ähnliches schreibt der "Spiegel": Wer die Kommunikationstechnik nutze, verändere sich. "Er passt seinen Lebensrhythmus den Geräten an und spürt kaum noch, dass er langsamer und weniger kreativ arbeitet." Auch die ständige Ablenkung durch digitale Geräte habe seinen Preis: So sollen Angestellte in den USA 28 Milliarden verplempern, weil sie sich ständig ablenken ließen. Das koste Firmen jährlich 588 Milliarden Dollar. Ein weiteres Problem: Die Grenzen zwischen Privatem und Geschäftlichem würden immer fließender. "Ein Verhängnis", scheibt der "Spiegel". "Wenn alle immer und überall erreichbar sind, gibt es keine Freizeit mehr, keine Muße."

Und so wird die neue Langsamkeit zum Trend – und zwar zum luxuriösen. Laut "Spiegel" erhebt der Lifestyle-Ausstatter "Manufactum" einen neuen Computer, der möglichst wenig kann, zum Modell der Zukunft. US-amerikanische Hotels bieten Urlaub, garantiert ohne Funk- und Internetverbindung, an und sogar kirchliche Angebote wie meditative Gebetstreffen und Klosteraufenthalte boomen. Für Berufsgruppen wie Journalisten oder auch Politiker, kommt das freilich kaum in Frage. Im "Spiegel"-Interview bekennt etwa Familienministerin Kristina Schröder: "Ich stelle das Handy nie aus. Das würde mich zu sehr beunruhigen." (pro)

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