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Heilsamer heiliger Zwischenraum

Die Tage vor der Adventszeit haben etwas Eigentümliches: Der Ewigkeitssonntag ist vorbei, der Advent aber noch nicht da. Aber er kommt, bald, und dann wird im Dunkel ein Licht aufgehen. Eine Kolumne von Jürgen Mette
Von Jürgen Mette
Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Foto: pro/ Jürgen Mette

Der Theologe Jürgen Mette leitete viele Jahre die Stiftung Marburger Medien. 2013 veröffentlichte er das Buch „Alles außer Mikado – Leben trotz Parkinson“, das es auf die Spiegel-Bestsellerliste schaffte.

Der Ewigkeitssonntag ist vorbei und damit auch das zurückliegende Kirchenjahr. Diese Woche ist für mich ein heiliger Zwischenraum, eine Hektik-Bremse, ein Nachdenken über den Tod. Soeben erfahre ich, dass eine liebe Freundin an Bauchspeicheldrüsenkrebs gestorben ist. Von der Diagnose bis zum Exitus waren es gerade mal drei Wochen. Ihr Gebet um ein schnelles Ende wurde erhört.

Ich kenne betagte Menschen, die nur noch einen Wunsch haben, nämlich sterben zu dürfen. Manche warten seit Jahren darauf. Ich denke an eine Hensoltshöher Diakonisse, also eine evangelische Ordensfrau, die ich in meinem Berufspraktikum 1978 in Nürnberg kennengelernt habe. Damals war sie schon fast 80 Jahre alt. Wir haben uns danach noch oft geschrieben und ich habe sie immer besucht, wenn ich in Mittelfranken unterwegs war. Und immer fragte sie mich, warum sie nicht nach Hause ins Vaterhaus darf. Ich wusste keine Antwort. Aber ich habe meine Ratlosigkeit Gott geklagt: „HERR GOTT, das darf doch nicht zu schwer sein, diese Frau, die ihr Leben für dich gegeben hat, einfach heimzuholen!“

Eines Tages beschloss ich mit meiner Frau, unsere treue Beterin und Freundin noch einmal zu besuchen. Sie lag trotz großer körperlicher Schwäche freudestrahlend mit ihren rosigen Apfelbäckchen in den Kissen. Wir haben mit ihr gesungen und gebetet, von unseren Kindern erzählt. Als wir sie zum Abschied fotografieren wollten, wehrte sie energisch ab. So, als wollte sie uns ihr Wesen überlassen, nicht nur ein Abbild ihrer irdischen Existenz. Beim Abschied seufzte sie ihren letzten Wunsch hinter uns her: Gott möge sie heimholen. Wenige Tage später erhielten wir die Nachricht von ihrem Heimgang.

Es war Advent geworden. Für sie und für uns. Ein Licht in ihrer Umnachtung, ein offener Himmel über ihrem schlichten Grab, ein Vorgeschmack auf den wiederkommenden Christus.

Als äußeren Ausdruck dieser Woche der Zeitenwende zwischen Licht und Finsternis, Tod und Leben, Ankunft und Abschied werde ich nachher unser Haus und unseren Garten dezent illuminieren. Energiebewusst, traditionell einfarbig, ohne Blinkeffekte, ohne Rentier- und Schlittenapplikationen aus Plastik. Das Baumhaus für die Enkelkinder ist inzwischen beheizbar. Die Zutaten für die Produktion von Spritzgebäck warten auf Verarbeitung. Und am Wochenende eröffnen wir das neue Kirchenjahr mit Musik. Meine treuen Leser wissen es schon: mit dem Eröffnungschor „Jauchzet, frohlocket“ aus Johann Sebastian Bachs Weihnachtsoratorium. Ein Ritual. Wir nehmen „Macht hoch die Tür“ wörtlich und öffnen die Terrassentüren und beschallen unsere Nachbarschaft mit Freude und Hoffnung. Das Schönste kommt noch!

„Lasset das Zagen, verbannet die Klage,

stimmet voll Jauchzen und Fröhlichkeit an!

Dienet dem Höchsten mit herrlichen Chören,

lasst uns den Namen des Herrschers verehren!“

Diese heilige Woche des Zwischenraums lässt den Tod mit seinem Schrecken im Dunkel zurück und stimmt uns auf die Ankunft des wiederkommenden Christus ein. Ich bin bereit.

Von: Jürgen Mette

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