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Hemminger: „Christen streiten zu viel“

Hansjörg Hemminger war fast dreißig Jahre lang in kirchlichen Ämtern mit Weltanschauungsfragen betraut. In einem neu veröffentlichten Buch beschäftigt er sich mit der evangelikalen Bewegung. Im Gespräch mit pro legt Hemminger die Stärken und Schwachstellen der Evangelikalen offen und bricht eine Lanze für humorvollen Dialog.
Von PRO
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Hansjörg Hemminger war wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)
Hansjörg Hemminger war wissenschaftlicher Referent bei der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen (EZW)
Der Verhaltenswissenschaftler Hansjörg Hemminger möchte mit seinem neuen Buch „Evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern“ den Dialog und die Selbstreflexion bei Evangelikalen fördern. pro hat mit ihm über Probleme der evangelikalen Bewegung und ihren Umgang mit Kritik gesprochen.

pro: Was zeichnet Evangelikale aus?

Hansjörg Hemminger: Die Betonung von Christus im Zentrum ihres Lebens zeichnet die Evangelikalen aus. Der lebendige Kern ihres Glaubens ist die persönliche Christusbeziehung. Das christliche Grundbekenntnis ist „christos kyrios“ – also Christus ist Herr. Das bedeutet, dass er auch Herr über mein Leben ist. Man kann jedoch über den Glauben von Menschen keine Qualitätsurteile anhand ihrer Sprache treffen. Es mag sein, dass eine Frau 30 Jahre im Chor ihrer Kirchengemeinde gesungen und nie das Wort „persönliche Beziehung zu Christus“ in den Mund genommen, diese aber in ihrer Musik gelebt hat.

Was ist das Hauptproblem der evangelikalen Bewegung?

Ihre Vertreter neigten in der Geschichte immer wieder dazu, die Sittlichkeit zu verteidigen, anstatt die Nachfolge Jesu in den Mittelpunkt zu stellen. Ohne Moral funktioniert das Zusammenleben natürlich nicht. Doch wenn wir Jesus Christus bezeugen, geht es darum, sich den Menschen mit der Liebe Gottes zuzuwenden. Das steht für mich vor dem moralischen Urteil und Appell. Um es mit Paulus zu sagen: „Der Glaube rettet, nicht das Gesetz.“ Die sehr berechtigte Abneigung gegen den Verfall moralischer Werte lässt manche auf der anderen Seite vom Pferd fallen – mit Lieblosigkeit, Gesetzlichkeit und Rechthaberei.

Warum ist das so?

Der Bewegung fehlt eine starke, positive Identität. Das Wort „evangelikal“ ist häufig ein Abgrenzungsbegriff, der signalisiert, was man nicht sein will. Die Leitung der Deutschen Evangelischen Allianz oder vieler Freikirchen läuft deshalb Gefahr, auf die Empörungsmechanismen unserer politischen Kultur zu setzen. Ihnen fehlt die Gelassenheit, mit Kritik und Angriffen in der Öffentlichkeit ruhig und sachlich umzugehen.

Kann man die negativ definierte Identität in eine positive umkehren?

Wenn es ein Mittel dagegen gibt, dann ist es eine ökumenische Haltung, Liebe zu den nicht-evangelikalen Mitchristen, in aller Klarheit und einschließlich der Auseinandersetzung mit dem, was man für Fehlentwicklungen hält. Dadurch kann sich positive Identität bilden. Ich werde mir meiner selbst gewiss, indem ich anderen erkläre, was mir wichtig ist, und von ihnen höre, was ihnen wichtig ist. Daran fehlt es in der Breite der Bewegung. Ökumene ist verbunden mit dem gemeinsamen Auftrag, das Evangelium zu den Menschen zu bringen. Die entscheidenden Dinge passieren, wo Glaube im Alltag gelebt wird. Wenn Menschen zum Glauben kommen, tun sie das häufiger über persönliche Beziehungen als durch evangelistische Großveranstaltungen. Aber statt Beziehungen zu pflegen, streiten sich Christen viel zu häufig untereinander.

Braucht die evangelikale Bewegung eine Reformation?

Einige Punkte in der Glaubensbasis der Evangelischen Allianz sollte man ändern. Das Bekenntnis zum lebendigen und gegenwärtigen Christus muss darin vor dem Bekenntnis der Autorität der Bibel stehen. Christus muss stärker ins Zentrum rücken. Wenn von der „vollkommenen Sündhaftigkeit des Menschen“ gesprochen wird, ist das für fremde Ohren einfach unverständlich. Und dass das Christentum immer mehr gesellschaftlichen Einfluss verliert, einschließlich der Evangelikalen, ist vielen in der Leitung nicht voll bewusst. Immer wiederkehrende Erweckungsprophezeihungen von Vertretern der Pfingstkirchen fallen jedes Mal in sich zusammen. Wenn ich mich den Herausforderungen der eigenen Zeit stellen will, dann muss ich sie nüchtern und realistisch wahrnehmen.

Woher kommt das evangelikale Bibelverständnis?

Die Bewegung enstand im 19. Jahrhundert aus dem sehr realistischen Eindruck, dass der christliche Glaube bedrängt ist von Wissenschaftsgläubigkeit. Dem wollten die Evangelikalen mit persönlicher Frömmigkeit sowie mit einer Stärkung der Autorität der Bibel entgegenwirken. Die Bibel wurde dabei nicht mehr vor allem als Zeugnis des Glaubens verstanden, sondern als Quelle absolut sicheren Wissens über die Welt: Dadurch konnte man Bibeltexte dem angeblich absolut sicheren Wissen der Wissenschaft entgegensetzen. Dass die Bibel von Christen immer als Heilige Schrift gesehen wurde, bedeutet aber nicht, dass sie vom Wortlaut her unfehlbar ist. Das Wort „heilig“ bedeutet „nahe bei Gott“, also dass die Bibel zu Gottes Handeln an der Welt gehört. Sie bezeugt nach Gottes Willen die Geschichte Gottes mit den Menschen und Jesus Christus. Der Bibelfundamentalismus sieht die Heilige Schrift dagegen als ein ewiges, unfehlbarers Lehrbuch. Sie ist der Maßstab für das Verhalten im Sportverein bis hin zum Umgang mit dem Sparkonto. Sie redet über die Natur- und Weltgeschichte, die Staatsverfassung, über Moral und Recht autoritär.

Warum haben viele in der evangelikalen Bewegung ein Problem mit Naturwissenschaften?

Das hängt genau mit dem Bibelverständnis zusammen. Wenn ich die Bibel als alternatives Wissen gegen das Wissen der Naturwissenschaft ins Feld führe, dann gerate ich in einen Konflikt zwischen den Weltbildern der biblischen Autoren und der Naturwissenschaft. Wenn ich die Bibel als ein Zeugnis für den Schöpfungsglauben verstehe, habe ich dieses Problem nicht. Ich finde es oft quälend, wenn der großartige Hymnus der Schöpfung (1. Mose 1) mit Gewalt in eine Art kümmerliche Naturgeschichte gepresst und gegen die Naturwissenschaft ins Feld geführt wird. Wir sollten in den Hymnus einstimmen und die Menschen überzeugen, dass er sie zutiefst betrifft. Am Anfang schuf Gott die Welt und am Ende wird er Frieden schaffen. Warum soll ich mir da diese Gefangenenkugel des Kreationismus ans Bein binden, der mich gegenüber der Wissenschaft zwanghaft und aggressiv werden lässt?

Wie reagieren Evangelikale auf Kritik?

Als konkretes Beispiel könnte ich den Streit um den Vorsitzenden der Evangelischen Allianz und Präses des Gnadauer Verbandes, Michael Diener, anführen. Hier wurde eine letztlich ja moralische Frage – die Bewertung von Homosexualität – absolut dominierend, und die Absicht von Michael Diener, nämlich eine Zuwendung zu den betroffenen Menschen, wurde Teilen der Bewegung völlig unwichtig. Es ging nur noch um das richtige Lesen der Bibel und die richtige Dogmatik der Moral. Das ist in der Geschichte der Bewegung öfter passiert. Es ist sicher einer der Schwachpunkte der evangelikalen Bewegung, dass sie mit Öffentlichkeit nicht gut umgehen kann.

Können Sie das konkretisieren?

Nach dem Massenmord von Orlando gab es zwei, drei Kommentare in wichtigen Tageszeitungen, die sagten, der Täter hätte auch ein Evangelikaler sein können. Das war ein echter Fehlgriff, Ergebnis eines realitätsfernen Feindbildes. Dann hatten wir auf der anderen Seite einen unsäglichen Baptistenpastor aus Sacramento, der sinngemäß sagte: Schade, dass nicht noch mehr Schwule erschossen wurden. Wie gewichte ich diese Äußerungen? Ich würde nicht skandalisieren, was die zwei, drei säkularen Kommentatoren sagten, sondern gelassen darauf hinweisen, dass für derlei Äußerungen kein empirischer Befund angeführt werden kann. Was dieser Baptistenpastor sagte, ist aber für die Glaubwürdigkeit unserer Botschaft entscheidend wichtig: Dem zu widersprechen hat eine viel höhere Priorität, als der Süddeutschen Zeitung in die Parade zu fahren. Mit den Medien sollte man den Dialog suchen. Aber der Baptistenpastor zerstört die christliche Botschaft. Entschlossene Binnenkritik wäre hier deutlich angebrachter gewesen.

Sie haben gerade ein Buch über die evangelikale Bewegung veröffentlicht, das den Untertitel trägt: „Von Gotteskindern und Rechthabern“. Was wollen Sie damit erreichen?

Ich möchte gerne einen Dialog und eine Selbstreflexion bei Evangelikalen fördern: sowohl über die Stärken als auch über die Schattenseiten ihrer Bewegung. Ich wünsche mir eine Offenheit gegenüber anderen Christen und ihren Ideen. Wir müssen nicht die Ehre der Evangelischen Allianz oder der Evangelikalen oder auch der Evangelischen Kirche verteidigen. Es geht darum, dass die Botschaft von der Nähe Gottes in Jesus Christus die Menschen erreichen kann. Wir haben als Christen vom Besten zu berichten, was es zu berichten gibt. Humor wäre eine riesengroße Hilfe bei der Kommunikation mit unserer Umwelt. Um über sich lachen zu können, braucht man eine innere Sicherheit. Wenn wir die als Christen nicht haben, die in der Liebe Gottes geborgen sind, wer soll sie sonst haben?

Vielen Dank für das Gespräch.

Die Fragen stellte Norbert Schäfer. (pro)

Hansjörg Hemminger: „Evangelikal. Von Gotteskindern und Rechthabern“ 240 Seiten, 15 Euro, Brunnen, ISBN 9783765520495

Dieses Interview stammt aus der neuen Ausgabe 4/2016 des Christlichen Medienmagazins pro. Bestellen Sie pro kostenlos unter der Telefonnummer 06441/915151, via E-Mail an info@pro-medienmagazin.de oder online.

http://www.pro-medienmagazin.de/gesellschaft/kirche/detailansicht/aktuell/rentzing-homosexualitaet-nicht-wille-gottes-93126/

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