Der in Australien geborene Historiker Christopher Clark ist ein Experte für Preußen und seine Königshäuser. Bereits Anfang der 1990er-Jahre stieß der Professor für Neuere Europäische Geschichte am St. Catharine’s College in Cambridge auf einen Fall, der ihm seitdem nach eigener Aussage nicht mehr aus dem Kopf ging. Nun hat er ein Buch darüber geschrieben: Es geht um zwei lutherische Pastoren in Ostpreußen. Ihre Geschichte, die zwischen 1835 und 1842 spielt, ist so etwas wie ein früher Medienskandal um Evangelikale.
Esoterik vermischt mit der Bibel
Diese Geschichte beginnt mit einem charismatischen Laienprediger namens Johann Heinrich Schönherr. Der aus Memel im heutigen Litauen geborene spirituell Suchende war als Kind nach Königsberg gekommen. Mit siebzehn Jahren beschloss er, Prediger zu werden. Das Studium brach er jedoch ab.
Auf einer Reise hatte er an einem Teich eine Erleuchtung. Beim Anblick von Seerosen auf dem Wasser fiel ihm auf, dass ihre Wurzeln nicht bis zum Boden reichten. Diese Wasserpflanzen lebten offenbar allein von Licht und Wasser. Was biologisch falsch ist, brachte ihn zu einer umfangreichen Lebensphilosophie; die drehte sich im Wesentlichen um Wasser und Feuer als universelle Gegensätze, die Ei-Form, Esoterik und Gott. „Im Lauf der Jahre sammelte sich eine selbst gesponnene Theosophie um diese Erkenntnis an, gestützt auf eine selektive Deutung der Heiligen Schrift“, erklärt Clark.
Schönherr scharte mit der Zeit eine begeisterte Anhängerschaft um sich. Vor allem Handwerker und Hafenarbeiter waren fasziniert davon. Clarks Buch ist unter anderem deshalb lesenswert, weil er das Geschehen stets in einen größeren historischen Kontext einordnet und zuweilen auch Parallelen zu unserer heutigen Zeit zieht. So auch hier: „Die damit verbundene Leichtgläubigkeit sollte uns in Anbetracht der großen Zahl an Menschen unserer Zeit, die bereit ist, allen möglichen abstrusen Theorien Glauben zu schenken, wenig überraschen.“
Anziehung auf Frauen
Ein junger Mann namens Johannes Wilhelm Ebel war ein eifriger Schüler Schönherrs. Allerdings war Ebel studierter protestantischer Theologe. „Ebel kam aus Passenheim (heute Pasym in Polen) im protestantischen, polnischsprachigen Masuren, einer Region, die für ihre Treue zur lutherischen Tradition und für ihre evangelikale Frömmigkeit und ihren sektiererischen Enthusiasmus bekannt war“, so Clark. Von Schönherrs Lehre war Ebel fasziniert, weil sie eine Brücke schlug zwischen Philosophie und Glauben. Die Verspottung der Religion war in der Theologie eher die Regel, den rationalistischen Lehren standen bald viele die Emotion betonende Erweckungsbewegungen gegenüber.
Ebel gewann besonders die Sympathie von Frauen. Der jungen Witwe Ida von der Groeben konnte Ebel aus einer tiefen langanhaltenden Trübsal helfen. „Im Kern ihrer Störung steckte die Besorgnis, dass ihr die Erlösung verwehrt bleiben werde, weil sie es nicht geschafft hatte, Gott vor allen Menschen und Dingen zu lieben“, so Clark. „Ebel vermittelte das Gefühl einer friedlichen und freudvollen Beziehung zu Gott.“ Die Wiederherstellung von Idas Gesundheit war eine Sensation und stellte einen Wendepunkt auch in Ebels Leben dar. Er verkehrte ab sofort in den Häusern der besten Familien der Provinz Preußen.
Auf Neid folgt Verleumdung
Schönherrs esoterische Philosophie wurde immer wirrer, bald verließen ihn die meisten seiner Anhänger. Er starb im Jahr 1826 in Armut. Doch in der Zwischenzeit hatte Ebel einen eigenen großen Kreis Gläubiger um sich geschart. Während die Kirchen der Stadt immer leerer wurden, strömten die Ebelianer in die Altstädtische Kirche, um dessen Predigten zu hören. Ein enger Freund und Anhänger Ebels war Georg Diestel, Prediger und Kaplan der Haberberg-Kirche in Königsberg. Beide Pastoren bildeten laut Clark eine Art Achse, welche die adlige und kaufmännische Elite der Stadtmitte mit den Handwerkern der Königsberger Vororte verband.
Christopher Clark: „Skandal in Königsberg. Eine Geschichte von Moral, Medien und Politik aus dem alten Preußen“, DVA, 224 Seiten, 25 Euro
Der Neid unter den Geistlichen der Stadt wuchs, die Abscheu gegen die improvisierten, theosophischen Lehren wurde stärker. Ebenso wie die Skepsis der staatlichen Verwaltung. Das Kultusministerium gab 1825 ein Rundschreiben heraus, das zur Unterdrückung jeglicher Formen des „Mysticismus, Pietismus und Separatismus“ aufforderte.
Es folgte eine Welle der Verleumdung gegen den Kreis um Ebel und Diestel. Abtrünnige berichteten vom „spekulativen Gerede über Wasser und Feuer“ und davon, dass sich Ebel selbst als Sondervermittler zwischen Christus und den Menschen betrachtete. Ebel soll seine Anhänger instruiert haben, sich sexuellen Lastern hinzugeben. Weiter hieß es, die Ebelianer würden glauben, dass der sexuelle Verkehr zwischen „geweihten“ Mitgliedern der Bewegung frei von Sünde sei. Einer behauptete, er habe „gehört“, dass es als Folge der freizügigen Exzesse in dem Kreis Todesfälle gegeben habe.
Die internationale Presse stürzt sich auf angebliche Sex-Sekte
Es folgte eine jahrelange Schlacht der Traktate und Pamphlete, schließlich ein Gerichtsverfahren. Clark: „Diese Streitigkeiten unter evangelikalen Fraktionen spielten sich vor dem Hintergrund einer vertieften Spannung zwischen evangelikalen und rationalistischen Formen des christlichen Glaubens und der Praxis ab.“
Die Presse stürzte sich auf den jahrelangen Skandal um die „Sex-Sekte“, er wurde zum beliebten Gesprächsthema der ganzen Stadt und des Landes. Die Autoren sogar internationaler Zeitungen ergötzten sich an immer fantasievolleren, erfundenen Beschreibungen der angeblich in der Gemeinde vollzogenen sexuellen Handlungen. Dabei gab es nie wirklich Beweise für die Behauptungen, stellt Clark fest. Dass religiöse Gruppen, die nicht der amtskirchlichen Norm entsprachen, aber als „Sekten“ verunglimpft wurden und ihnen sexuelle Exzesse vorgeworfen wurden, sei keine Seltenheit gewesen, so der Historiker.
Vom ostpreußischen Konsistorium über den Oberpräsidenten der Provinz, das Kultusministerium bis hin zur Justiz in Königsberg und Berlin – das Urteil gegen Ebel und seine religiöse Gruppe stand schon vor dem Verfahren fest. Am 15. August 1839, fast vier Jahre nach Beginn der Ermittlung gegen Ebel und Diestel, fiel das Urteil: Ebel wurde wegen der Gründung einer „illegalen Sekte“ für schuldig befunden; er musste sein Amt als Erzdiakon und Prediger für immer aufgeben und wurde kurzzeitig in eine Besserungsanstalt eingewiesen. Auch Heinrich Diestel wurde dauerhaft von seinem Amt als Prediger abgesetzt und von künftigen öffentlichen Ämtern ausgeschlossen.
Wissenswertes zum Pietismus in Preußen
Clark, der mit seinem Buch „Die Schlafwandler“ über den ersten Weltkrieg international erfolgreich war und auch mehrere Dokumentationen im ZDF moderierte, ordnet in dem wie immer gut lesbaren Buch das Geschehen in seinen geschichtlichen Kontext ein. „Das Ganze spielte in einer Zeit, als die politische Elite auf religiöse Brüche besonders empfindlich reagierte“, so Clark. „In den 1810er-, 1820er- und 1830er-Jahren mobilisierten Erweckungsbewegungen in ganz Preußen die Gläubigen in einer Weise, welche die Gefühle der offiziellen religiösen Gemeinschaften in Wallung brachte. Es blühte in den unzähligen Zwischenräumen religiöser Überzeugung und Praxis eine reiche Vielfalt exzentrischer Abwandlungen der Norm auf, bei denen die Glaubenssätze der anerkannten Lehre nahtlos mit dem Volksglauben, mit spekulativer Naturphilosophie und Pseudowissenschaft verschmolzen.“
Clark beschreibt zudem die Auswirkungen der Französischen Revolution auf Glaube und Kirche in Europa und streift die Geschichte des Pietismus in Deutschland. „Im frühen 19. Jahrhundert rollte Religion, einer spirituellen Energiewelle gleich, durch ganz Europa und drohte mitunter gar die unterliegende Struktur abzubrennen.“ Die tiefen Risse im religiösen Leben des frühen 19. Jahrhunderts erklären unter anderem, weshalb der Skandal um Ebel aus dem Jahr 1835 so sehr eskalierte.