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Hochschule für Jüdische Studien expandiert

Die Hochschule für Jüdische Studien (HfJS) in Heidelberg hat am Mittwoch ihren Neubau eingeweiht.  Politiker und Wissenschaftler würdigten das Institut, das vor 30 Jahren mit 16 Studenten seinen Lehrbetrieb aufgenommen hatte. Mittlerweile hat die Hochschule das Promotionsrecht und bildet auch Rabbiner, Kantoren und jüdische Religionslehrer aus.
Von PRO

Foto: Elisabeth Hausen/pro

Den Grundstein für den Neubau legte der baden-württembergische Ministerpräsident Günther Oettinger am 4. April 2008. Der Altbau war um 1900 als Bankgebäude errichtet worden und steht unter strengem Denkmalschutz. Nun stehen das alte Anwesen und der moderne Anbau nebeneinander und gehen ineinander über. Das Gebäude beherbergt alle Bereiche der Hochschule, die bislang in vier Häusern untergebracht waren. "Die beiden Bauwerke symbolisieren, dass im Judentum Neues nie ohne Bezug auf das Alte gelehrt werden kann", hieß es in einer Mitteilung des Zentralrates der Juden in Deutschland. "Für das Judentum in Deutschland bedeutet dies, dass es sich hier und heute erneuern muss – nicht ohne Gedenken an das Vergangene und Vernichtete, doch mit einem eigenen Gesicht."

Bei der feierlichen Einweihung sagte der Hochschulrektor Johannes Heil: "In den Grundstein dieses Hauses ist Psalm 118,22 eingeschrieben: ‘Der Stein, den die Bauleute verworfen haben, ist zum Eckstein geworden’. Nun ist über dem verworfenen Eckstein der neue Bau errichtet worden."

"Wissenschaftlich fundiertes Bild des Judentums"

Der baden-württembergische Wissenschaftsminister Peter Frankenberg (CDU) lobte die Hochschule, denn sie "mehrt das Wissen auf allen Gebieten der jüdischen Kultur und vermittelt ein wissenschaftlich fundiertes Bild des Judentums".  Die Einrichtung unter Trägerschaft des Zentralrates sei eine "Perle der deutschen Hochschullandschaft". Das Land sei stolz, Standort dieser wissenschaftlichen Einrichtung zu sein.

Salomon Korn, stellvertretender Vorsitzender des Zentralrates und Leiter des HfJS-Kuratoriums, befasste sich in seiner Ansprache mit dem Begriff "deutsch-jüdische Kultur". Dabei ging er auf die wechselhafte Geschichte der Juden in Deutschland ein. Nur wenn das Judentum spezifische Eigenschaften und Traditionen wahre, könne es Quelle von "Kulturproduktion" und Austausch mit anderen Kulturen sein. Korn kam zu dem Schluss: "Eine eigenständige, erneuerte jüdische Kultur wird nur wachsen, wenn sie nicht vorrangig danach schielt, aus fragwürdigen Nützlichkeitserwägungen heraus einen ihr wesensfremden Beitrag zur deutschen oder europäischen Kultur zu leisten. Allein durch Verwirklichung dieses Anspruches wird sie eine Bereicherung deutsch-jüdischer Kultur sein. Möge die Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg eines der Fundamente einer erneuerten deutsch-europäisch-jüdischen Kultur werden."

Dank an Altbundeskanzler Kohl

Der Verleger Hubert Burda hatte sich auf verschiedene Weisen bemüht, Spenden für das Bauprojekt zu erhalten. Als Vorsitzender des Aktionskomitees teilte er mit, dass private Mittel in Höhe von 2,15 Millionen Euro für Neubau und Ausstattung der HfJS eingeworben worden seien – dies entspricht einem Drittel des gesamten Bauvolumens.

Einerseits gab es die Möglichkeit, Patenschaften für Räume zu übernehmen die nach deutsch-jüdischen Geistesgrößen wie Albert Einstein, Heinrich Heine oder Hannah Arendt benannt sind. In der virtuellen Bibliothek können Interessierte andererseits Buchtitel für die Bibliothek auswählen. Der dritte Weg waren die Bau-Aktien, die Altbundeskanzler Helmut Kohl initiiert hatte. Er hat jede der 500-Euro-Aktien eigenhändig unterschrieben. Als "besonderen Dank" überreichte Burda die Nummer 1 der Bau-Aktie an dessen Ehefrau Maike Kohl-Richter.

Der Rektor der Universität Heidelberg, Bernhard Eitel, verwies auf die gute Zusammenarbeit zwischen den beiden Hochschulen. Ein Beispiel sei die neue "Ben-Gurion-Gastprofessur für Israel-Studien". Sie schlage eine weitere Brücke zwischen der Universität Heidelberg und der HfJS. Mit der Einweihung des Neubaus sei "der Traum Abraham Geigers, die Wissenschaft des Judentums an einer deutschen Universität zu etablieren, nach 140 Jahren endgültig Wirklichkeit geworden". Die HfJS "bereichert das Fächerspektrum unseres Wissenschaftsstandortes Heidelberg auf einzigartige Weise".

Oberbürgermeister Eckart Würzner sagte, die Hochschule symbolisiere "das neue Deutschland, das neue Heidelberg, das für Weltoffenheit, Toleranz und Wissenschaftsfreundlichkeit steht". Er erinnerte an einen Heidelberger Pfarrer, der sich mitten im NS-Regime auf die Seite der Juden gestellt hatte: "Wir sind glücklich – ganz im Sinne von Hermann Maas, der als klares Bekenntnis zu seinen jüdischen Freunden nach dem Novemberpogrom 1938 eine Mesusa als Zeichen der Zuflucht am Pfosten seiner Pfarrtür befestigte -, dass das für uns alle so wichtige jüdische Leben und jüdische Lehren in Heidelberg wieder ganz selbstverständlich geworden ist." Eine Mesusa ist ein kleines Kästchen, das Bibelverse enthält.

Paul Kirchhof: Lernen und Beten verbinden

Erstmals verlieh die HfJS bei der Feier einen Ehrendoktortitel. Diesen erhielt der frühere Rektor der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, Peter Hommelhoff. Die Laudatio hielt Paul Kirchhof. Der Geehrte habe seit langer Zeit den Dialog mit der jüdischen Kultur gesucht, sagte der Heidelberger Juraprofessor. Die Hochschule wolle "Lernen und Beten miteinander verbinden". Hommelhoff bezeichnete das Institut in seiner Dankesrede als "Geschenk vom Zentralrat". Er war von 2001 bis 2007 Rektor der Universität. Als Sprecher und Vizepräsident der Hochschulrektorenkonferenz setzte er sich für das Streben der HfJS nach mehr wissenschaftlicher Anerkennung ein. Im Jahr 2005 hatte ihn der Zentralrat mit dem Leo-Baeck-Preis ausgezeichnet.

Zum Abschluss der Feier brachte der Hochschulrabbiner Shaul Friberg eine Mesusa am Haupteingang an. Er wies darauf hin, dass beim bevorstehenden Laubhüttenfest "Sukkot" die Hütten keine Mesusa erhielten. Denn sie würden nur für eine Woche errichtet. Die Mesusa hingegen deute darauf hin, dass ein Gebäude immer jüdisch bleiben solle. Rabbi Friberg ist als Seelsorger für die Studenten der Hochschule und andere Heidelberger Studenten tätig. Auch bietet er Unterricht in jüdischem Denken und Traditionen an.

Seit 30 Jahren in Heidelberg ansässig

Die Hochschule für Jüdische Studien wurde 1979 in Heidelberg eröffnet. Sie sieht sich in der Tradition und Nachfolge der Wissenschaft des Judentums in Berlin, die 1939 von den Nazis geschlossen wurde, und des Jüdisch-Theologischen Seminars in Breslau. Die Hochschule hat einen Kooperationsvertrag mit der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg. Eine Zusammenarbeit gibt es beispielsweise mit der Theologischen und der Historischen Fakultät.

Zum neuen Wintersemester, das am 12. Oktober beginnt, sind etwa 150 Studenten eingeschrieben. Darunter sind Juden, Christen und Muslime. Die HfJS hat acht Professuren. Zu den Lehrfächern gehören Bibel und Jüdische Bibelauslegung, Talmud oder Geschichte des jüdischen Volkes. Juden können sich auch zum Rabbiner oder Religionslehrer ausbilden lassen. Der Neubau bietet Platz für 250 Studenten. Eine koschere Mensa und ein "Beit Midrasch" (Betraum) finden sich darin ebenso wie eine reichhaltige Bibliothek. Der Leitvers der Hochschule steht im Buch Josua, Kapitel 1, Vers 8. Dort heißt es mit Bezug auf die Torah: "Und du sollst darüber sinnen Tag und Nacht". (PRO)

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